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Haltung statt Zurückhaltung

Portrait von Joe Kaeser
Siemens-CEO Joe Kaeser lässt sich nicht den Mund verbieten. Foto © Siemens

Joe Kaeser hat es wieder getan. Über Twitter kritisierte der Siemens-CEO Ende Juni die Verhaftung von Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete durch die italienischen Behörden: “Menschen, die Leben retten, sollten nicht verhaftet werden. Menschen, die töten, Hass und Gewalt säen, sollten es.” Wieder positionierte sich Kaeser damit moralisch wie politisch, der Bezug zum grässlichen rechtsradikal motivierten Mord an Walter Lübcke ist offensichtlich. Dass nun Kaeser selbst Morddrohungen erhält, ist erschreckend und erwartbar zugleich. Es zeigt den Mut, den es braucht, sich deutlich zu positionieren.

Weniger erwartbar war der intellektuelle Angriff des Managementberaters Reinhard K. Sprenger in der Wirtschaftswoche. “Er darf das nicht”, rügte Sprenger und mahnte, als angestellter Manager sei Kaeser einzig den Siemens-Anteilseignern und Kunden verpflichtet. “Er ist übergriffig in Bereichen, wo ihn niemand legalisiert hat, seine Stimme zu erheben.”

Portrait von Reinhard K. Sprenger
Der Berater Reinhard K. Sprenger spricht Managern das Recht ab, sich öffentlich
zu politischen Fragen zu äußern. Foto © Reinhard Sprenger/dentalmedia GmbH

Beide bleiben sich treu: Kaeser als der meinungsstarke CEO, der sich immer öfter in politische und gesellschaftliche Debatten einmischt und dabei einigen Gegenwind aushält. Und Sprenger als der herausragende Mahner, Berater und Begleiter des Managements, der er seit bald dreißig Jahren ist. Sprenger predigt die maximale Zurückhaltung des Managements, es gibt hierzulande keinen wichtigeren und präziseren Businessguru als ihn. Aber diesmal fällt es schwer, ihm zu folgen.

“The business of business is business”, meinte der berühmte US-Ökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman einmal: Sinn und Zweck der Wirtschaft sei es, sich ums Geschäft zu kümmern. Das stimmt natürlich, einerseits. Andererseits stammt dieser Satz von 1970. Heute sehen wir klarer, wohin es führt, wenn sich Managergenerationen von jeglichem Verantwortungsballast befreien: Wir leben in einer Welt, deren Wohlstandsbrüche überdeutlich werden und die mit großen Schritten auf den klimatischen Exitus zuläuft.

Längst wissen wir, dass alles mit allem zusammenhängt, dass kein Handeln ohne Konsequenz bleibt. Also ist die Antwort klar: Natürlich müssen Unternehmen und ihre führenden Köpfe Verantwortung übernehmen, sich klar positionieren, Flagge zeigen! Interessanterweise hat Sprenger sich in seinem 2015 erschienenen Titel “Das anständige Unternehmen” mit dem Friedman-Zitat, dem er jetzt nach dem Mund zu reden scheint, durchaus kritisch auseinandergesetzt. “Um es deutlich zu sagen”, schreibt er dort:

“Der Zweck des Unternehmens ist es nicht, Profit zu machen. (…) Die Steigerung des Unternehmenswertes direkt anzusteuern (…), erzeugt Sinnlosigkeit”.

In diesem Buch schreibt Sprenger von “Anstand durch Abstand”, von “Enthaltung als Haltung”, von der “Freiheit zum Verzicht”. Zurückhaltung im Management, so Sprenger, sei “nicht passiv im Sinne eines ‚Unterlassens‘, sondern aktiv, sie ist eine entscheidende Tat”. Auch unternehmerische Verantwortung speise sich weniger aus dem, was man tue, sondern vor allem aus dem, was man unterlasse.

Klar, das kann man so sehen. Denn zur Verantwortung gehört ja nicht zuletzt der Mut, nein zu sagen und sich gängigen Mechanismen zu verweigern: Wir machen da nicht mit! Dazu gehört, dem kurzfristigen Umsatzerfolg zuwiderlaufende Entscheidungen zu treffen, in Zusammenhängen zu denken und unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Natürlich hat ein Wirtschaftskapitän auch heute das Recht, sich auf das Wirtschaften zu beschränken. Doch führt uns das weiter? Nein. Zurückhaltung ist im besten Falle nobel; oft ist sie schlicht opportun, nicht selten feige. Haltung hingegen ist in der Wirtschaftswelt Mangelware. Ein bisschen mehr davon würde nicht schaden.

Ist Chefredakteur der Personalwirtschaft. Er ist unter anderem spezialisiert auf die Themen Organisationsentwicklung, Unternehmenskultur, Innovations- und Veränderungsmanagement.