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Alle Hände voll zu tun

Cartoon von einem Menschen im Büro, der alle Hände voll zu tun hat.
Cartoon: Kai Felmy

Der Chef Ihres Affenfelsens hat gesagt, er will mehr Diversity in seiner Führungsmannschaft. Also haben Sie sich nach neuen Zielgruppen umgesehen und ein Rotnackenwallaby und ein Walross ins Assessment geladen. Wen stellen Sie ein? Das Wallaby natürlich. Schließlich ist es ein echter Beidhänder, wie die Beuteltierforschung festgestellt hat: Mit der linken Pfote macht es die Feinarbeit, mit der rechten alles, wofür man rohe Gewalt braucht. Da hat das Walross als überwiegender Rechtsflosser keine Chance. Außerdem hüpft das possierliche Känguru superagil durchs Großraumbüro. Genau der richtige Kandidat also in Zeiten, in denen Organisationen als Erfolgsrezepte hohe Dosen von Digitalikum forte, zweimal täglich Disruptivum und jede Menge Ambidextrin verschrieben bekommen. 

Wer seine Hände noch dafür benutzt, die Augen vor der Zukunft zu verschließen, muss wissen: Die Zeiten, sich auf alten Erfolgen auszuruhen und die Finger zur Raute zu formen, sind endgültig vorbei. Den einstigen Marktrevolutionär ereilt heute in BreitbandHighspeed das Innovator’s Dilemma, der digitalen Beschleunigung sei Dank. Daher lautet die Losung fürs 4.0-Zeitalter: Uber yourself before you get kodaked. Zu Deutsch: Friss dich selbst oder stirb aus, Dinosaurier.

Freilich wäre es dumm, das traditionelle Kerngeschäft den Innovationen
zu opfern, solange es noch Gewinn abwirft. Darum ist der organisationale
Spagat gefragt zwischen “Exploit” und “Explore”, die regeltreue,
auf Effizienz getrimmte Abwicklung des Daily Business hier, das
zügellose Forschen nach Lösungen zur Selbstkannibalisierung dort.
In den Manager-Alltag übersetzt heißt das: neben dem Tagesgeschäft
mal eben in fünfzehn parallelen Projekten die Zukunft wuppen. Ist
doch kein Ding für Leute mit Hands-on-Mentalität.

Nun gut, mancher Unternehmenslenker bekommt kognitive Dissonanzen und bildet die Tendenz zu einer janusköpfigen Doppelpersönlichkeit aus (Neulich beim Betriebsarzt: “Herr Doktor, wer bin ich und wenn ja wie viele?”). Und hier und da soll es einarmige Banditen geben, die sogar bewusst dafür sorgen, dass in einer Organisation die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Aber an der Ambidextrie kommen auch diese Exemplare auf kurz oder lang nicht vorbei. Hand drauf!

Am besten holt man sich deshalb Leute wie Lothar Matthäus an Bord. Der kann laut Kaiser Franz bekanntlich links wie rechts. Eine andere Lösung ist, der eingestaubten Konzernorganisation frisches Start-up-Blut zu verabreichen. Mittlerweile stellen fast alle Kapitäne der DaxTanker kreativen Talenten eine kleine Werft zur Verfügung, um mehr oder weniger fahrtüchtige Schnellboote zu entwerfen: In Innovation Labs, Company Buildern, Inkubatoren und Accelatoren wird designgethinkt und geprototypt. Vor allem in Berlin, der einst zweigeteilten Stadt, der Kapitale der Ambidextrie.

Doch was macht man nun, wenn man ein Walross ist? Ruhe bewahren. Bevor Sie Ihre linke Flosse im Sandaufwühlen üben, im Plüschkostüm zum Vorstellungsgespräch erscheinen und zum Recruiter sagen: “I wanna be your Wallaby!”, erinnern Sie sich des alten Mantras, dass nichts beständiger ist als der Wandel. So geht sicher auch bald die Zeit der Beidhänder zu Ende. Schon steht der Krake vor der Tür und redet den nächsten Management-Trend herbei: In einer multipolaren Welt braucht es Polydextrie! Die Lösung für alle Nicht-Oktopoden unter uns: künstliche Zusatzarme. Der technische Fortschritt macht es möglich, dass Uschis Nagelstudio demnächst nicht mehr nur Fingernägel verlängert, sondern auch beliebig viele Extraextremitäten anleimt. Und da sind Walrösser, was die körperliche Erweiterungsfläche angeht, eindeutig im Vorteil.