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Fehlerkultur: Hinterher lachen wir drüber!

Cartoon mit einem Angestellten der seinen Chef nach einer Gehaltserhöhung fragt.
Cartoon: Kay Felmi

Nein, auch heute ist es noch nicht sonderlich cool, Fehler zu machen. Aber wer sicher genug im Sattel sitzt, darf fröhlich von seinen “Fails” und “Fuck-ups” erzählen. Mit “Scheitern als Chance” war aber etwas anderes gemeint.

Irren ist menschlich, Fehler passieren. Trotzdem macht man sie nicht gern, und auch das scheint durchaus in unserer Natur zu liegen. Mein dreijähriger Sohn jedenfalls bekommt besorgniserregende Brüllanfälle, wenn die Duplosteine nicht wie geplant zusammenpassen, und dem Sechsjährigen brennen Tränen der Wut in den Augen, weil die mühsam ins Schulheft gearbeiteten Zahlen einfach nicht in die dafür vorgesehenen Kästchen passen wollen. Nun, das mag zugegebenermaßen mit dem Genpool zusammenhängen. Auch ich als leiblicher Erzeuger neige in Anbetracht eigener Verfehlungen zur ausgiebigen Selbstgeißelung. “Hinterher lachen wir drüber”, sagt mir dann ein Freund stets aufmunternd, wenn gerade mal wieder etwas schiefzugehen droht, und am Ende hat er meistens recht.

Tatsächlich ist es ja auch völlig out, sich wegen eigener Fehler zu verteufeln. Wenn wir in den letzten Jahren eines von den Start-ups gelernt haben, dann doch dies: dass es okay ist, Fehler zu machen. Mehr noch, gerade ist es sogar ziemlich en vogue, darüber zu sprechen. Über “Fails” und “Fuck-ups” berichten Manager inzwischen fast so gern wie über “Business Models” und “Best Practices”.

Failure Nights verfolgen ja auch eine prima Idee: Wir stehen zu dem, was schiefgelaufen ist, analysieren es, teilen die Erkenntnisse mit anderen und lernen für das nächste Mal gemeinschaftlich daraus. In der Praxis läuft dies häufig eher auf ein Kokettieren mit einer einzelnen, klar abgezirkelten Schwäche hinaus, das letztlich vor allem die eigene Stärke unterstreicht: “Schaut mal, in diesem oder jenem Projekt habe ich zigtausend Euro verbrannt!” Im Subtext schwingt mit: “Ich toller Hecht jongliere üblicherweise mit noch viel größeren Budgets, und zwar in aller Regel äußerst erfolgreich – so erfolgreich, dass ich es mir erlauben kann, hier einmal launig aus dem Nähkästchen zu plaudern.” Das ist in etwa so, als präsentiere Nibelungenheld Siegfried stolz seinen im frischen Blut des eigenhändig erlegten Drachen gebadeten Leib, mit dem beiläufigen Disclaimer, ihm sei da ein Lindenblatt unglücklich zwischen die Schulterblätter gesegelt – blöde Sache, das passiere ihm bestimmt nicht noch einmal.

Den Vogel schoss kürzlich der ehemalige Bertelsmann- und Arcandor-Chef Thomas Middelhoff ab. Middelhoff, der ab 2014 wegen Untreue und Steuerhinterziehung drei Jahre in Haft saß, sprach bei einer Fuck-up-Night an der Uni Frankfurt vor über 1000 Zuhörern über seinen Weg, der ihn von der Chefetage hinter Gitter führte. Er gab sich als Büßer, als geläuterter Delinquent. Bei den Studierenden kam Middelhoff gut an, und bei sich selbst auch. Früher gefiel er sich als Topmanager, heute als gefallener Held. Er will jetzt weiter durch Deutschland reisen, Vorträge halten, Bücher schreiben. Was man halt so macht, wenn man seine Marktnische gefunden hat. Das nennt sich dann wohl Scheitern als Chance. Nur ist es leider das Gegenteil dessen, was uns die besagten Start-ups zum Thema Fehlerkultur lehren. Mit dem Credo “Better done than perfect” wollen sie die Angst vor Fehlern mindern, die Absicherungskultur in Organisationen auf- weichen, hierarchieübergreifendes Denken ermöglichen, agilere Settings schaffen, schneller werden, voneinander lernen. Intelligente Zusammenarbeit eben, jenseits von Druck, Schuldzuweisung und individueller Hybris.

Wie weit wir in Deutschland von dieser Art der Fehlerkultur noch entfernt sind, musste kürzlich Jürgen Gerdes erfahren. Der war bis Sommer Mitglied des Vorstands der Deutschen Post AG und dort quasi der Innovationsbeauftragte, weil er gegen alle Widerstände im Konzern und in der deutschen Autoindustrie gemeinsam mit einem Start-up Teile der DHL-Flotte erfolgreich elektrifiziert hat. Leider lief währenddessen in der hauptsächlich von ihm verantworteten Brief- und Paketsparte nicht alles ganz so glatt. Eine Gewinnwarnung später war Gerdes’ 30-jährige Laufbahn im Konzern vorüber.

Da ist er wieder, unser Siegfried aus der Sage – diesmal gleich vom ganzen Lindenbaum erschlagen. Ob Gerdes das nun als “Fail” oder “Fuck-up” verbucht hat, ist nicht überliefert. Aber wir werden es bestimmt noch erfahren. Vielleicht schreibt er ja ein Buch.


Dieses HR Buzzword Bingo ist in Ausgabe 12/2018 erschienen. Sie können das Heft in unserem › Shop bestellen

Ist Chefredakteur der Personalwirtschaft. Er ist unter anderem spezialisiert auf die Themen Organisationsentwicklung, Unternehmenskultur, Innovations- und Veränderungsmanagement.