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Erzähl mir was!

Comic von einem Kaperletheater
Cartoon: Kai Felmy

Storytelling ist das Gebot der Stunde im Personalmarketing. Vor allem jüngere Bewerber scheinen zu wollen, dass man ihnen Geschichten erzählt. Allerdings keine zum Einschlafen. Aber welche dann?

Das waren noch Zeiten, als sich Kandidaten bei Unternehmen beworben haben. Heute ist es – angeblich – umgekehrt. Jedenfalls ist vor einiger Zeit das Storytelling von der Werbung auf das Personalmarketing übergeschwappt. Damit sollen Unternehmen begehrte Talente für sich gewinnen. Weil das auf Deutsch aber nach hinten losgehen kann – “Erzähl mir keine Geschichten!” –, benutzt man meist die englische Terminologie. Storytelling also soll Kandidaten und Bewerber emotional ansprechen, begeistern und von der Unternehmenskultur überzeugen – und ehrlich sein. Dabei haben Geschichten ihrem Wesen nach doch immer auch etwas Fiktionales an sich. Bewertungen von Mitarbeitern sollen für noch mehr Authentizität sorgen – aber mal ehrlich: Sind im Storytelling nicht eigentlich nur die guten Märchen, pardon: Inhalte, gefragt? Die ohne den bösen Wolf?

Einig ist man sich, dass Kandidaten gepampert werden müssen, vor allem die jüngeren. Sie haben eine andere Anspruchshaltung und erwarten laut Studien, selbst bei Bewerbungen gut unterhalten zu werden. Zwei Dinge sind ihnen dabei wichtig: dass sie sich nicht langweilen und sich nicht anstrengen müssen. Schließlich bekamen die Generationen Y und Z von ihren Eltern mit, dass sie sich nichts bieten lassen sollen, aber beanspruchen dürfen, etwas geboten zu bekommen. Zum Beispiel interessante Geschichten statt öder Informationen – Fake News aber bitte nicht. Und dabei wollen sie bei ihren digitalen Gewohnheiten gepackt werden. Inzwischen wird ja auch schon gematscht im Firmensandkasten, nein, es wird gematcht: Passt der Bewerber auch in die Unternehmensfamilie? Er darf es gern selbst vorher überprüfen mit einem Online-Test.

Hat man die Talente einmal durch Storytelling geködert, sollen sie auch gehalten werden. Vielleicht sollten Arbeitgeber (klingt das mittlerweile nicht fast schon zu gönnerhaft?) in Zeiten der Stories und Events demnächst damit punkten, dass die lieben Angehörigen neuer Mitarbeiter am ersten Arbeitstag mitkommen und die Kultur hautnah erleben dürfen. An Universitäten können Eltern die neuen Studis, wie sie längst verniedlichend genannt werden, ja schon begleiten. Vielleicht ein kurzer Firmenrundgang, dann Bio-Limo mit Veggie-Bratlingen, dazu ein netter Mitarbeiter-Poetry-Slam oder eine Geschichte vom Chef im Stil der “Sendung mit der Maus” über das Unternehmen. Und wenn die Neuen dann noch vom Vorgesetzten geduzt werden à la “Ich bin der Lars und wer bist du?”, ist die dauerhafte Bindung gesichert. Mama und Papa würden ihre Kleinen in guten Händen wissen. Man muss der zunehmenden Infantilisierung der Gesellschaft schließlich Rechnung tragen, zumal selbst Wettervorhersagen zu Kindergartensendungen geworden sind, in denen Moderatoren erwachsenen Zuschauern erklären, dass man bei Kälte Mütze und Schal anziehen soll.

Vielleicht sollten die Mamas ihren Sprösslingen aber statt einer Schultüte einen selbstgestrickten Sparstrumpf in die Arbeitswelt mitgeben, weil absehbar ist, dass die Rente später nicht reichen wird und das Gehalt immer weniger wert ist. Auch ist der Joballtag trotz schöner Storys ja nicht weniger hart geworden und im Zuge der Digitalisierung wird sich noch vieles verändern, Personalabbau inklusive. Na ja, Hauptsache, das Kinderzimmer ist dann noch frei. Ich bin übrigens die Ute.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.