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Medienkritik an H&M: „Das ist schlicht und ergreifend falsch“

Portrait Angela Gallenz.
HR-Managerin Angela Gallenz ist seit 25 Jahren für H&M tätig. Foto: H&M

Die Situation des Personals in der Modebranche ist oft
Anlass zu öffentlicher Kritik, die manchmal in Empörung übergeht. Im aktuellen
Fall geht es um ein Freiwilligenprogramm zur Stellenreduktion bei H&M, über
das zuerst Business Insider berichtete. Der größte Stein
des Anstoßes war in einem Teil der Headline beschrieben: “So will der Modekonzern
junge Mütter loswerden”. Dass der Konzern kurz darauf seinen Bericht für das
Geschäftsjahr bis November 2020 veröffentlichte, der einen – wenn auch
drastisch gesunkenen – globalen Gewinn von rund 122 Millionen Euro und für
Deutschland als führendem Einzelmarkt ein relativ moderates Umsatzminus von 12
Prozent auswies, beruhigte die Lage nicht.

Wir haben Angela Gallenz zu der Angelegenheit
befragt, die seit 25 Jahren für H&M arbeitet und seit 2007 die HR-Leitung für Deutschland und weitere europäische Länder innehat.

Personalwirtschaft:
Vergangene Woche berichtete Business Insider aufsehenerregend über ein
Freiwilligenprogramm von H&M zum Abbau von 800 Stellen hierzulande. Kurz
darauf verkündete der Konzern die für den deutschen Markt gar nicht so
schlechten Zahlen für das Geschäftsjahr 2020. Sehen Sie eine inhaltliche
Verbindung zwischen diesen beiden Nachrichten?

Angela
Gallenz:
Wir haben
das Freiwilligenprogramm schon im vergangenen Jahr intern bekanntgegeben.
Insofern müsste man den Business Insider fragen, seit wann er davon Kenntnis
hatte und ob der Zeitpunkt der Publikation und der Zusammenhang zu unserem
Jahresbericht bewusst gewählt sind.

Können Sie
die Aufregung über das Freiwilligenprogramm nachvollziehen?

Ich verstehe natürlich
die Brisanz der Nachricht, zumal sie in unsicheren Covid-19-Zeiten und aus dem
Einzelhandel kommt, der sich gerade so massiv wandelt. Da wirkt so eine Meldung
noch stärker. Aber Freiwilligenprogramme sind ja nichts Neues, es gibt
sie schon ewig. Abgesehen davon sind wir froh, trotz der aktuellen
wirtschaftlichen Lage ein Freiwilligenprogramm mit unseres Erachtens wirklich
attraktiven Konditionen anbieten zu können.

Die
Brisanz der Sache erwächst auch weniger aus dem Programm an sich. Sondern daraus,
dass die Unternehmensführung dem Gesamtbetriebsrat eine Vorschlagsliste
vorgelegt haben soll, auf dem Mitarbeitende aus im Vergleich umsatzschwachen
Filialen und vor allem aus bestimmten sozialen Gruppen stehen sollen. Gibt es
so eine Liste?

Natürlich haben
wir uns im Zuge von Covid-19 angeschaut, wie wir uns insgesamt und auch im
stationären Handel entwickeln und in welchen Filialen es einen wirtschaftlichen
Handlungsbedarf gibt. Wir haben dem Gesamtbetriebsrat dabei keine Vorschläge
mit Bitte um grünes Licht für das Freiwilligenprogramm gemacht, sondern ihm
eine freiwillige Beteiligung an den Verhandlungen darüber angeboten, um eine
einheitliche Behandlung aller Kolleginnen und Kollegen zu gewährleisten. Dann haben wir uns
die Lage in den betroffenen Betrieben genauer angeschaut und das Programm dort
angeboten. Zu sagen, wir hätten uns dabei auf Mütter oder auf Schwerbehinderte
konzentriert, ist schlicht und ergreifend falsch.

Dieses Programm ist etwas
Inkludierendes, nichts Exkludierendes.

Inwiefern?
Natürlich
können alle Kolleginnen und Kollegen an dem Programm teilnehmen. Wir
sind Unternehmer und
möchten immer mit den Menschen wachsen, und zwar nach Möglichkeit mit allen. Zum
Beispiel haben wir über Jahre viel Zeit in ein tolles Schwerbehindertenprogramm
investiert. Es wäre doch betriebswirtschaftlich und vor allem sozial
unverantwortlich, das jetzt zu konterkarieren.

Aber wenn
das ein Freiwilligenprogramm ist: Wozu eine Vorschlagsliste? Darin liegt ein
gewisser Widerspruch.

Wenn
wir sagen, wir schließen eine Filiale, dann wissen wir natürlich auch, wer dort
arbeitet. Wegen Krankheit oder Elternzeit in Abwesenheit befindliche
Kolleginnen und Kollegen mussten wir im Zusammenhang des Freiwilligenprogramms
ausdrücklich nennen. Sonst wären sie automatisch von der Teilnahme
ausgeschlossen gewesen, obwohl sie normalerweise in dem betroffenen
Stellenprofil oder der Arbeitszeit tätig sind.

Und die
Liste beinhaltet keine Personengruppen oder gar Namen, sondern solche Stores?

Wir sind von
der Überlegung ausgegangen, in welchen Stellenprofilen oder zu welchen Zeiten
der Arbeitsanfall seit mehreren Jahren rückläufig ist. Dies wurde für jeden
betroffenen Store einzeln ermittelt. Der Gesamtbetriebsrat personifiziert das,
das ist aus seiner Sicht völlig verständlich. Aber in manchen Medien wird das
Ganze jetzt so hingestellt, als sei dieses Programm etwas ganz Schlimmes. Dabei
haben wir auch Kollegen, die sagen: Das nehme ich gerne an, weil ich andere
Ideen für mein Leben habe.

Laut
Business Insider werden in Elternzeit befindliche Mitarbeitende im Vorschlag der
Geschäftsführung fürs Freiwilligenprogramm “explizit” als für das Programm
“prädestiniert” erwähnt, weil junge Eltern arbeitszeitlich weniger flexibel
seien.

Ich kann aus
tiefstem Herzen sagen: Nein, wir wählen nicht gezielt Eltern und
Schwerbehinderte aus.

Aber?
Im Rahmen des
Freiwilligenprogrammes können sich alle Kolleginnen und Kollegen, die in den
eben beschrieben Stellenprofilen oder Arbeitszeiten beschäftigt sind, melden.
Und zwar unabhängig davon, in welchem Stundenvolumen wir sie beschäftigen und
ob sie derzeit vielleicht gar nicht aktiv sind. Ich betone es nochmal: Eine
explizite Erwähnung von krankheitsbedingt abwesenden oder in Elternzeit
befindlichen Kolleginnen und Kollegen war rechtlich notwendig, um sie nicht
automatisch von der Teilnahme am Freiwilligenprogramm auszuschließen.

In der
Gesamtschau könnte es dann doch darauf hinauslaufen, dass es viele
Mitarbeitende dieser beiden Gruppen trifft. Das könnte man schon kritisch
sehen, zumal Sie sich das Engagement für junge Mütter und Schwerbehinderte auf
die Fahnen schreiben.

Das Ganze ist
eine Frage der Perspektive. Und in der Perspektive des Business Insiders wird
uns unterstellt, wir zielten auf dieses Ergebnis ab.

Davon möchten wir wirklich
Abstand nehmen. Für uns ist im Endeffekt wichtig, wie sich die Lage im
einzelnen Betrieb im Zeichen des digitalen Wandels und jetzt auch noch von
Corona darstellt. Ich glaube, am Ende werden die 800 Personen ein sehr diverses
Bild abgeben, genau wie unsere Belegschaft insgesamt.

Ein
Verdi-Vertreter wird auf T-Online zitiert, H&M versuche mit dem Programm
die “in einem Sozialplan vorgesehene Sozialauswahl zu umgehen”. Ist auch das eine Frage der Perspektive?

Ich kann
diese Sicht verstehen, natürlich will man da Druck aufbauen. Unser Ansatz
bestand darin, ein Programm zu installieren, das all unseren Kolleginnen und
Kollegen die Möglichkeit zur Teilnahme gibt, weil es vielleicht in ihren
Lebensplan passt – und dadurch die Zahl der betriebsbedingten Kündigungen zu
verringern, die wir im nächsten Schritt aussprechen müssten. Dabei halten wir
selbstverständlich alle rechtlichen Vorgaben und eine Sozialauswahl ein – und
ebenso selbstverständlich sind Kolleginnen und Kollegen in Abwesenheit, ob in
Elternzeit oder langzeiterkrankt, dann von diesen Kündigungen ausgeschlossen.

 

›› Eine
längere Fassung des Interviews mit Angela Gallenz können Sie in unserer
März-Ausgabe lesen. Darin geht es unter anderem um die Rolle und das Selbstverständnis
von HR – nicht nur im Zuge der aktuellen Debatte.

Ist freier Mitarbeiter der Personalwirtschaft.