Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Gesundheit: „Die Menschen schlafen fast ausschließlich zu wenig“

Portrait Thomas Kantermann.
Thomas Kantermann ist Professor und stellvertretender Direktor des Instituts für
Arbeit und Personal der FOM Hochschule für Oekonomie & Management, Essen. Foto: FOM Hochschule für Oekonomie & Management

Personalwirtschaft: Herr
Kantermann, Sie haben gerade einen wissenschaftlichen Beitrag zum aktuellen
Schlafverhalten arbeitender Menschen in Industrieländern verfasst. Welche
zentralen Aussagen treffen Sie darin?

Thomas
Kantermann:
Ich habe mir für diesen Beitrag – es war eine Art Kurzkommentar –
vor allem zwei der ersten Studien angeschaut, die sich dem Thema Schlaf im
Kontext der Lockdowns widmen, genauer gesagt des Arbeitens im Homeoffice. Für
die eine hat eine Schweizer Arbeitsgruppe Daten aus Deutschland, Österreich und
aus der Schweiz selbst analysiert. Die andere beruht auf der Befragung
Studierender in Colorado in den USA. Der Tenor ist bei beiden Arbeiten der
gleiche: Während des Lockdowns schliefen die für diese Studien befragten
Personen etwas mehr und auch später. Sicherlich kann man diese Ergebnisse nicht
auf alle übertragen. Bei vielen Eltern kleinerer Kinder zum Beispiel sieht die
Situation wahrscheinlich anders aus.

Welche
Erklärung gibt es dafür?

Der Druck
früh aufzustehen, ist für viele Menschen geringer. Schon deshalb, weil die
Anfahrt zum Arbeitsplatz wegfällt. Dadurch richten sie sich in ihrem
Schlafverhalten eher an ihrer inneren Uhr aus. Ein weiterer möglicher Grund
kann das Licht sein, denn im Homeoffice und während eines Lockdowns verbringen
viele Menschen weniger Zeit draußen. Durch fehlendes Tageslicht kann es dazu
kommen, dass die innere Uhr “nachgeht” und man später wach und müde wird.

Wie viel
mehr schlafen die Menschen im Durchschnitt?

Die Datenbasis ist noch zu gering, um das genau zu
beziffern. Aber anhand der beiden Studien können wir wohl von einer guten
halben Stunde mehr ausgehen, sowohl an Arbeitstagen wie an arbeitsfreien Tagen,
bei teilweise allerdings etwas schlechterer Schlafqualität.

Hat die
geringere Qualität mit den Sorgen zu tun, die sich viele Erwerbstätige machen?

Das kann
sein. Man muss sagen, dass etwa die Schweizer Daten während der Lockdowns im
Frühjahr 2020 gesammelt wurden, als man sich noch an die Pandemie und die
Beschränkungen gewöhnen musste und nicht absehen konnte, was passiert. Viele
Menschen hat das besonders belastet, möglicherweise weil sie die Sorgen um die
Gesundheit oder die Jobperspektive mit ins Bett nahmen. Fakt ist aber: Sie
haben länger und damit aus chronobiologischer Sicht gesünder geschlafen.

Wir
schlafen normalerweise also nicht gesund genug?

Ich würde das
noch spitzer formulieren: Das Gefühl, genug Schlaf zu bekommen, scheint für den
Großteil der arbeitenden Bevölkerung in den Industrienationen und speziell in
großen Städten unbekannt zu sein. Vielleicht haben sich viele an diesen Zustand
gewöhnt, aber wir sehen, dass die Menschen dort fast ausschließlich zu wenig
schlafen. Ein klarer Indikator dafür ist, dass 80 bis 90 Prozent von ihnen –
die Daten variieren leicht von Land zu Land – morgens einen Wecker brauchen,
manche sogar an arbeitsfreien Tagen. Sie müssen sich aus dem Schlaf holen, um
pünktlich zur Arbeit zu kommen. Dem einen fehlen zwei Minuten, der anderen zwei
Stunden. Darunter leidet auf Dauer alles: die Laune, die Zufriedenheit, die
Fitness, die Gesundheit.

Man kann
sich doch am Wochenende erholen.

Tatsächlich
wissen wir, dass an den freien Tagen Schlaf nachgeholt und auch später
geschlafen wird – eine Münchner Arbeitsgruppe hat in diesem Zusammenhang den
Begriff “sozialer Jetlag” etabliert. Der Begriff basiert auf der Annahme der
Chronobiologie, dass uns unsere innere Uhr die Schlafmenge und auch den passenden Schlafzeitpunkt vorgibt – da
unterscheiden wir uns zwischenmenschlich ja deutlich voneinander. Diesen Schlaf
finden wir an den freien Tagen, an denen wir keinen gesellschaftlichen Zwängen
durch Arbeit unterliegen. Die Diskrepanz zum Schlaf an Arbeitstagen markiert
den Jetlag – und der wird in der Pandemie geringer. Wenn die Menschen häufiger
so schlafen wie an freien Tagen, betrachten wir das als gesundheitsförderlich.

Die
Bedeutung von ausreichend Schlaf und Erholung auf die Leistungsfähigkeit und
die Motivation von Mitarbeitenden ist sattsam bekannt und erörtert. Was lässt
Sie hoffen, dass die aktuellen Veränderungen von Dauer sein könnten?

Es wird
vermutlich ein sozialer Druck entstehen, weil Arbeitnehmer in der Masse
feststellen, dass es ihnen besser geht. Ich bin da sehr puristisch: Wenn die
Menschen über einen relativ langen Zeitraum – wir reden ja über viele Monate –
feststellen, wie gut sich das anfühlt, eine halbe Stunde länger und vor allem
zu der Zeit schlafen, die ihrer inneren Uhr entspricht, werden sie sich in
diesem Schlafverhalten bestätigt sehen. Sie werden ausgeglichener, motivierter
und zufriedener sein – all das auch im Kontext von Arbeit. Arbeitgeber dürften
es vor diesem Hintergrund schwer haben, die persönliche Anwesenheit an fünf
oder sechs Tagen die Woche einzufordern. Und spätestens wenn wir, wie ich
vermute, irgendwann sehen, dass sich das Arbeiten zuhause in sinkenden Krankentagen
widerspiegelt, wird sich bei ihnen ein Bewusstsein für die Vorteile der
aktuellen Situation herausbilden.

Mehr
Homeoffice und Selbstorganisation fordern und prophezeien viele. Dementgegen
steht die Furcht vieler Arbeitnehmer und Führungskräfte vor Kontrollverlust.

Wir haben in einem Bürobetrieb mal etwas ganz Triviales
probiert. Es gab dort Gleitzeit, die aber niemand richtig nutzte. Wir haben die
Mitarbeitenden also aufgefordert, vier Wochen lang ohne Wecker aufzustehen. Das
ist für viele Arbeitgeber ein Schreckensszenario: Sie fürchten, dass die Leute
erst mittags kommen und Chaos ausbricht. In dem genannten Fall wurde endlich
die Gleitzeit genutzt, und statt Chaos gab es zufriedenere Mitarbeiter.

Und die
Pandemie kann die Macht solcher Gewohnheiten und verkrusteter Strukturen
senken?

Bei aller
Dramatik hat sie jedenfalls auch ihr Gutes. Wir können innehalten und
überlegen, welche Arbeitswelt wir wollen und in welchen Berufsbereichen sich
wie schnell Änderungen vollziehen lassen – es geht ja nicht darum, das ganze
System zu verteufeln, für viele Menschen passt ihre Arbeitszeit. Aber durch
Digitalisierung, Automatisierung und die Veränderung von Jobprofilen entstehen
große Freiräume zur Entkoppelung von Arbeitszeit und -ort. Das sollten Unternehmen
nutzen. Wenn ein Arbeitgeber sagt: Liebe Leute, mir ist wichtig, dass Ihr
gesund schlaft, ich möchte Euch dabei helfen und die Arbeitszeiten entsprechend
anpassen, dann ist das ein sehr starkes Signal an die Belegschaft.

 

›› In der gerade erschienenen Ausgabe 3/2021 der
Personalwirtschaft antwortet Thomas Kantermann zudem auf die „Kurze Frage“:
„Ist gesunder Schlaf im Schichtbetrieb möglich?

›› Die Personalwirtschaft können Sie hier abonnieren.

›› Hier erhalten Sie alle Hefte auch im Einzel-Verkauf.

Ist freier Mitarbeiter der Personalwirtschaft.