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„Abläufe müssen nachvollziehbar sein“

Thorsten Schäfer-Gümbel im Porträt
Foto © Susie Knoll

Thorsten Schäfer-Gümbel legt alle politischen Ämter nieder und wird im Oktober Arbeitsdirektor und Vorstandsmitglied des Bundesunternehmens GIZ. Bei den Bürgern kommen solche Wechsel nicht immer gut an.

Es ist in diesen Tagen leicht, Politiker zu kritisieren. Gleich welcher Couleur, haben sie in letzter Zeit oft Anlass dazu gegeben. Wer aber nur mit grobem Maß misst, läuft Gefahr, Details und Nuancen zu übersehen. Die Nachricht, dass Thorsten Schäfer-Gümbel vom 1. Oktober an neues Vorstandsmitglied und neuer Arbeitsdirektor der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wird, ließ jedenfalls aufhorchen. Immerhin hatte sich der langjährige Landesvorsitzende und Fraktionschef der hessischen SPD den Ruf erworben, ehrlich und aufrichtig zu sein. Die Presse aber kann manchmal unbarmherzig agieren. Seine politische Karriere begleitete sie mit mal mehr, mal weniger treffsicheren Beschreibungen. Cicero berichtete 2013 in “Der Trümmermann” davon, wie ihn “halb Deutschland” anfangs noch als “Doppelnamendümpel mit der Flaschenbodenbrille” verhöhnt habe. Sein Aufstieg zum geachteten “TSG” und stellvertretenden Vorsitzenden der Bundes-SPD begann, als Andrea Ypsilanti bei der Wahl zur hessischen Ministerpräsidentin über Abweichler in den eigenen Reihen gestolpert war.

Personalwirtschaft: Wie gehen Sie mit der Kritik um, aus der Politik auf einen gut dotierten Vorstandsposten zu wechseln? Wie reagieren Sie auf die Haltung der Kritiker?
Thorsten Schäfer-Gümbel:
Indem ich antworte, dass ich das nachvollziehen
kann, gerade weil sich Gehälter in den vergangenen zwanzig Jahren
deutlich auseinanderentwickelt haben. Diese Entwicklung kann man aber
auch wieder umkehren, da sind die Sozialpartner und die Politik in der
Verantwortung.


Für ihn sei immer klar gewesen, dass eine neue Aufgabe zu ihm und seinen Prinzipien passen müsse, schrieb er in seiner persönlichen Erklärung zu seinem politischen Rücktritt. Inhaltliche Bezugspunkte sind da: Thorsten Schäfer-Gümbel studierte Agrar- und Politikwissenschaften in Gießen und war zwischen 2003 und 2008 entwicklungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion.


Haben Sie bereits Erfahrung im Personalbereich?
Ich war zehn Jahre lang Vorsitzender der SPD in Hessen und der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag. Mit beiden Ämtern ist natürlich auch Personalverantwortung verbunden.

Welche Führungs- und Organisationskultur halten Sie für erstrebenswert?
Abläufe müssen transparent und nachvollziehbar sein. Die Entscheidungen, zu denen sie führen, sollten idealerweise von einem möglichst breiten Konsens getragen werden.


Der 49-Jährige sagt, für ihn habe bereits direkt nach der dritten verlorenen Wahl zum hessischen Ministerpräsidenten festgestanden, dass es keinen vierten Anlauf geben werde. Etwas Pathos klingt mit:

“Für mich ist dies nur ein Abschied von Ämtern, nicht aber von Menschen, Ideen und dem Kampf für eine bessere Welt.”


Wo sehen Sie Handlungsbedarf, um die Arbeitswelt sozial und gesundheitsverträglich zu organisieren?
Die SPD ist dereinst gegründet worden, um aus technischem Fortschritt einen gesellschaftlichen und sozialen Fortschritt zu machen. Es geht darum, dass die Dividende der Digitalisierung nicht einigen wenigen zugutekommt, sondern allen. Dazu brauchen wir klare Regeln für den Arbeitsalltag im digitalen Zeitalter. An erster Stelle muss hier ein Recht auf Weiterbildung stehen, denn die Halbwertszeit von Wissen hat sich drastisch verkürzt. Wir müssen neue Arbeitsschutz- und Arbeitszeitmodelle entwickeln und außerdem darauf reagieren, dass immer mehr Arbeitsplätze von räumlichen und zeitlichen Beschränkungen losgelöst werden.


Er wird an seinen Taten gemessen werden. Das ist seine Chance – und allemal ehrenvoller und fairer, als sich in Schlagzeilen als “Notnagel” (Handelsblatt) oder “Unvollendeter” (Frankfurter Rundschau) wiederfinden zu müssen.

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.