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Jammern auf hohem Niveau

Frau mit Mundschutz.
Hat die Corona-Pandemie der Gen Z die berufliche Zukunft verhagelt? Bild: Anastasia Molotkova / iStock

Nach den Generationen Y und Z folgt jetzt also die Generation Lockdown. Die jungen Menschen, denen die Corona-Pandemie die berufliche Zukunft verhagelt, diejenigen, die sich vom Wohlstand ihrer Eltern und Großeltern verabschieden müssen, weil die einbrechende Wirtschaft, strenge Kontaktbeschränkungen und taumelnde Unternehmen ihnen den Berufseinstieg und -aufstieg vermasseln. Das zumindest prophezeien manche Medien und Experten, und auch die Betroffenen haben das Gefühl, abgehängt zu werden. Nahezu ein Drittel der jungen Talente hat infolge der Krise die eigene berufliche Orientierung überdacht, und 40 Prozent der Hochschul-Absolventen sind hinsichtlich ihrer beruflichen Perspektiven eher oder sogar sehr verunsichert, dies hat eine aktuelle Studie ermittelt.

Zugegeben, die Zahlen sprechen erst einmal für sich. Viele Ausbildungsstellen entfallen als Folge von Corona, viele Unternehmen verzichten derzeit auf Neuanstellungen oder bauen Personal ab – oftmals junge, qualifizierte Mitarbeiter, die bei der Sozialauswahl den Kürzeren ziehen. Trotzdem, die Lage ist zwar ernst, aber nicht hoffnungslos. Tatsache ist nämlich auch, dass die jetzigen Berufseinsteiger nicht die ersten sind, die sich mit widrigen Gegebenheiten auseinandersetzen müssen.

Dotcom anybody? Als zu Beginn der Nullerjahre das glitzernde New-Economy-Kartenhaus krachend in sich zusammenstürzte, verloren reihenweise gerade Jüngere ihre Stelle, lösten sich die Verheißungen des Internetzeitalters (erst einmal) in Rauch auf. Und die Finanzkrise 2008 erschütterte weltweit nicht nur die Banken. In Folge des Crashs verloren europaweit Hunderttausende ihre Jobs und beruflichen Perspektiven. Beispiel Spanien:

Die dortige Generation Y galt vor zwölf Jahren als “verlorene Generation” – und hat sich doch wieder aufgerappelt.

Zudem gilt: Der Wettbewerb um die begehrte “Generation Z” ist durch Corona nicht mit einem Schlag zu Ende. Laut einer aktuellen Studie des Marktforschungsunternehmens Index Research planen rund 70 Prozent aller befragten Unternehmen auch in Krisenzeiten, weiter Mitarbeiter zu rekrutieren. Junge, hoch qualifizierte Arbeitskräfte sind dabei besonders gefragt – sie müssen nur damit umgehen, dass die Wirtschaft eine Pause einlegt und dass die Gehälter derzeit nicht in den Himmel wachsen. Die “Generation Praktikum” jedenfalls wird auch nach Corona nicht mehr zurückkehren.

Alles halb so wild also? Gab es nicht in der Vergangenheit viel schlimmere Krisen? Jein. Zwar haben Wirtschaft und Wohlstand auch früher heftige Niederschläge hinnehmen müssen und sich doch wieder erholt. Neu ist jetzt allerdings die Geschwindigkeit, mit der der Abwärtstrend einsetzt. Ebenso die Unsicherheit, ob nicht der nächste Shutdown folgt. Nach Dotcom-Blase und Finanzkrise brauchte die Wirtschaft Jahre, um sich von den Folgen zu erholen – aber sie tat es am Ende. Was die derzeitige Situation anders macht, ist die Unberechenbarkeit des Coronavirus und die damit einhergehenden Folgen. Niemand weiß, wann es einen Impfstoff und verlässliche Behandlungsmethoden gibt und ob nicht im Herbst die nächste Infektionswelle anrollt, die die Wirtschaft in den Winterschlaf schickt und weitere Menschenleben kosten wird. Damit muss die Gesellschaft, müssen Unternehmen, Mitarbeiter und Bewerber gleichermaßen lernen umzugehen.

Krisenzeiten wie diese bieten immer auch Chancen. So hat sich das Homeoffice nach jahrzehntelanger Ächtung innerhalb kürzester Zeit auf breiter Front als Arbeitsform durchgesetzt. Auch die “Generation Lockdown” könnte gestärkt aus dieser schwierigen Situation hervorgehen – indem sie sich weiterbildet, analysiert, welche Kompetenzen künftig besonders gefragt sein werden, und die Nerven behält. Denn auch wenn diese Krise irgendwann ein Ende findet: Mittelfristig müssen wir lernen, mit ihr zu leben.

›› Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Juli-Ausgabe erschienen. Ein Abonnement können Sie hier abschließen.

Ist Redakteur der Personalwirtschaft. Er ist spezialisiert auf die Themen Arbeitsrecht und Outsourcing und verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.