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Karrieren des Jahres

Menschen in Unterführung.
Sie kommen und gehen. Die HR-Sesselwechsel des Jahres 2020. Bild: Nikada/istock

“Ein Wasserballer für den Vorstand der Deutschen Bank”, titelte das Handelsblatt über den seinerzeit doch überraschenden Wechsel von Michael Ilgner, bis dahin langjähriger CEO der Stiftung Deutsche Sporthilfe. Das gleiche Blatt berichtete rund neun Monate später von einer Umfrage, nach der die Quote der Bank-Mitarbeitenden, die stolz auf ihren Arbeitgeber sind, binnen Jahresfrist um 18 Prozentpunkte auf 64 Prozent gestiegen ist. Wie viel Anteil Michael Ilgner schon daran hat, ist nicht leicht zu beurteilen: Für die Umsetzung der Transformationsstrategie “Compete to Win” ist Fabrizio Campelli, seit 2019 Chief Transformation Officer bei dem Geldhaus, verantwortlich.

Portrait Michael Ilgner.
Michael Ilgner, Global Head of HR, Deutsche Bank. Foto: obs/Stiftung Deutsche Sporthilfe

So viel mediale Wellen der Wechsel von Ilgner seinerzeit verursacht hat, so ruhig ist es nach außen hin um ihn geworden. Vergessen ist sein erfolgreicher und radikaler Umbau der Deutschen Sporthilfe allerdings nicht. Seitdem Christian Seifert verkündet hat, seinen Posten als Geschäftsführer und Präsidiumssprecher der DFL im Sommer 2022 aufzugeben, fällt Ilgners Name auffällig häufig bei den Spekulationen um seine Nachfolge.

Microsoft als Kaderschmiede

Portrait Sabine Bendiek
Foto: Sabine Bendiek, ab 2021 Personalvorständin, SAP. Foto: Microsoft Deutschland

Currently taking a breath” steht als Statuszeile im Linkedin-Profil von Sabine Bendiek. Eine kleine Auszeit zwischen zwei Top-Posten in der deutschen Wirtschaft kann keinesfalls schaden. Die bisherige Geschäftsführerin Deutschland von Microsoft wird zum Jahresbeginn 2021 neue Personalvorständin bei SAP, ihre Nachfolgerin wird die bisherige Schweiz-Chefin Marianne Janik.”Mich erwarten neue Aufgaben in einem neuen Unternehmen, aber genau das entspricht ja auch dem von mir so oft vertretenen Konzept des beständigen Lernens und Weiterentwickelns”, schreibt Sabine Bendiek. Über ihren Posten hinaus wird sie als Impulsgeberin zu Themen rund um die Digitalisierung geschätzt – das soll ihr zufolge auch künftig so sein. Gleichzeitig scheint sich der Geschäftsführerposten in München als eine Art HRKaderschmiede zu entpuppen. Ihr Vorgänger Christian Illek wechselte 2015 als CHRO zur Deutschen Telekom, wo er mittlerweile das Amt des CFO bekleidet.

Die Antreiberin

Portrait Christina Schulte-Kutsch.
Christina Schulte-Kutsch, Senior Vice President Talent und Organizational Development, ZF Group. Foto: Deutsche Telekom AG

Apropos Deutsche Telekom: Christina Schulte-Kutsch hat dort vieles angeschoben, zum Beispiel “Level up! Leading Agile”. Das zehnmonatige Entwicklungsprogramm soll Führungskräfte bei der Bewältigung der Herausforderungen des digitalen Zeitalters unterstützen. Entsprechend findet es hauptsächlich online statt. Für Außenstehende etwas überraschend kam daher der Wechsel zur ZF Group im März 2020, wo Schulte-Kutsch nun als Senior Vice President Talent und Organizational Development Weichen stellt. Die HR-Vordenkerin ist eine derjenigen, die den Status quo nicht als gegeben hinnehmen. Ihr Start in Friedrichshafen fiel zeitlich mehr oder weniger mit dem ersten Corona-Lockdown zusammen. Homeoffice, Purpose, Sinnstiftung – alles wichtig. “Aber das ist mir zu wenig”, sagte sie Ende Oktober bei einer Diskussionsrunde im Rahmen von Nextact, dem “Nicht-Event für die Digitale Transformation”. Diesen Rahmen müsse es zwar geben, “aber wir als HR müssen ihn stärker füllen”. Etwa mit mehr Konzepten, die für die Gesamtbelegschaft gelten. Die Chancen im Jahr 2021 stehen gut, dass von ihr noch viele weitere Impulse kommen werden.

Ihre Vorgängerinnen sind gestolpert

Portrait Judith Wiese.
Judith Wiese, CHRO und
Vorstandsmitglied, Siemens. Foto: Anko Stoffels/Siemens

Diversity und Gleichberechtigung – in manchen Führungsetagen sind das immer noch Streitthemen. Das zeigen zwei Wechsel des Jahres, für die sich sogar Publikumsmedien bis hin zur Zeitung mit den vier großen, roten Buchstaben interessierten. Es ist Judith Wiese zu wünschen, dass sie ihre Aufgaben als HR und Global Business Services-Vorstand sowie Arbeitsdirektorin bei Siemens unbehelligt davon erfüllen kann. Der Abschied ihrer Vorgängerin Janina Kugel wurde zu einer Hängepartie. Grund sollen unter anderem Differenzen mit dem Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser, der sie lange Zeit gefördert hatte, gewesen sein. Wiese kam vom niederländischen Unternehmen DSM, das in den Bereichen Gesundheit, Ernährung und nachhaltiges Leben aktiv ist. Ob sie Zeichen gegen die “männerdominierte Führungskultur”, so das Manager Magazin, setzen kann?

Portrait Amanda Rajkumar.
Amanda Rajkumar, ab 2021 Personalvorständin, Adidas. Foto: Raymond Mair/Adidas

Auch die Besetzung des Personalvorstandspostens bei Adidas mit Amanda Rajkumar muss nicht, kann aber aus politischer Perspektive gesehen werden. Karen Parkin nahm Ende Juni den Hut, nachdem Kritik an ihrem Umgang mit dem Thema Rassismus laut geworden war. Laut Spiegel soll sie es bei einer internen Veranstaltung der Tochter Reebok als “Lärm” abgetan haben, über den nur in den USA debattiert werde. Ihre folgende Entschuldigung wurde von Mitarbeitenden als unzureichend empfunden. Dass die Affäre auch die Nachbesetzung beeinflusst hat, wird aus den Worten des Vorstandsvorsitzenden Kasper Rorsted deutlich. Vielfalt präge Adidas wie nur wenige andere Unternehmen: “Diese Position wollen wir nicht nur halten, sondern Adidas zu einem noch vielfältigeren, inklusiveren Unternehmen machen.” Dass die Britin Amanda Rajkumar ihre Karriere als Psychologin in der Forschung begann, dürfte sicher kein Nachteil sein.

Ein Politikwechsel

Portrait Stefan Ruppert.
Stefan Ruppert, Personalvorstand und Arbeitsdirektor, B. Braun. Foto: B. Braun

Vielen Wechseln von Politikern in die freie Wirtschaft haftet ein Geschmäckle an. Häufig nicht ganz zu Unrecht, liegt doch hier und dort der Verdacht mehr als nahe, die in der Bundespolitik gesammelten Kontakte in einer zweiten Karriere gewinnbringend zu nutzen. Bei Stefan Ruppert, seit 1. April Arbeitsdirektor und Vorstand für Personal und Recht bei B. Braun, kam dieser Verdacht nie auf, obwohl auch er einflussreich war. 30 Jahre lang engagierte er sich politisch, zuletzt als Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender der hessischen FDP. Dem Unternehmen war er schon länger verbunden, seit 2014 als Mitglied der Geschäftsführung. Umso erfrischender, wenn es statt PR-Floskeln einmal persönliche Einblicke in die Entscheidungsfindung gibt. Bei einem Neujahrsempfang im Taunus erklärte er, dass er Jahr für Jahr 300 Termine absolviert habe. Nun geht er auf die 50 zu, wollte seine Familie öfter sehen und sich außerdem noch einmal in neue Zusammenhänge eindenken. Klingt nachvollziehbar – und dürfte ihm aufgrund der Corona-Krise mehr Arbeit gemacht haben als voraussehbar war. Es bleibt spannend, was er aus der neuen Chance macht.

›› Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Dezember-Ausgabe erschienen. Ein Abonnement können Sie hier abschließen.

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.