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Machen statt perfekt sein zu wollen

Portrait von Dr. Henning Beck
Dr. Henning Beck meint, zu viel Perfektion hemmt die Innovation. / Foto: Marc Fippel

 Gleich zu Beginn eine Klarstellung: Nicht jeder Fehler ist gut. Auch wenn allenthalben eine aktive Fehlerkultur und eine “fehlerfreundliche Arbeitsatmosphäre” gepriesen werden, sind Fehler prinzipiell erst einmal eine schlechte Sache. Gerade in einem Technologieland wie dem unseren sollten Produkte tadellos sein und Dienstleistungen und Arbeitsabläufe effizient vonstattengehen. Doch um auch in Zukunft weiterhin fortschrittliche Technologien zu entwickeln, ist Makellosigkeit nur die halbe Miete.

Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Auch wenn man sie so radikal wie möglich bekämpfen will, wird man sie nie ausmerzen können. Unser Gehirn tickt nicht wie eine effiziente Maschine, die sich bis zur Perfektion optimieren lässt. Vielmehr laufen unterbewusst ständig alle möglichen alternativen Ideen, Handlungen oder Entscheidungen durch unseren Kopf, von denen sich manchmal eine falsche durchsetzen kann. Das nervt – und doch ändert das Gehirn diese Denkstrategie nicht. Denn wenn es um neue Ideen geht, entpuppt sie sich als gewaltige Stärke.

Wären wir perfekt und fehlerfrei, wir wären schnell durch eine Software ersetzbar.

Jeder Prozess, den man mit dem Ziel “mehr Effizienz” optimieren möchte, ist prinzipiell durch einen Algorithmus durchführbar. Wer hingegen das menschliche Denken nicht auf das Niveau einer fehlerlosen Maschine degradiert, kann das innovative Potenzial seiner Mitarbeiter voll ausschöpfen. Dazu braucht es aber ein Umfeld, das Menschen nicht dafür bestraft, wenn sie mit einer Idee um die Ecke kommen. Und das sie von permanenter Kontrolle befreit.

Oft wird jedoch das Gegenteil gepredigt: Bloß keine Fehler machen! Head down and deliver! Dabei ignoriert man, dass sich Ideen nicht am Fließband produzieren lassen. Für innovative Einfälle gibt es keine Kennzahl, keinen KPI, kein Kriterium, anhand dessen sie sich in eine Excel-Tabelle einpflegen lassen. Das mutet befremdlich an. Und genau deswegen versucht man, das Unkontrollierbare, den menschlichen Ideenreichtum, in messbare Bahnen zu lenken. Doch die Forschung zeigt eindeutig: Wer zu viel kontrolliert, verliert – erst das Vertrauen seiner Kollegen und schließlich deren Akkuratesse. Menschen, die sich zu stark kontrolliert fühlen, können nicht mehr klar denken. Kein Wunder, wenn man ständig den Aufpasser im Nacken spürt. Paradebeispiel hierfür ist das Rückwärtseinparken in eine enge Parklücke: Schaut niemand zu, ist das kein Problem. Stehen aber zehn johlende Teenager mit ihren Handykameras daneben, wird es schon schwieriger.

Wer ein Auto fährt, sollte daher keine Fehler machen und die Verkehrsregeln beachten. Doch wer das Auto der Zukunft entwickeln will, muss in der Lage sein, mit Denkregeln zu brechen. Ob das gutgeht, weiß man vorher nicht. Aber nur durchs Ausprobieren kommt man auf neue Ideen. Wer seine Arbeitsabläufe hingegen konsequent auf Effizienz und Fehlerfreiheit trimmt, ist am Ende genauso leistungsfähig wie ein monokultiviertes Rapsfeld: super gut, wenn alles bleibt wie es ist; aber schnell weg vom Fenster, wenn sich eine Kleinigkeit ändert.

Eine ideenförderliche Arbeitsatmosphäre lebt genau von diesem Bewusstsein, dass die besten Ideen mit einer Regel brechen können. Die innovativsten Unternehmen machen sich dies zunutze und schaffen ein Klima, das solches Denken über den Tellerrand hinaus begünstigt: Indem sie den Austausch der Mitarbeiter über Abteilungsgrenzen hinweg fördern. Indem sie Projektphasen gezielt zum Ausprobieren freigeben, bevor anschließend wieder “fehlerfrei” gedacht wird. Indem sie Mitarbeitern das Gefühl geben, nicht gleich als Depp dazustehen, wenn eine neue Idee floppt. Und indem sie keine Angst davor erzeugen, etwas falsch zu machen.

Viel wichtiger, als Menschen zu einer perfekten und effizienten Arbeit zu erziehen, könnte daher manchmal das Gegenteil sein: sie dabei zu unterstützen, aus Fehlschlägen gestärkt hervorzugehen. Das angstfreie Ausprobieren ist schließlich der beste Nährboden für gute Ideen. Denn nur wer aufstehen kann, lernt das Laufen.

Dieser Beitrag stammt aus der Personalwirtschaft 12/2017.