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Mit Geschmacksverstärker

Bild: vaide/istock
Bild: vaide/istock

Es ist seit Jahren dieselbe Leier. Wieder und wieder muss sich HR anhören, im Unternehmen kein richtiges Standing zu haben, langweilig, verstaubt, bürokratisch und eine Karrierebremse zu sein. Das prägt, und die Reaktion kann in zwei Richtungen ausschlagen. Entweder fügt man sich in die zugewiesene Rolle des bald überflüssigen Verwalters oder man entscheidet sich für die Flucht nach vorn: Gestalter sein!

Vielleicht also um ihre innere Transformationsbereitschaft nach außen zu kehren, firmieren gerade jede Menge Personalchefs um. Vom “Chief People Officer” bis zur “Leiterin Arbeitswelt” ist auf der Visitenkarte vieles möglich. Und um die ganze Abteilung ebenfalls aus der Ödnis zu befreien, wird statt mit den tradierten Kennwörtern “Personal”, “Organisation” oder “HR” auch hier gern eifrig mit den Begriffen “People”, “Talent” und “Employee” hantiert, beliebig kombinierbar mit anderen Trendworthülsen und eben möglichst weit weg von dem, was man nicht mehr sein will: die graue Maus im Betrieb.

Das mag alles nach Fortschritt klingen, wichtiger als die Form bleibt aber der Inhalt. Doch im Zweifel für den Angeklagten: Immerhin ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich eine Personalabteilung, die sich einen neuen Namen, einen neuen Anstrich, ein neues Image gibt, vorab auch über die Ausrichtung und Wahrnehmung ihrer Arbeit intern und extern Gedanken gemacht hat. Hinzu kommt: Zahlreiche Personaler haben sich schon lange schwergetan mit den Begriffen “Humankapital” und “Humanressource”. Ökonomen deuten diese Bezeichnungen positiv, Sprachforscher halten sie für unzumutbar. Zumindest kann man diejenigen verstehen, die sie bei nächster Gelegenheit loswerden wollen. Doch sind diese Ausdrücke in der Unternehmenswelt, die dem Wesen nach ausschließlich durch die betriebswirtschaftliche Brille schaut, zumindest eines: ehrlich. Nun gehört Klappern bekanntlich zum Geschäft, ein kleiner Twist hier und da ist okay. Doch die Ehrlichkeit muss gewahrt bleiben, Form und Inhalt müssen weiter zusammenpassen. Das wissen Personaler, die schon einmal Luft aus aufgepumpten CVs gelassen, Etikettenschwindler enttarnt oder falsche Zertifikate gemeldet haben. Kniffliger – und deutlich häufiger – als die plumpen Lügen sind ohnehin die Grenzfälle: die vergrößerten Erfolge, die geschönten Pleiten. Lebensläufe, scheinbar mit demselben Filter geglättet wie die Haut der Kandidaten auf den Bewerbungsfotos. Wahrheit, mit Phantasie versetzt. Viel Ist, geschmacklich verstärkt mit einer Prise Soll.

“Schreib dir ‘nen neuen Lebenslauf / Näh’ dir ein ganz neues Gewand / Sei frei von jedem Zwang / Und bleib dir nicht treu.” Das singt der tolle Schweizer Liedermacher Faber, dessen Debütalbum in diesen Tagen erscheint. Sicherlich sollte man den Zeilen eines etwas prätentiösen Hipsters von 23 Jahren nicht allzu viel Gewicht beimessen, doch der Junge benennt eine Sehnsucht, die so alt ist wie die Menschheit: sich und sein Dasein per Handstreich neu zu erfinden, das Gewesene sein zu lassen und völlig verändert dazustehen. Gehäutet zum Neuanfang! Nie war es so leicht wie heute. Wenn die Bewerber ihr Profil mit wenigen Klicks herausputzen können, warum sollte es nicht auch HR tun?

Der neue Anstrich, die Häutung, das neue Gewand – sie passen in unsere Zeit, in das tägliche Stellungsspiel, das wir uns on- und offline liefern, um dabeizubleiben, um vorwärtszukommen. Es passt in diese Zeit, in der wir Informationen zu “Content” werden lassen und uns hinterher wundern, dass wir nicht mehr wissen, was “real” und was “fake” ist. Noch erkennen wir den Weichzeichner, den Filter, die Phrase. So sehr wir uns auch neu erfinden wollen – das sollten wir uns bewahren. Denn das Problem am Geschmacksverstärker ist nicht der gelegentliche Genuss. Das Problem ist, dass man bei übermäßigem Konsum verlernt, wie die Dinge eigentlich schmecken.

Autor: Cliff Lehnen

Erschienen in Ausgabe 07/2017 der Personalwirtschaft (› hier bestellen und weitere spannende Inhalte genießen)