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Die Mitarbeiter zu Unternehmern machen

Prof. Dr. Günter Faltin ist Gründer der Teekampagne, Unternehmer, Hochschullehrer und Autor. Foto © Privat
Prof. Dr. Günter Faltin ist Gründer der Teekampagne, Unternehmer, Hochschullehrer und Autor. Foto © Privat

Im Jahr 1985 habe ich die Teekampagne ins Leben gerufen, mit dem Ziel, Tee zu vernünftigen ökonomischen, ökologischen und sozialen Bedingungen zu handeln. Heute ist die Teekampagne der weltweit größte Importeur von Darjeeling-Tee. Unsere wichtigste Ressource sind die Kunden. Warum? Sie helfen uns als Unternehmen, Kosten zu sparen. Denn heute erzielen wir etwa ein Viertel unseres gesamten Umsatzes mit Sammelbestellungen, die von den Kunden selbst organisiert werden.

Dieser Vertriebsweg hat sich einfach so ergeben. Höhere Produktivität und niedrigere Kosten wurden uns, wenn man so will, geschenkt. Und, mehr als das: Wir könnten uns das, was uns da geschenkt wurde, gar nicht erkaufen. Zweimal haben wir unsere Sammelbesteller gefragt, wie wir ihre Mühe und ihr Engagement honorieren könnten. Deren Reaktion war beide Male einhellig und deutlich: Wie wir denn auf so eine Idee kämen? Das sei doch selbstverständlich. Das sei doch ökologisch eine gute Sache. Sie würden es merkwürdig finden, dafür belohnt zu werden.

Ich glaube nicht, dass unsere Kunden der Teekampagne nun ganz besonders edle oder selbstlose Menschen sind. Ich glaube, die Ressource, die wir da gefunden haben, steht auch jedem anderen Unternehmen offen: Menschen machen gerne etwas Sinnvolles. Etwas Vernünftiges. Für das Klima, für die Gesellschaft, für ein gutes Leben. Und sie sind gerne bereit, anderen dabei zu helfen, etwas Sinnvolles zu tun. Freunden, Nachbarn, Kollegen – und Unternehmen.

Nach meiner Erfahrung haben die kleinen und jungen Unternehmen, die Davids, bessere Chancen, diese Ressource zu erschließen, als die Goliaths der Konzerne. Weil sie authentischer sind. Eine Studie von Liv Jacobsen zur Motivation von Unternehmensgründern kam zu dem Ergebnis, dass überraschenderweise an erster Stelle nicht Gewinnmaximierung oder geschäftlicher Erfolg stehen, sondern Selbstverwirklichung, der Stolz auf das eigene Produkt und auf den eigenen Ansatz – kurz: auf ihr Ideenkind. Wer selbst so begeistert ist, kann auch andere begeistern.

Das gilt natürlich auch für die eigenen Mitarbeiter. Die Gallup-Umfrage zur Arbeitszufriedenheit kommt fast schon traditionell zu dem Ergebnis, dass 50 bis 70 Prozent aller Mitarbeiter in großen Unternehmen unmotiviert sind. Was für eine Verschwendung von menschlichen Ressourcen! Bei Gründungen hingegen geht es viel stärker um Arbeitsinhalte, mit denen sich Mitarbeiter identifizieren und die ihrer Arbeit einen Sinn geben.

Nun kann sich ein Großunternehmen nicht wieder in ein Start-up verwandeln. Aber es kann Schritte auf dem Weg dorthin tun.

HR sollte das unternehmerische Denken der Mitarbeiter fördern, denn dieses ist in mehr Menschen verankert als wir glauben.

Jeder Mensch, so der Neurobiologe Gerald Hüther, sei von Anfang an ein geborener Unternehmer. Wir alle kommen mit einer angeborenen Lust am eigenen Entdecken und Gestalten zur Welt. Ob diese Lust im späteren Leben wächst oder unterdrückt wird, hängt von den Erfahrungen ab, die wir gemacht haben. Sicher, die wenigsten gehen dann den Schritt, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Aber die meisten würden gerne im Unternehmen etwas tun, das sie für sinnvoll halten.

Heute heißt das, die großen Themen der Zeit aufzugreifen. Im post-industriellen Zeitalter sind das: Wiederversöhnung mit der Natur; Abschied vom Wegwerfkonsum; intelligentere, langlebigere Produkte; mehr Miteinander, mehr Fairness, mehr Zeit für uns, mehr geglücktes Leben. Das werden die neuen Perspektiven für unternehmerisches Handeln sein – ob als Entrepreneur oder als Unternehmer im Unternehmen.