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Den Blick nach vorne richten

Verschiedene Symbolbilder zur Ausbildung
Fotos: ©industryview

Normalerweise läuft in jedem Frühjahr das Wettbewerbsfinale der knapp 430000 Ausbildungsbetriebe um die etwa halbe Million Schulabgänger. Schließlich finden Unternehmen jährlich für etliche Tausend Ausbildungsplätze keine Bewerber. Im Normalfall verstärken auch in jedem April diejenigen jungen Menschen, die noch keinen Vertrag in der Tasche haben, ihre Aktivitäten, um sich den Einstieg in den Wunschberuf zu sichern. Doch diese Gesetzmäßigkeiten sind mit dem Lockdown im März 2020 außer Kraft gesetzt.

Können die angehenden Azubis im August oder September ihre Ausbildung überhaupt beginnen? Folgen Betriebe ihrer bisherigen Personalplanung oder zeigen sie Neueinstellungen von Ausbildungsanfängern die rote Karte? Und wie gehen Arbeitgeber und Schulabgänger mit der momentanen Ausnahmesituation um? Die Ausbildungsexperten beim virtuellen Round Table der Personalwirtschaft teilten ihre Erfahrungen und Eindrücke nach rund acht Wochen Shutdown. Durch ihren direkten Draht zu beiden Zielgruppen – den Ausbildungsbetrieben und den potenziellen Bewerbern – können sie die Veränderungen zum Vorjahr wie ein Seismograf registrieren.

Status quo

Die Wirtschaft ist in der Krise: Unternehmen korrigieren ihre Prognosen, mehrere Hunderttausend melden Kurzarbeit an. Zieht diese Entwicklung automatisch einen Ausbildungsstopp nach sich? Opfern die Unternehmen in Krisenzeiten ihre Ausbildungsambitionen? Vor dem Hintergrund der Corona-Krise kann keiner sicher prognostizieren, wie sich der Ausbildungsstellenmarkt entwickeln wird, aber die Ausbildungsexperten beim Round Table können auch anhand ihrer Zugriffszahlen Trends erkennen.

Schauen wir zunächst auf die Recruiting-Situation, die sich je nach Branche sehr unterschiedlich darstellt. Gastronomie, Hotellerie und einige Bereiche des Einzelhandels ziehen ihre Ausbildungsstellen für den Moment zurück, aber die Nachfrage beispielsweise nach Azubis im Lebensmitteleinzelhandel sei unverändert hoch, stellt Tobias Heberlein fest. Der Geschäftsführer von Azubiyo erlebt durchaus Betriebe, denen die Entscheidung für neue Azubis in diesem Jahr schwerfällt, aber “eine Wirtschaft, die für die Zukunft gerüstet sein will, muss ihre Fachkräfte von morgen auch ausbilden”.

Mancherorts pausieren die Bewerbungsprozesse, bestätigt der Executive Director von Ausbildung.de, Felix von Zittwitz. Doch “die allermeisten unserer Kunden gehen davon aus, dass sie spätestens im nächsten Jahr wieder ganz normal ausbilden”. Die wenigsten würden eine Reduktion planen, nur sehr wenige wollten oder müssten die Ausbildung aufgeben. Verständlicherweise, so räumt er ein, verliere in Phasen einer sich deutlich abschwächenden Konjunktur das Thema Nachwuchsmangel etwas an Brisanz. Gleichzeitig sei den Verantwortlichen aber bewusst, dass “Investitionen in den Nachwuchs kein Nice-to-have sind, sondern unentbehrlich für die Zukunft des Unternehmens”.

Eine sinkende Ausbildungsbereitschaft der Betriebe kann auch Wolfgang Weber, Geschäftsführer von Meinestadt.de, bislang nicht feststellen: “Die meisten Kunden stellen Azubis ein und glauben nur an eine vorübergehende Ausnahmesituation.” Deutliche Unterschiede im Ausbildungsverhalten zwischen Großunternehmen und KMU beobachtet dagegen Dieter Sicking. Der Geschäftsführer und Leiter des Standort Bremens von Aubi-plus registrierte im Monat Mai “bei großen Playern wieder eine relative Normalität”. Dort beschäftigte man sich mit dem kommenden Ausbildungsjahr 2021. Aber kleinere Betriebe, von denen einige ums Überleben kämpfen, würden “eher auf die Bremse treten und das Recruiting von Auszubildenden verhalten angehen”. Aus seiner Sicht bestehe durchaus die Gefahr, dass sich mittelfristig die Anzahl der Ausbildungsstellen verringere, da der Ausbildungsmarkt zu großen Teilen von KMU getragen werde. Gleichzeitig sieht er für Industriebetriebe eine positivere Entwicklung. Wenn die Lieferketten wieder funktionieren, so Sicking, könne es “einen heißen Herbst geben, weil dann die operativen Prozesse wieder anlaufen”.

Ob sich der beginnende Aufschwung schon im Herbst zeigt, ist ungewiss. Was aber, wenn er Ende des Jahres beginnt und die Azubis fehlen? Felicia Ullrich, Inhaberin von U-Form Testsysteme, wünscht sich, dass aufgrund der Lockdown-Folgen die Termine für den Ausbildungsstart flexibler gestaltet würden, “sodass ein späterer Einstieg möglich ist”. Sonst geht “Betrieben, die im August oder September nicht mit der Ausbildung starten können, ein ganzes Jahr verloren”. Und wer 2020 nicht ausbildet, dem würden 2022 oder 2023 die Fachkräfte fehlen.

Portraitfotos der Teilnehmer am Round Table

Neben den akuten Unsicherheiten – pro und contra neue Ausbildungsverträge für den Herbst – gibt es auch bei der Ausbildung der Lehrlinge selbst eine Art Lockdown. Denn wenn sie nicht an ihrem Arbeitsplatz in Industrie- oder Handwerksbetrieben erscheinen dürfen, kann die praktische Ausbildung nicht vernünftig fortgeführt werden. TK-Fachreferent Jürgen Heidenreich, der Ausbildungsbetriebe berät, weiß um die Probleme. Während die Arbeit im Homeoffice in kaufmännischen Lehrberufen je nach Ausbildungstand realisierbar und vertretbar sei, fiele in anderen Bereichen über viele Wochen der Praxisbezug weg. Ebenso würden manche Berufsschulen pausieren, weil sie keinen OnlineUnterricht anbieten können, und die IHKs haben Zwischenund Abschlussprüfungen in den Herbst verschoben. Daher versteht er, wenn Unternehmen momentan eher zögerlich bei der Einstellung neuer Schulabgänger reagieren. Aber die generelle Bereitschaft, junge Menschen in einen Beruf zu führen, sieht Jürgen Heidenreich durch den Corona-Lockdown nicht beschädigt: “Berufsausbildung ist keine spontane Aktion. Die Investitionen in Berufsanfänger zahlen sich immer langfristig aus.” Die meisten Unternehmen wüssten, dass sie bei der Rückkehr in den normalen Geschäftsbetrieb nicht auf die Ausbildung eigener Fachkräfte verzichten könnten.

Das Suchverhalten der Schüler im Lockdown

Als zögerlich, oder eher verunsichert, lässt sich auch die Reaktion der angehenden Schulabgänger im Lockdown beschreiben. In der Akutphase im März und April – sonst Monate mit sehr hohen Klick-Raten – gingen bei fast alle Ausbildungsportalen die Zugriffszahlen auf die geposteten Ausbildungsplätze zurück. Die Experten führen verschiedene Gründe für das veränderte Suchverhalten an. Die Erfahrung von Felicia Ullrich von U-Form: “Die kommenden Schulabgänger vermuteten, dass Unternehmen mit anderen Problemen zu kämpfen hatten und sich nicht mit Einstellungen beschäftigten konnten.” Hinzukomme, dass verschobene Schulabschlussprüfungen und die damit verbundene Unsicherheit den Fokus der Schüler auf ihre berufliche Zukunft sicherlich auch verschoben haben. “Wenn die Schule abgeschlossen ist, werden sich wahrscheinlich mehr junge Menschen die Frage nach der beruflichen Zukunft stellen.” Schon jetzt zeige sich, dass der Such- und Bewerbungsprozess durch Corona zeitlich deutlich nach hinten verschoben würde.

Eine andere Erklärung liefert Tobias Heberlein von Azubiyo: Mit dem Moment der Schulschließungen waren viele Jugendliche durch die Digitalisierung des Unterrichts erst einmal mit sich und den Veränderungen durch das Homeschooling beschäftigt. Inzwischen sei der digitale Unterricht sowohl bei den Jugendlichen als auch bei den Lehrenden fast zur Normalität geworden und “die Suche nach dem Ausbildungsplatz steht wieder spürbar im Fokus”. Insgesamt prognostiziert er für dieses Jahr eine wachsende Zahl von Bewerbern auf dem Ausbildungsmarkt. Denn diejenigen jungen Menschen, die sich sonst vor dem dualen Studium noch für ein Auslandsjahr entschieden hätten, würden nun in den Markt drängen. “Die Chancen für das Sammeln von Erfahrungen über die Grenzen hinaus stehen derzeit nicht so günstig, daher suchen die Schulabgänger nach Alternativen.”

Doch obwohl sich die Zahl der Zugriffe auf die geposteten Ausbildungsplätze im Mai wieder normalisiert hat, wie auch Felix von Zittwitz bestätigt, dauert die Verunsicherung der Zielgruppe an. Eine Befragung unter Schülern des Portals Ausbildung.de ergab: Zwei Drittel der Suchenden nehmen an, keine Stelle zu bekommen, weil sie davon ausgehen, dass Unternehmen jetzt weniger ausbilden. Und da gleichzeitig “die Ausbildungs- und Berufsinformationen über die Schule wegfallen und das Pausengespräch mit der Peergroup, verdrängen sie das Thema”. Ein weiterer Befund: Für ein Viertel der Schulabgänger sind die sogenannten systemrelevanten Berufe interessanter geworden. “Der gesellschaftliche Wert von Berufen in der Pflege und dem Krankenhaus gewinnt enorm an Attraktivität.”

Diese Entwicklung beobachtet auch Wolfgang Weber. Bei Meinestadt.de registriert man bislang nicht weniger Traffic, aber er verlagert sich: “Schülerinnen und Schüler suchen verstärkt nach Ausbildungsberufen, die bisher nicht auf ihrer Prioritätenliste standen.” Neben der Pflege zählen auch Berufe im Einzelhandel und der Logistik dazu. Seine Empfehlung an Betriebe: Sie sollten den Zeitpunkt nutzen, um für ihre Ausbildungsstellen in diesen Berufen zu werben.

Die Verbindungen nicht abbrechen lassen

Ob Industrie, Einzelhandel, Handwerk oder Gastronomie: Die Priorität der Unternehmen liegt momentan nicht beim Thema Ausbildung. Auch weil die Rückkehr zum Status vor dem Lockdown erst möglich ist, wenn Lieferketten funktionieren, Produktionsprozesse wieder anlaufen, die Nachfrage sich stabilisiert und die betriebswirtschaftlichen Prognosen auf Wachstum stehen.

Jedoch ist es in dieser Gemengelage riskant, die Fachkräfte von morgen aus dem Blick zu verlieren, da sie in Post-Corona-Zeiten gebraucht werden. Das Credo der Ausbildungsexperten lautet daher: Bleiben Sie in Verbindung mit den potenziellen Bewerbern! Zwar fallen Schulen als Multiplikatoren weg, da sie intensiv mit Fragen der Organisation des Unterrichts beschäftigt sind, so TKFachreferent Jürgen Heidenreich, aber es gäbe andere Wege wie zum Beispiel virtuelle Ausbildungsmessen. Als weiteren Schritt rät er, die eigenen Auszubildenden einzubinden, die “über Social Media oder regionale Netzwerke ihre Altersgruppe erreichen und Interesse für den Arbeitgeber wecken können”. Ebenso sei es entscheidend, diejenigen Schulabgänger, die bereits einen Vertrag unterschrieben haben, bis zum Beginn der Ausbildung bei der Stange zu halten. Zum Beispiel könnten Ausbilder sie regelmäßig anrufen oder per Mail in Verbindung bleiben. Gleiches gilt für potenzielle Azubis, ergänzt Tobias Heberlein von Azubiyo: “Wenn Betriebe bereits mit Bewerbern im Gespräch sind, aber momentan noch keine Zusage geben können, ist es sehr wichtig, den Kontakt zu halten.”

Natürlich bleiben auch viele Ausbildungsportale während des Lockdowns in Verbindung mit den Zielgruppen. So informiert Aubi-plus Schüler, Eltern, Ausbilder und auch Lehrer über alle Fragen rund um die Situation in der Pandemie – von Schulterminen pro Bundesland bis zu Anregungen für die Schulen, wie sie die Berufsorientierung als Fernunterricht gestalten können. “Aber wir schaffen es nicht alleine”, mahnt Geschäftsführer Dieter Sicking. Aufgrund der hohen Unsicherheit bei den jungen Menschen, ob Bewerbungen zu dieser Zeit überhaupt erwünscht seien, hofft er auf Unternehmen, “die offen kommunizieren, dass sie weiterhin ausbilden und Bewerbungen ausdrücklich willkommen sind”. Er empfiehlt Betrieben, transparent zu machen, wie ihr Bewerbungsprozess aussieht und worauf sich Bewerber in dieser Zeit einstellen müssen.

Praktikum first

Auch freiwillige Ferienpraktika, Schnupperpraktika zur Berufsorientierung und Probearbeit machte der Lockdown unmöglich. Dabei sind sie wichtige Bausteine für die Berufsentscheidung der Jugendlichen. Ist dies allen Betrieben bewusst? Sicher ist, dass die Ausschreibung von Praktikumsplätzen noch nicht zur Regel gehört. Dabei zeigen viele Studien, dass aus Sicht der jungen Menschen das Praktikum einer der beliebtesten Wege ist, einen Arbeitgeber und einen Beruf kennenzulernen. “Junge Menschen wollen auch den Kollegen begegnen, denn ein gutes Miteinander im Team ist für sie ein ausschlaggebendes Motiv, sich für eine Ausbildungsstelle zu entscheiden”, ergänzt Felix von Zittwitz von Ausbildung.de und empfiehlt Arbeitgebern, diese Praktika und Schnuppertage zur ermöglichen und auch aktiv zu bewerben.

Wenn TK-Ausbildungsexperte Jürgen Heidenreich von Betrieben befragt wird, wie sie Azubis gewinnen können, antwortet er mit der Gegenfrage: “Wie haltet ihr es mit Praktika?” Nicht allen Ausbildern käme dieses Instrument in den Sinn. Dabei sei es eine “hervorragende Chance, interessierte Schulabgänger im Berufsalltag kennenzulernen und mit diesem Praxistest Fehleinstellungen zu verhindern”. Auch wenn ein Praktikum einen gewissen Aufwand erfordere, so diene es auch dazu, Abbrüche zu reduzieren, die Ausbilder und Betriebe viel Zeit und Geld kosten und bei den jungen Menschen Frust hinterlassen.

Großunternehmen müssen in der Regel ihre Praktikumsstellen nicht ausschreiben, sondern können sie allein durch den Hinweis auf ihrer Website sehr schnell besetzen, weiß Wolfgang Weber von Meinestadt.de. Bei kleinen und mittelständischen Betrieben ohne großen Bekanntheitsgrad melde sich der Nachwuchs jedoch nicht unbedingt von alleine: “KMU müssen ihre Praktikumsstellen posten, sonst werden sie nicht gefunden.” Orientierungshilfen jeglicher Art würden den Jugendlichen Sicherheit geben, da viele noch gar nicht wüssten, welche Talente sie mitbringen und woran sie langfristig Spaß haben – geschweige denn, welchen Beruf sie darauf basierend erlernen könnten. “Das Probearbeiten ermöglicht es ihnen, sich in Fähigkeiten und Fertigkeiten verschiedener Berufe auszuprobieren.” Aber die Zeit sollte auch interessant gestaltet sein. Wolfgang Weber regt an, die Azubis des zweiten oder dritten Jahres in die Praktikumsplanung miteinzubeziehen. “Sie sind nah an der Zielgruppe und wissen aus eigener Erfahrung, was sie vor ihrer Ausbildung interessiert hat.”

Mit der Qualität der Praktika ist laut “Azubi-Recruiting Trends” von U-Form der überwiegende Teil der Befragten (70 Prozent) zufrieden. Nicht ganz so eindeutig ist die Frage zu beantworten, wie die Schüler an ihre Praktikumsstelle kommen. Zwar geben 46,7 Prozent an, dass es ihnen gelingt, ihren Wunschplatz zu besetzen. Allerdings sucht nur ein Drittel der Befragten gezielt ein Unternehmen aus, das es sich auch als zukünftigen Arbeitgeber vorstellen kann. Lediglich ein Fünftel sagt, dass es seinen Praktikumsplatz durch Beziehungen erhalten hat. “In der Praxis zeigt sich allerdings, dass etliche Unternehmen auf ein Praktikum außerhalb der Zeit nicht eingestellt sind”, gibt Felicia Ullrich von U-Form zu bedenken. “Außerdem hören wir, dass manche Praktikumsstellen nur über Vitamin B, also Kontakte, vergeben werden.” Die Beobachtung teilt Wolfgang Weber von Meinestadt.de: Beziehungen würden eine wichtige Rolle bei der Vergabe spielen.

Screenshot Digitale Sitzung Round Table

Fakt ist: Viele Ausbildungsbetriebe würden momentan gerne das Reinschnuppern ermöglichen, damit sie die potenziellen Kandidaten live erleben und daher, so Azubiyo-Geschäftsführer Tobias Heberlein, hofften etliche der Betriebe darauf, dass sie dies in den Sommermonaten nachholen können. Lässt sich das Praktikum denn überhaupt ersetzen? Zu 100 Prozent nicht, aber gute Einblicke in den Betrieb sind nicht unmöglich, nur weil derzeit der physische Kontakt erschwert ist, wendet Felix von Zittwitz ein. Sein Tipp: Recruiter sollten die Interaktionspunkte mit ihren potenziellen Azubis, zum Beispiel ein Videointerview, so menschlich, angenehm und authentisch wie möglich gestalten.

Employer Branding – Chancen und Grenzen

Die Gründe für den Nachwuchsmangel in Normalzeiten sind vielfältig – von der sinkenden Zahl der Schulabgänger bis zum Trend, ein Studium zu beginnen. Ausbildungsbetriebe lassen sich schon eine Menge einfallen, um bei der Zielgruppe zu punkten, ob mit Corporate-Blogs oder mit Social-Media-Influencern. Aber trotzdem bedeutet Recruiting für viele Betriebe “immer noch das Auswählen von Bewerbern und nicht das aktive Werben um den Kandidaten”, berichtet Felicia Ullrich von U-Form. Statt den Auswahlprozess in den Vordergrund zu rücken, sollten Unternehmen für den Beruf und für sich als Arbeitgeber begeistern. “Wer dieses Denken noch nicht verinnerlicht hat, versteht auch den Sinn von Employer Branding nicht.”

Auf jeden Fall ist die Positionierung und Kommunikation eines Unternehmens als attraktiver Arbeitgeber auch für Ausbildungsbetriebe wichtig, betont Wolfgang Weber von Meinestadt.de. Aber bei kleinen Unternehmen kann er keine Ressourcen dafür erkennen, sodass sie im Wettbewerb das Nachsehen hätten. Ebenso wie Betriebe, die noch immer ein altes Verständnis von “Lehre” und “Lehrlingen” pflegen. Die junge Zielgruppe von heute sei durch Social Media daran gewöhnt, persönlich angesprochen und unterstützt zu werden. Statt auf standardisierte Kommunikation sollten Unternehmen deshalb auf Authentizität, Nähe und persönliche Ansprache der Schulabgänger setzen. Der Experte erinnert daran, dass das Thema Arbeitsplatzsicherheit bei angehenden Fachkräften an oberster Stelle steht, also ein Aspekt, der in der Krise nochmal an Bedeutung gewinnt. Wolfgang Weber nennt ein Beispiel für eine gelungene Marketingmaßnahme mitten im Lockdown: “Unsichere Zukunft? Nicht mit uns!”-Slogans würden erste Unternehmen nutzen, um sich in der aktuellen Situation als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren.

Wie wichtig das Argument Sicherheit bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle ist, belegt auch noch mal die neue Studie “Azubi-Recruiting-Trends” von 2020. Bei der Frage nach den ausschlaggebenden Kriterien für einen Ausbildungsplatz liegen die Übernahmequote und der gute Ruf des Unternehmens auf den ersten Plätzen. Dagegen spiele für die “Generation Greta” das Achten auf Klima und Umweltschutz eine eher untergeordnete Rolle. Employer Branding und originelle Marketingkampagnen sind kein Allheilmittel. Das verdeutlicht Dieter Sicking von Aubiplus: Manche Ausbildungsberufe seien aus Sicht der Bewerber wenig attraktiv, wie beispielweise Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk oder Restaurantfachmann. Ein schlechtes Berufsund Branchenimage lasse sich nicht von heute auf morgen verändern. “Auch hippe Werbung für diese Berufe entfacht beim Nachwuchs keine Begeisterungsstürme.” Vielmehr müssten Betriebe und Verbände bei vermeintlich unattraktiven Berufen Vorurteile aus dem Weg räumen und aktiv gegensteuern. Und die Qualität der Ausbildung müsse stimmen. “Diejenigen, die zufriedene Azubis haben, weil ihre Ausbilder wirklich gute Arbeit leisten, vergessen oft, damit zu werben”. Statt Employer Branding empfiehlt er: “Identifizieren Sie, womit Sie wirklich punkten können, und setzten Sie sich mit den Erwartungen und Bedürfnissen Ihrer Bewerber ernsthaft auseinander.” Mitunter komme es auch gut an, wenn man ehrlich die eine oder andere Schattenseite des Ausbildungsberufs anspreche. “Das macht das Unternehmen glaubhaft und authentisch.”

Social Media – aber wie?

Wie viel Social Media darf es denn beim Recruiting und Employer Branding sein? Die Studie “Azubi-Recruiting-Trends” fragt in jedem Jahr, in welchem Umfang und für welchen Zweck junge Menschen Social Media nutzen. Dabei zeigt sich mit schöner Regelmäßigkeit, dass nur eine Minderheit von ihnen – rund fünf Prozent – die sozialen Netzwerke zur Ausbildungsplatzsuche einsetzt. Der Grund: Die Zielgruppe versteht Social Media als privaten Kanal, auf dem nach ihrem Verständnis andere Informationen nichts verloren haben, erklärt Felicia Ullrich von U-Form. Youtube und Instagram seien keine klassischen Recruiting-Kanäle, zwar für Employer-Branding-Maßnahmen durchaus geeignet, aber nicht für harte Fakten zur Ausbildung. “Ausbildungsbetriebe müssen online zu finden sein, aber der Nachwuchs entscheidet sich offline.” Die persönliche Erfahrung mit dem Kontakt von Mensch zu Mensch im Betrieb spiele eine wesentlich größere Rolle für ihre Entscheidung.

Wenn Unternehmen auf Tik Tok oder anderen Social-Media-Kanälen präsent sind, sollten sie die Wege zu einer Bewerbung kurz halten, rät Tobias Heberlein von Azubiyo. Auch er teilt die Meinung, das Social Media als alleinige Recruiting-Lösung nur sehr selten funktioniere. Vielmehr sei es “eine Ergänzung, die vor allem das Employer Branding verbessern kann”. Dass zu einem Marketingmix im Recruiting auch Aktivitäten auf verschiedenen Social-Media-Kanälen zählen, sagt Dieter Sicking von Aubi-plus und argumentiert, dass diese aber eher als flankierende Maßnahme anzusehen seien. Gleichwohl könnten Berichte über Azubi-Projekte, Rückblicke über Firmenveranstaltungen und weitere Insights dazu beitragen, dass sich junge Menschen angesprochen fühlten und sich dann weiter über freie Ausbildungsplätze im Betrieb informierten.

“Natürlich schadet Sichtbarkeit auf Social-Media-Kanälen nicht, wenn sie gut gemacht ist – aber erwartet keine Wunder.” Dieses Fazit zieht Felix von Zittwitz von Ausbildung.de. Social Media spiele in der Candidate Journey auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz vor allem dann eine Rolle, wenn die Aufmerksamkeit bei Zielgruppen gewonnen werden soll, die nicht aktiv auf der Suche sind. Die tatsächliche Bewerbung werde dann jedoch meist nicht über Social Media generiert – sondern über eine gute, digital auffindbare Präsenz, wie die Unternehmens-Website oder das Profil auf Ausbildungsplattformen. Gerade bei begrenzten Ressourcen empfiehlt er Betrieben, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das bedeute: “Optimiert eure digitale Präsenz für diejenigen Schülerinnen und Schüler, die aktiv suchen.”

Kompakt: Die acht wichtigsten Erkenntnisse des Round Tables
(1) Investitionen in die Fachkräfte von morgen sind kein Nice-to-have, sondern unentbehrlich für die Zukunft des Unternehmens.
(2) Großunternehmen setzen momentan eher die Ausbildungsplanung wie gehabt fort als kleinere Betriebe, die oft auf die Bremse treten und das Recruiting von Auszubildenden verhalten angehen.
(3) Die zukünftigen Schulabgänger sind verunsichert und vermuten, dass Betriebe jetzt nicht mehr ausbilden.
(4) Schüler suchen verstärkt nach Ausbildungsberufen, die bisher nicht auf ihrer Prioritätenliste standen, wie Berufe in der Pflege, im Lebensmittelhandel und der Logistik.
(5) Wenn Betriebe mit Bewerbern im Gespräch sind, aber momentan noch keine Zusage geben können, sollten sie den Kontakt halten.
(6) KMU ohne großen Bekanntheitsgrad müssen auch ihre Praktikumsstellen posten, sonst werden sie von potenziellen Bewerbern nicht gefunden.
(7) Arbeitsplatzsicherheit und die Übernahme nach der Ausbildung sind für Suchende ein entscheidendes Argument, sich für einen Arbeitgeber zu entscheiden.
(8) Die Zielgruppe versteht Social Media als privaten Kanal, auf dem nach ihrem Verständnis andere Informationen nichts verloren haben. Daher sind sie keine klassischen Recruiting-Kanäle, aber für Employer-Branding-Maßnahmen durchaus geeignet.

Für ausgewählte aktuelle Themen holt sich die Personalwirtschaft Experten an einen Tisch, um mit diesen Trends, den Markt und die Bedürfnisse von HR zu diskutieren. Die Expertenrunde Ausbildung wurde von Erwin Stickling, Herausgeber der Personalwirtschaft, moderiert. Die Erkenntnisse dieser Expertenrunde lesen Sie auch in Ausgabe 07/2020 im › Online-Archiv.

Bilderstrecke Round Table Ausbildung: Den Blick nach vorn

Wann und wie wird das neue Ausbildungsjahr in Zeiten von Corona beginnen? Schulabgänger und Betriebe zeigen sich gleichermaßen verunsichert. Lesen Sie hier die Zitate von Ausbildungsexperten zur aktuellen Situation.

Christiane Siemann ist freie Journalistin und Moderatorin aus Bad Tölz, spezialisiert auf die HR- und Arbeitsmarkt-Themen, die einige Round Table-Gespräche der Personalwirtschaft begleitet.