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Sing hallelujah!

500 Jahre nach der Reformation verteilen Prediger wieder Opium ans Volk. Ganz legal. Dafür gibt es ein Buzzword: Chief Evangelist. Ob das in Gottes Ohr nach froher Botschaft klingt?

Cartoon von einem Mann der preisend die Hände nach oben streckt.

2017 ist Lutherjahr. Vor einem halben Jahrtausend glaubte der Mönch und Prediger Martin Luther mehr an die Gerechtigkeit Gottes denn an das Katsching der kirchlichen Ablasspolitik. Seine Kritik nagelte er am 31. Oktober in 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Man erklärte ihn für vogelfrei, doch das konnte die Reformation nicht aufhalten. Luther nutzte die Zeit auf der Wartburg, um die Bibel für das einfache Volk in verständliche deutsche Sprache zu übersetzen: die frohe Botschaft 2.0 zu Beginn des 16. Jahrhunderts.

Cartoon von zwei Menschen, mit dem Text: Unser Evangelist macht mal wieder den Weg für den Fortschritt frei.
Cartoons: Kai Felmy

2017 sind wir bei 4.0 angelangt. Fortschritt ist die Religion, der wir mittlerweile huldigen. Frohe Botschaften wirksam zu platzieren, ist schwierig geworden. Das Volk ist durch allgegenwärtige Werbung abgestumpft und reizüberflutet, und so besannen seine Opiumdealer sich auf traditionelles Mundwerk: Predigen ist wieder in. Dafür wurde eine Stellenbezeichnung aus der Taufe gehoben: der “Evangelist”. Ganz neu ist sie nicht, eher neutestamentarisch, wir erinnern uns an Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Sie finden zwei Jahrtausende nach Christus ihren Meister: Der zeitgemäße Evangelist hat nämlich keinen Sinn für flache Hierarchien und positioniert sich gerne direkt als Chief Evangelist. Das flößt Respekt ein, hier kennt sich einer aus in Sachen Erneuerung!

Man sieht förmlich vor sich, wie das Wasser, auf dem der Chief Evangelist wandelt, sich teilt und zu Wein wird. Er ist der Berg, der seine Schäfchen auf Kongressen und Konventen heimsucht, um ihnen in einer Mischung aus Wanderprediger und Shopping-Kanal Heilsbringendes zu verkünden. Im Namen des Fortschritts, des Sales und des Marketings – halleluja! Die Jünger bekennen sich gläubig, indem sie sein Mantra auf allen WWW-Kanälen nachbeten. Wer sich der Marke nicht treu ergibt, wird von der Gemeinde für rückständig erklärt. So sieht Ächtung im 21. Jahrhundert aus. Keine Rede davon, die Kirche mal im Dorf zu lassen. 

Sollte Gott tatsächlich tot sein, wie Nietzsche mutmaßte, dürfte er sich im Grabe rumdrehen. Doch seit Luther wissen wir: Er ist gnädig und verzeiht uns armen Sündern. Wir müssen nicht bezahlen, nur Buße tun. Demütig sein – auch in den Stellenbezeichnungen. Dann bleibt uns Gottes ewige Verdammnis erspart. Die Fortschrittsjünger hingegen zerren uns weiter ohne Rücksicht auf Verluste vors jüngste Hype-Gericht. Der Schritt vom PR-beflissenen Prediger zum apokalyptischen Reiter scheint bisweilen nicht weit. Herr, erbarme Dich.

Autor: Wiebke Joester

Erschienen in der Ausgabe 08/2017 der Personalwirtschaft.