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Steves Werk und Hermanns Beitrag

Deutschlands Bhnen brauchen Keynote Speaker! Und Deutschlands Keynote Speaker brauchen Bühnen. Cliff Lehnen erzählt die Geschichte einer glücklichen Fügung.

Cartoon von einem Mann, der vor einer Menschenmenge spricht.
Cartoon: Kai Felmy

Als sich US-Präsident Donald Trump Anfang des Jahres via Twitter als “geistig sehr stabiles Genie” bezeichnete, sorgte er weltweit für großes Amüsement, weil kein Bestandteil dieser Selbstanalyse mit der Realität korrespondiert. Überhaupt, welches wahre Genie würde sich schon in der Öffentlichkeit als solches anbiedern? Wirklich genial ist doch derjenige, der Großartiges leistet, aber kein allzu großes Gewese darum macht. Eben weil man als Genie mit seinem Denken und Tun so deutlich aus der Masse herausragt, sollte man ja gewissermaßen automatisch gefragt, gehört und gefeiert werden.

Womöglich ist das eine etwas überholte Sicht auf die Funktionsweise des Geniekults in der sozialmedial beschleunigten Aufmerksamkeitsökonomie. Damit Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft heute noch ähnliches Gehöpr fände wie Ende des 18. Jahrhunderts, müsste er vermutlich Goethe pranken, die neue Beethoven-Partitur unboxen oder mit Katharina der Großen Beauty-Tipps sharen. Oder er könnte als “Keynote Speaker” reüssieren – wobei das, ähnlich wie die amerikanische Präsidentschaft, inzwischen auch ohne genialische Züge möglich ist. Immerhin hat heute jede noch so finstere Vertriebstagung in der Provinz einen vermeintlichen “Keynote”-Slot zu besetzen. Ursprünglich beschreibt der Begriff den Grundton, auf den sich ein Chor einstimmt. Im übertragenen Sinne soll die “Keynote Speech” die wesentlichen Debatten, Erkenntnisse und Lehren einer Veranstaltung am Anfang aufreißen oder am Schluss zusammenfassen. Eine ziemliche Herausforderung, für die sich aber zahlreiche Experten qualifiziert sehen.

Schuld daran sind zwei Männer: Steve Jobs und Hermann Scherer. Erstgenannter war es, der mit seinen legendären Apple-Produktpräsentationen in den Nullerjahren den Begriff “Keynote” überhaupt einem internationalen Publikum bekannt machte. Seine “Stevenotes” in schwarzem Rollkragenpulli und ausgewaschener Jeans waren im besten Wortsinne tonangebend: Wenn Jobs sprach, hielten Tech-Freaks und Börsen-Analysten den Atem an – er präsentierte der Welt auf diese Weise unter anderem das Smartphone und den Tablet-Computer. Jobs war ein Genie, das unsere Kommunikation grundlegend revolutionierte.

Hermann Scherer ist kein Genie, aber ein Meister der Selbstvermarktung. Mit seinem Buch “Der Weg zum Top-Speaker” hat er den Keynote-Wahn in Deutschland erst richtig losgetreten. Scherer stachelte 200 000 Trainer, Berater und Coachs in Deutschland an, auf die große Bühne zu wechseln – mit guten Argumenten: Sie mühten sich, so Scherer, in einem engen Markt und mit hohem Aufwand, Tagessätze von 1000 bis 1500 Euro zu generieren, während eine Handvoll Top-Speaker vier- bis fünfstellige Stundensätze und entsprechenden Ruhm auf den Bühnen der Nation abgreife. Alles, was es zum Erfolg brauche, sei eine spitze Positionierung als Experte und cleveres Marketing. Genial einfach.

Das war 2012. Steve Jobs war gerade tot, alle wollten sie jetzt in seine großen Fußstapfen treten, und Hermann Scherer half ihnen dabei. Sie wurden Experten für dies und das und jenes. Sie positionierten sich. Sie warben für sich. Und dann standen sie auf den Businessbühnen dieser Welt: in Messehalle 4, im Kongresszentrum Nord, im Konferenzraum “Montreal”. Sie leben die selbsterfüllende Prophezeiung des Businessgurus Scherer, und es sei ihnen von Herzen gegönnt.

Trotzdem gilt heute wie ehedem: Wer wirklich Wegweisendes zu sagen hat, muss sich nicht anbiedern. Wer wichtige Botschaften hat, wird gefragt werden. Wer Bühnenpräsenz hat, wird gehört werden. Das wahre Genie würde sich selbst nie als solches bezeichnen. Und Kant würde nie und nimmer irgendetwas unboxen.

Ist Chefredakteur der Personalwirtschaft. Er ist unter anderem spezialisiert auf die Themen Organisationsentwicklung, Unternehmenskultur, Innovations- und Veränderungsmanagement.