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Läuft bei uns!

Die Wirtschaft geht ins achte Jahr des Aufschwungs, Unternehmen und Verbraucher investieren fleißig, die Steuergelder sprudeln – und das ohne Regierung. Alles gut also. Oder etwa nicht?, fragt sich Cliff Lehnen.

Zeichnung von einer Hand, mit der Geste

Wir leben in goldenen Zeiten. Die Wirtschaft wächst seit Jahren, der Dax hat längst die 13 000-Punkte-Schwelle geknackt, die Unternehmen investieren, die Verbraucher konsumieren. Alle relevanten Indizes beschreiben einen Dauerboom, führende Volkswirte sehen uns gar auf dem Weg in die Vollbeschäftigung. Insgesamt summiert sich für 2017 das Plus bei Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen auf 38,4 Milliarden Euro. Allein die Bundesagentur für Arbeit verbucht einen Überschuss von knapp sechs Milliarden Euro. Und all das ohne Regierung. Läuft bei uns!

Läuft bei uns? Tatsächlich erinnert die Situation an betriebliche Controlling-Ampeln. Sie kennen es: Auf dem Reporting-Sheet stehen alle Signale auf Grün – Umsatz, Gewinn und Kostenoptimierung stimmen. Doch beim ehrlichen Blick nach innen – wenn Führung, Zusammenarbeit, Organisation infrage stehen – müssten viele vermeintliche Erfolgsampeln rot leuchten. Das gilt auch für Wirtschaft und Gesellschaft.

Denn wenn wir ehrlich sind, ist ein großer Teil des Dauerhochs dem seit Jahren niedrigen Zinsniveau geschuldet. Wie eine infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise zusätzlich geöffnete Schleuse begünstigt es Konsum, Investitionen und hohe Überschüsse. Parallel dazu verfestigt sich der Sockel der Langzeitarbeitslosigkeit kontinuierlich. Zunehmend entwickelt sich eine Zweiklassengesellschaft zwischen Hoch- und Geringqualifizierten: Für die Letzteren gibt es kaum noch Arbeit. So bleibt eine Million grundsätzlich arbeitsfähiger Menschen dauerhaft ohne Job – auch übrigens in den Modellen der Theoretiker, die medienwirksam “Vollbeschäftigung” ankündigen, dabei aber stets bis zu vier Prozent Arbeitslosigkeit unter den Arbeitsfähigen mit einkalkulieren.

Weiterhin sinkt zwar seit den Hartz-IV-Reformen statistisch die Arbeitslosigkeit – doch unter denjenigen, die Arbeit haben, können immer weniger gut davon leben. So lebt etwa eine weitere Million Menschen trotz Arbeit an der Armutsgrenze und braucht zusätzlich Geld vom Staat. Genauso gibt es immer mehr Menschen, die ihre Arbeit psychisch fertigmacht, und Ältere, die von ihrer Rente nicht mehr leben können.

Will heißen: Mitten im Boom lassen wir Millionen Menschen zurück – und wundern uns, dass sie sich zurückgelassen fühlen. Dass sie auf Politik, Rechtsstaat und Demokratie schimpfen, sich vom Staat abwenden oder Zuflucht an den politischen Rändern suchen. Was also steht uns im Abschwung bevor? Wenn spätestens 2030 die Babyboomer in Rente gehen und Robotik und Automatisierung längst zahlreiche Jobs verändert oder übernommen haben? Wenn der Fachkräftemangel richtig durchschlägt? Digitalisierung, Globalisierung, Demografie und Ökologie fordern uns, Fragen der Bildung, der sozialen Sicherung, der Zuwanderung und des gesellschaftlichen Zusammenlebens völlig neu zu stellen.

Es geht ums große Ganze – eigentlich das ideale Spielfeld für eine Große Koalition. Doch die Erfahrungen aus der vergangenen Legislaturperiode, aus dem Wahlkampf und den Sondierungen zeigen, dass an den Grundfragen auch diesmal nicht gerüttelt werden wird. So wie im Unternehmen von Quartal zu Quartal gedacht wird, strebt die Politik von der einen Wahl zur nächsten. Wichtig ist, dass die Controlling-Ampel kurzfristig grün leuchtet. Und so streitet man sich auch diesmal wieder über Rentengeschenke statt in die Zukunft zu blicken.

Am letzten Tag der GroKo-Sondierungen begaben sich die Unterhändler in einen bemerkenswerten 24-stündigen Verhandlungsmarathon. Die Reporter harrten vor dem Willy-Brandt-Haus aus, doch als das Morgenmagazin zum Stand der Dinge nachfragt, hat die Kollegin nur eine entwaffnende Info parat: “Das Einzige, was wir wissen ist: Angela Merkels Maskenbildnerin ist eben eingetroffen. Das könnte heißen: Vielleicht wird bald etwas verkündet.”

Wir leben in glänzenden Zeiten. So lautet die treffende Analyse, die der heutige Feuilletonchef der “Zeit”, Adam Soboczynski, bereits vor Jahren formuliert hat: Die Oberflächen sind glatter, die Beleuchtung besser, das Leben bequemer als früher. Man möchte ergänzen: Wir sind satter, träger, genügsamer geworden. Wir haben uns an ein Leben zwischen Fakes, Filtern und Fassaden gewöhnt. Und oft ist es uns schlicht zu mühsam, sie zu hinterfragen. Längst eilt die Form dem Inhalt voraus. Warum auch nicht? Läuft doch bei uns.

Ist Chefredakteur der Personalwirtschaft. Er ist unter anderem spezialisiert auf die Themen Organisationsentwicklung, Unternehmenskultur, Innovations- und Veränderungsmanagement.