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In den Chef oder Kollegen verliebt: Menschliches, allzu Menschliches

Zeichnung von zwei sich haltenden Händen in einem Herz.
Bild: wowwa/istock

Eine einprägsame Warnung vor amourösen Abenteuern bei der Arbeit lautet: Hauskaninchen schießt man nicht. Wer es dennoch tut, muss mit Ärger rechnen. So etwa Brian Krzanich beim amerikanischen Chiphersteller Intel. Der 58-Jährige musste Ende Juni sein Amt als CEO räumen, nachdem bekannt geworden war, dass er eine Liebesbeziehung mit einer Mitarbeiterin unterhalten hatte. Die einvernehmliche Liaison liegt zwar schon Jahre zurück und fällt in die Zeit vor Krzanichs Ernennung zum CEO. Gleichwohl hat der Manager damit gegen die internen Verhaltensrichtlinien verstoßen, die Beziehungen zwischen Führungskräften und Mitarbeitern untersagen. Denn Intel hat, wie viele andere amerikanische Unternehmen, eine “Non-Fraternization Policy”, einen Kodex für amouröse Beziehungen im Betrieb.

In gewisser Weise ist es nachvollziehbar, wenn Firmen klare Regeln für das Verhältnis von Vorgesetzten zu Untergebenen aufstellen. Zum einen wegen der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers: Hierarchisch Höherstehende sollen das Abhängigkeitsverhältnis nicht ausnutzen. Zum anderen sollen derlei Vorgaben verhindern, dass es zu Bevorzugungen kommt oder auch nur der Verdacht der Bevorzugung und damit Unruhe im Unternehmen entsteht. Aber dass Leute sich am Arbeitsplatz verlieben und zueinanderfinden, ist menschlich, allzu menschlich. Auch wenn es wie im Falle des Topmanagers Krzanich nicht gerade klug ist. Doch wie klug ist ein Verhaltenskatalog für die Liebe? Wie realistisch dessen Umsetzung?

Wer den Menschen kennt, weiß die Antwort: Jeder Versuch, Beziehungen am Arbeitsplatz zu reglementieren oder gar zu verbieten, muss scheitern – und zwar an der menschlichen Natur. Das Bedürfnis nach Liebe und Intimität ist uns so stark eingeschrieben, dass es sich jeder noch so starren Regel widersetzt. Im prüden Amerika mag es gang und gäbe sein, solche Verhaltenskodizes zu formulieren. Hierzulande wäre es eher lächerlich. Einmal ganz davon abgesehen, dass Liebesverbote des Arbeitgebers in Deutschland rechtlich unhaltbar sind. Das musste beispielsweise der größte Arbeitgeber der Welt, der Einzelhandelsriese Walmart, erfahren. Er wollte 2005 seine Ethik-Richtlinien auf die deutschen Mitarbeiter übertragen und ihnen tatsächlich verbieten, miteinander auszugehen und eine Beziehung einzugehen.

Es geht aber noch grotesker in Sachen Beziehungsregulierung am Arbeitsplatz: Der Videostreaming-Anbieter Netflix soll seine Mitarbeiter in Anti-Belästigungsschulungen (“anti-harassment trainings”) dazu anhalten, niemanden länger als fünf Sekunden anzuschauen. Ab Sekunde Sechs gilt Blickkontakt als unangemessen. Glotzen geht also weiterhin, ab jetzt aber nur noch mit Stoppuhr.

Mag die Metoo-Debatte zurzeit für viel Verunsicherung im zwischenmenschlichen Umgang sorgen, so sind Vorschriften für Flirts und Liebe doch irgendwie eine Beleidigung für erwachsene Menschen. Zudem sind sie übergriffig. Denn sie verletzen das Selbstbestimmungsrecht des Individuums. Darüber hinaus bringen sie praktische Probleme mit sich: Mit Blick auf die Zahlen unten wäre zum Beispiel spannend, wie viele Stellen frei würden, wenn ein Unternehmen jeden entlässt, der eine Beziehung oder ein Techtelmechtel mit Kollegen hat(te). Ist der Betrieb dann überhaupt noch aufrecht zu erhalten? Und was soll ein unbeteiligter Dritter tun, der Wind von einer Beziehung unter Kollegen bekommt? Sie denunzieren? So war es im Fall Krzanich. Ein Mitarbeiter hatte über Umwege von der früheren Liaison erfahren und sie dann gemeldet – ganz so wie es die Intel-Richtlinien vorschreiben. Petzen nach Vorschrift.

Man darf bei diesem Thema auch nicht zwei Dinge miteinander verwechseln: Es geht um Liebe und Beziehungen am Arbeitsplatz, nicht um sexuelle Belästigung, Nötigung und (Macht-)Missbrauch. Für diese Vergehen braucht man keine unternehmensinternen Regeln, dafür gibt es Gesetze. Für alles andere gilt, wie eben auch im Privatbereich unter zwei erwachsenen Menschen: Erlaubt ist, was beliebt.


Diese Stilkritik ist in Ausgabe 08/18 erschienen. Sie können das gesamte Heft in unserem › Shop bestellen.

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