Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Zurück in die Steinzeit

Steinwerkzeug.
Kein Rückschritt zum Faustkeil, andere Rahmenbedingungen sind gefordert. Bild: Anastasia Molotkova/istock

Es gibt Dinge, die schlichtweg nicht miteinander vereinbar sind. Homeschooling und Homeoffice zum Beispiel. Als im März angesichts der Corona-Krise die ganze Republik in den Lockdown geschickt wurde, machten auch die Schulen dicht. Millionen Kinder, Jugendliche und ihre Familien waren dazu verdonnert, den Lehrstoff quasi nebenbei durchzuarbeiten. Mit gemischtem Erfolg, denn neben Beruf und Privatleben mussten die Familien auf einmal auch die Schule in den meist engen Terminplan zwängen. Das ging mal mehr, mal weniger gut und kostete Zeit und vor allem Nerven.

Leider zeigt sich in der Krise, dass die mit diesem Balanceakt verbundenen Aufgaben ungleich verteilt sind. Überdurchschnittlich viele Frauen nahmen und nehmen die Mühsal des häuslichen Unterrichts auf sich, oftmals mit fatalen Folgen für Beruf und Karriere. Heißt es aber nicht, dass gerade Frauen so gut im berühmten “Multitasking”wären? Nein, das stellte erst 2019 eine Psychologie-Studie der RWTH Aachen fest. Multitasken, so weiß man inzwischen, ist zudem gar nicht förderlich für die Produktivität. Kein Wunder, dass in der Pandemie der Spagat zwischen Job und Kinderbetreuung scheiterte – und es vor allem die Mütter waren, die Arbeitszeit reduzierten, Verantwortung abgaben und damit im schlimmsten Fall die Chance auf weitere Karriere zunichtemachten. Das hat natürlich auch Folgen für das Gehalt und damit für die finanzielle Sicherheit im Alter.

Dass mancher Schwarzmaler nun eine Rückkehr des Patriarchats prophezeit und Frauen zurück in die Steinzeit oder zumindest an den Herd schickt, mag übertrieben sein. Dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau durch den Lockdown einen schweren Schlag erlitten hat, ist dagegen unbestritten. War der Weg zu Führungspositionen in einer von Männern dominierten Arbeitswelt sowieso schon schwer, scheinen die Hindernisse auf dem Weg nach oben jetzt fast unüberwindlich.

Bei allem Verständnis für die schwierigen politischen Entscheidungen während der sich täglich ändernden Lage in der Pandemie – Familien hatten hier keine sonderliche Priorität. Restaurants öffneten, Fußballspieler wurden getestet, Eltern von Schul- und Kitakindern mussten lange sehen, wie sie zurechtkamen. Nach wie vor gibt es keinen wirklichen Plan B, was passiert, sollte eine zweite Infektionswelle anstehen. Es mangelt sowohl an der technischen Ausstattung als auch am Willen, den Eltern zumindest virtuell die Last des heimischen Unterrichtens von den Schultern zu nehmen.

Bleiben die Schulen nach den Sommerferien zu, haben erneut die Eltern und vor allem die Frauen das Nachsehen.

Nun könnte man es als gutes Zeichen werten, dass selbst die alte Tante CDU sich jetzt eine Frauenquote verpassen will, was die Diskussion über eine generelle Geschlechterquotierung erneut auf die Agenda setzt. Doch was brächte Frauen ein solches Gesetz, wenn sie schlichtweg nicht die Zeit haben, sich entsprechend beruflich zu engagieren, weil die familiären Zwänge einfach zu groß sind?

Dabei wäre es relativ einfach, den Rückschritt in Sachen Gleichberechtigung zumindest abzumildern. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedeutet nämlich weit mehr als die Möglichkeit zum Homeoffice. Vielmehr müssen die Rahmenbedingungen stimmen, sprich, die Betreuung in Schulen und Kitas muss auch in Krisenzeiten gewährleistet sein. Neben dem Gesetzgeber sind aber auch die Unternehmen gefragt: Mehr denn je müssen sie sich über alternative Karrierewege Gedanken machen, die berücksichtigen, dass Familie beziehungsweise konkret die Kinderbetreuung eine erhebliche Belastung darstellen kann. Was spricht gegen eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit oder clevere Arbeitszeitmodelle, die Frauen eben nicht benachteiligen? Was gegen geteilte Führungspositionen, was gegen eine gerechte Verteilung von Verantwortlichkeiten? Nichts. Aber vieles dafür. Gleichberechtigung darf nicht zum reinen Schlagwort verkommen. In Zeiten einer drohenden Rezession ist sie nötiger denn je.

›› Dieser Beitrag ist zuerst in unserer August-Ausgabe erschienen. Ein Abonnement können Sie hier abschließen.

Ist Redakteur der Personalwirtschaft. Er ist spezialisiert auf die Themen Arbeitsrecht und Outsourcing und verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.