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Tatort Arbeitsplatz

Dr. Jens Hoffmann ist Diplom-Psychologe und Leiter des Instituts Psychologie & Bedrohungsmanagement mit Sitz in Darmstadt. Foto © Michael Hoffmann
Dr. Jens Hoffmann ist Diplom-Psychologe und Leiter des Instituts Psychologie & Bedrohungsmanagement mit Sitz in Darmstadt. Foto © Michael Hoffmann

Gewalt im Job ist kein seltenes Phänomen. Das Thema zu ignorieren, ist fahrlässig: den Betroffenen, aber auch dem eigenen Unternehmen gegenüber.

Wer davon überzeugt ist, in seinem Unternehmen herrsche stets nur Harmonie, sollte sich kritisch hinterfragen. Denn Aggression, Angst sowie psychische und körperliche Gewalt sind keine Seltenheit am Arbeitsplatz. Nach einer Befragung, die das Institut Psychologie & Bedrohungsmanagement hierzu vor einiger Zeit anonym unter 500 Beschäftigten durchgeführt hat, war schon jeder zweite Beschäftigte mit bedrohlichem oder suizidalem Verhalten am Arbeitsplatz konfrontiert: entweder als betroffene Person oder als Kollege, der einen solchen Vorfall direkt miterlebte.

Glücklicherweise reagieren die meisten Menschen mittlerweile sensibel auf Bedrohungssituationen. Das war nicht immer so. Noch vor zehn Jahren wurde das Thema in Unternehmen am liebsten verschwiegen. Dabei sind solche Vorkommnisse Gift für die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter, mit entsprechenden Auswirkungen auf den Unternehmenserfolg.

Denn Mitarbeiter, die in bedrohliche Situationen geraten, fühlen sich teils nachhaltig verunsichert, manchmal entwickeln sie Ängste. Auf Dauer hat dies oft gesundheitliche Folgen. Bereits unter dem Aspekt eines betrieblichen Gesundheitsmanagements trägt der Arbeitgeber eine Verantwortung für den psychischen und physischen Schutz des Personals.

Mit einem Bedrohungsmanagement kann die HR-Abteilung ihren Teil dazu beitragen, das Problem einzudämmen und ihm im besten Fall vorzubeugen:

Meistens kann ein frühes Einschreiten der Organisation die Situation effektiv entschärfen. Und entsprechend geschulte Personaler und Mitarbeiter können lernen, eine möglicherweise bedrohliche Situation zu erkennen. So reicht ein direktes Ansprechen des vermeintlichen Aggressors unter Umständen aus, um zu erfahren, was das Problem ist, und dass die Lage fürs Erste beruhigt werden kann. Nimmt man freilich Anzeichen echter Gefahr wahr, müssen gegebenenfalls andere Stellen kontaktiert werden.

In bestimmten Fällen ist es empfehlenswert, einen Bedrohungsmanagement-Experten zu Rate zu ziehen und um eine tiefergehende Risikobewertung zu bitten. Dieser kann meist eine konkrete Strategie zum Umgang mit dem Fall entwickeln und ihn weiterbegleiten. Andere reaktive Maßnahmen wären beispielsweise eine Verhaltensberatung und die Unterstützung betroffener Mitarbeiter.

In jedem Fall heißt das Zauberwort “früh”. Denn in der Regel fallen selbst spätere Gewalttäter bereits im Vorfeld massiv auf. So kann es zum Beispiel sein, dass sich Krisen in seinem privaten und beruflichen Umfeld verdichten, gegenseitig verstärken und den Betreffenden destabilisieren, der daraufhin entsprechende Warnzeichen sendet und sich auffällig verhält. Oftmals ist ebenso das persönliche Umfeld in solchen Situationen beunruhigt und kommuniziert dies auch.

Bei weitem nicht jeder Mensch, der irgendwann Kollegen bedroht, ist ständig Ungerechtigkeiten ausgesetzt. Vielfach wirken solche Mitarbeiter durch ihr eigenes, zumeist destruktives Konfliktverhalten an einer Zuspitzung mit und manövrieren sich so in den eskalierenden Konflikt hinein. Dabei ist eine solche Dynamik den bedrohlichen Mitarbeitern meist selbst nicht bewusst.

Dies unterstreicht, wie wichtig Prävention ist. Einerseits können Mitarbeiter im Unternehmen auf diese Weise für einschlägige Auffälligkeiten sensibilisiert werden. Andererseits lernen Personaler, auf Warnsignale im Verhalten und in der Kommunikation der Aggressoren zu achten. Im Übrigen ist eines entscheidend: Hören Sie auf Ihre innere Stimme. Manchmal ist das eigene Bauchgefühl der erste Indikator dafür, dass etwas grundlegend nicht in Ordnung ist.