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Trendfarbe Schamrot

 

“Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Und sie flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.” – Dresscodes sind so alt wie die Menschheit. Der erste lautete: Bedecke deine Scham. Denn der Lendenschurz war eine Entscheidung der Moral, nicht der klimatischen Notwendigkeit. Im Garten Eden zwischen Euphrat und Tigris war es schließlich heiß genug, um ganztägig herumzulaufen, wie Gott einen schuf.

Illustration von zwei Flip-Flops
Bild: loliputa/istock

Und heute, im Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts, weit entfernt von paradiesischen Zuständen? Die Kleidervorschriften haben sich gewandelt. Aber das Problem mit der Hitze bleibt. Einige männliche Angestellte hat es jüngst dazu veranlasst, gegen den firmeninternen Dresscode zu protestieren: In der ersten Hitzewelle des Jahres erschien ein britischer Call-Center-Agent im Kleid seiner Mutter, nachdem ihm die Chefetage die Shorts verboten hatte. Sein neuer Look war durchaus schick und ging konform mit den Bestimmungen der Kleiderordnung – wenn auch mit denen für die weibliche Belegschaft. Busfahrer im französischen Nantes taten es ihm gleich: Sie umgingen das Verbot von kurzen Hosen im Dienst kurzerhand, indem sie in Röcken zur Arbeit erschienen.

Mit seiner Form des Protests erntete der Brite begeisterten Zuspruch auf Twitter. In Zeiten des Individualismus erscheinen Dresscodes schrecklich altmodisch, zumal wenn es – wie etwa bei Mitarbeitern im Callcenter – gar nicht zum persönlichen Kundenkontakt kommt. Mehr noch, mittlerweile dient ein lässiger Look vielen sogar als Ausdruck der beruflichen Attitüde: Agenturmitarbeiter, Softwareentwickler und Start-up-Gründer pflegen einen Stil, der sich bewusst von den Kleiderordnungen der Banken, Versicherungen und vieler Konzerne absetzt. Mach dich mal locker, alte Businesswelt, lautet die Botschaft. Ja, die Krawatte stört. Ja, Kleidung sollte bequem sein. Und ja, in Zeiten von Work-Life-Blending verschwimmen eben auch die Grenzen zwischen Business und Casual Wear. Doch manche Grenze sollten wir uns erhalten. Die der Scham zum Beispiel. Wenn etwa die Auszubildende am ersten Arbeitstag in Hotpants erscheint, findet das der eine oder andere Kollege vielleicht aufreizend, andere jedoch belästigend. Respekt drückt es jedenfalls nicht aus. Und nötigt ihn auch nicht ab. Professionalität sieht im wahrsten Sinne des Wortes anders aus. Gleiches gilt für Herren in kurzen Hosen, womöglich in Kombination mit Flip-Flops. oder Sandalen. Sicher, in manche Unternehmenskultur passt dieses Erscheinungsbild vollkommen. In anderen wirkt es jedoch unangemessen jungenhaft, wie auf dem Spielplatz.

Allein, schlimmer geht immer: fleischfarbene Kurzarmhemden, durchsichtige Oberteile, aus der Hose hervorlugende Unterwäsche, Maurerdekolletés, bauchfreie Outfits, Spaghettiträger oder ein Ausschnitt bis zum Bauchnabel – alles schon gesehen zwischen Kantine und Büro. Der fehlende Geschmack ist dabei selten der Punkt. Problematisch ist vor allem der Mangel an Stoff und das, was er signalisiert: eine fehlende Sensibilität für seine soziale Umwelt – nicht nur Kunden, auch Kollegen verdienen, dass man ihnen mit einer professionellen Haltung und einem adäquaten Erscheinungsbild gegenübertritt. Die Haltung “Hauptsache, mir gefällt’s und es sitzt bequem” stellt ein zweifelhaftes Verständnis von persönlicher Freiheit dar. Die grenzen- und hüllenlose Ausstellung des Selbst, die “Tyrannei der Intimität”, um mit dem Soziologen Richard Sennett zu sprechen, gehört ins Dschungelcamp. Das Fremdschämen ist dort Teil des Erfolgsprinzips.

Kleidung ist ein Statement. Wer sich keine Gedanken über sein Outfit macht, hat nichts zu sagen. Doch so oder so spricht die Kleidung für ihn oder sie. Man wähle daher seine Kleider wie seine Worte: mit Bedacht.

Dieser Beitrag stammt aus der Personalwirtschaft 08/2017.