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Was Einhörner HR ins Ohr flüstern

Portrait Joël Luc Cachelin.
Joël Luc Cachelin befasst sich als Autor, Berater und Gründer des Thinktanks “Wissensfabrik” mit Konsequenzen der Digitalisierung. Sein jüngstes Buch: “Einhorn-Kapitalismus – wie die mächtigsten Start-Ups der Welt unsere Zukunft verändern”. Foto: Carlos Meyer

Im Jahr 2013 hat die Fondsmanagerin Aileen Lee den Begriff des Unicorns eingeführt, um Startups zu bezeichnen, die Investor(inn)en mit über einer Milliarde US-Dollar bewerten. Gegenwärtig listet das Portal CB Insights Toutiao, den chinesischen Konzern hinter der bei Teenies äußerst beliebten App Tiktok, an der Spitze einer Horde von 439 solcher Tiere. Die meisten Einhörner widmen sich der digitalen Zukunft, HR-Themen interessiert bisher allerdings die wenigsten. Außer Gusto (HR Selfservices) hat kein HR-Tech-Unternehmen Einhorn-Status. Immerhin werden Beisen (HR-Software), Checkr (Background-Check), Deputy (Arbeitsorganisation), Talentsoft (HR-Software) und Beqom (Vergütungsmanagement) als heiße Kandidaten gehandelt.

Trotzdem gibt es gute Gründe, warum zukunftsorientierte HR-Expert(inn)en die Fabelwesen studieren sollten. Erstens sind sie ein Hilfsmittel für die strategische Personalplanung: Anhand der Einhörner lässt sich erkennen, welche Technologien und Geschäftsmodelle auf uns zukommen. Zweitens dienen ihre Eigenschaften als Kompass, um die Arbeitswelt der Zukunft zu gestalten. Wer innovativ sein will, muss queerer, bunter, mutiger, mystischer werden. Das verlangt Kreativität. Es erfordert, dem Unerwarteten, dem überraschenden Kombinieren mehr Platz einzuräumen. Zum Beispiel durch den Abbau von Hierarchien, neue Lohn- und Karrieresysteme, die Duzkultur und das Homeoffice. Zudem braucht es mehr Geschäftsleitungen und Betriebsräte, in denen 50 Prozent Frauen und die Generationen X und Z vertreten sind.

Der Einhorn-Kapitalismus ist geprägt von Megaplattformen aus den USA und China. Sie agieren meist als Monopolisten und verstehen Daten als Ressource der Zukunft – wer düster in die Zukunft blickt, spricht von Überwachungskapitalismus. Europa stellt mit Ausnahme von Spotify keine dieser Plattformen. Um den Rückstand aufzuholen, braucht es radikale Kooperation: Unternehmen teilen ihre Maschinen und Daten, auch ihr Wissen und die Kompetenzen der Mitarbeitenden. Organisationsgrenzen lösen sich auf, Ökosysteme
entstehen. Statt wie üblich der Kundennutzen stehen aus einer HR-Perspektive der Zugriff und die Entwicklung von Fähigkeiten im Vordergrund.

Europa könnte sich auch aufmachen und die Plattformen ganz anders denken – mit mehr Dezentralisierung und mehr Datenschutz.

Der demografische Wandel, die analoge Gegenbewegung oder die grüne Transformation bieten ebenso viele Anschlusspunkte für Innovation wie der digitale Wandel. Anstatt seine Mitarbeiter mit den Versprechen des Silicon Valley zu indoktrinieren, könnte HR dazu beitragen, die Perspektiven der Mitarbeitenden zu weiten. Fortbildung fördert dann die Diskussion über gesellschaftliche Trends, über die Nebenwirkungen der Megaplattformen und alternative Zukünfte. Durch das Design der Personalentwicklung prägt HR das Mindset seiner Mitarbeitenden ebenso wie ihr Innovationsverständnis. Das zeigt, wie eng HR mit strategischnormativen Fragen der Unternehmensentwicklung verbunden ist.

Einhörner haben begriffen, wie wichtig die Story ist. Sie ist die Grundlage ihrer hohen Bewertungen, die weit über die tatsächlich realisierten Gewinne hinausgehen. Auch HR braucht eine Story, für die man die Abteilung bewundert. Eine Variante für eine solche Erzählung könnte die Befähigung der Mitarbeitenden sein, fantastische, alternative Geschichten über die Zukunft zu erzählen. Das setzt zum einen voraus, die Szenarien zu kennen, die aus den Aktivitäten der Einhörner resultieren. Zum anderen bedingt es, deren blinde Flecken wahrzunehmen und aus ihnen unternehmerische Potenziale zu kreieren. Beides ist nicht möglich ohne den Willen, über das Heute hinauszudenken.

›› Dieser Beitrag ist zuerst in unserer ›März-Ausgabe erschienen. Ein Abonnement können Sie ›hier abschließen.