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Vertrauen als Basis

Die Grundlage erfolgreicher Personalarbeit ist Vertrauen. Und das braucht vor allem viel Zeit.

Unser Gastautor im Juli: Walter Aigner / Foto: Privat
Unser Gastautor im Juli: Walter Aigner / Foto: Privat

Unser Familienunternehmen Tisca produziert in Rumänien handgefertigte, hoch qualitative Wollteppiche; der Vertrieb, die Entwicklung und das Marketing befinden sich in Österreich. Mitte der Neunzigerjahre stand es nicht gut um unsere Teppichfabrik. Der Neustart in Siebenbürgen 1999 und die komplette Produktionsverlagerung nach Rumänien im Jahr 2012 brachten die Wende. Der Aufbau des neuen Standorts konnte jedoch nur gemeinsam mit lokalen Mitarbeitern gelingen. Wir brauchten Arbeitskräfte und sehr viel Zeit. Alles braucht seine Zeit, vor allem das Aufbauen von gegenseitigem Vertrauen. Gerade bei Menschen wie unseren rumänischen Mitarbeitern, die eine kommunistische Diktatur, eine Pseudorevolution, den totalen wirtschaftlichen Zusammenbruch und viele Enttäuschungen hinter sich haben. Heute arbeiten in unserer Produktionsstätte in Heltau/Siebenbürgen ausschließlich Rumänen. 13 Jahre hat es gedauert, sie davon zu überzeugen, dass wir gekommen sind, um zu bleiben.

Das Vertrauen steht für mich im Vordergrund. Ich bin nicht nur Unternehmer, sondern auch alleinerziehender Vater. Auf dem Weg zu diesem Alleinerzieherdasein gab es lange Phasen, in denen ich auf die Stärke meiner Mitarbeiter angewiesen war – und heute noch bin. Nur das Vertrauen, das ich früh in meine Mitarbeiter hatte, ermöglichte es mir, mein späteres und jetziges Alleinerzieherdasein mit drei Jungs im Alter von 18, 15 und 13 Jahren zu meistern. Dies war und ist nur deshalb möglich, da relativ wenig unseres Tagesgeschäfts über meinen Schreibtisch geht; ich delegiere viel. So wussten meine Mitarbeiter aus der gelebten Praxis, dass ich die von ihnen gewählte Lösung unterstütze.

Denn Vertrauen bedeutet auch, dass nicht alle Lösungen von oben vorgegeben werden und alternative Ansätze auch dann meine Unterstützung finden, wenn ich anders entschieden hätte. Für solch einen Ablauf ist es enorm wichtig, dass alle verstehen, wofür das Unternehmen steht und wohin uns der Weg führen soll. Daher spielt die interne Kommunikation, wie etwa über Veränderungen am Markt, ebenfalls eine wichtige Rolle.

Umschwünge müssen gut erklärt werden, damit die Mitarbeiter mitgehen können.

Wir glauben an die Kompetenzen unserer Mitarbeiter. Zwar besetzen wir konkrete Stellen, versuchen in Folge aber, den Job an die individuellen Fähigkeiten und Stärken der Mitarbeiter anzupassen. Dies fördert ein Selbstbewusstsein, das positiv für unser Unternehmen ist. Das Arbeiten in Siebenbürgen bedeutet zudem, sich auf eine andere Kultur einzulassen. Die Kluft innerhalb der Ethnien war für mich hier recht schnell bemerkbar; vor allem das Verhältnis zwischen Rumänen und Roma ist schwierig. Das ist eine weitere große Herausforderung: die Integration der Minderheit in unseren Betrieb. Während viele Roma einfach nur Rumänen sein wollen, gibt es ihnen gegenüber massive Vorurteile. Daher ist es mir besonders wichtig, seit drei Jahren mit einem erfolgreichen Sozialprojekt innerhalb des Unternehmens gegen diese Vorurteile anzukämpfen. Wir wollen die Bevölkerungsgruppe der Roma nicht aus unserem Mitarbeiterpool ausschließen, müssen aber unsere rumänischen Mitarbeiter schrittweise an dieses Thema heranführen. Genauso müssen die Roma wissen, dass sie von derselben Wichtigkeit für uns sind wie alle anderen.

Wir sind kein Sozialunternehmen, haben als Familienbetrieb aber einen langen Atem und können Projekte langsam aufbauen. So sind wir heute auf einem guten Weg, und das haben wir nur als Team geschafft. Gerade weil der Weg so steinig war, ist die gegenseitige Wertschätzung jetzt, da der Tiefpunkt überwunden ist, besonders groß. Das Vertrauen, das ich schon früh in meine Mitarbeiter hatte, hat sich mehr als ausgezahlt.

Walter Aigner führt das schweizerisch-österreichische Familienunternehmen TISCA GmbH & Co. KG. Seit er die Produktion nach Rumänien verlagerte, steht er vor spannenden Recruiting- und Diversity-Herausforderungen. > www.tisca.at

Erschienen in Ausgabe 07/2017 der Personalwirtschaft (› hier bestellen und weitere spannende Inhalte genießen)