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„Wir suchen uns einen CHRO“

Portrait Tanja Wöbken.
Dr. Tanja Wöbken ist seit 1. April 2020 Director Human Resources bei Aldi Süd. Foto: Aldi Süd

Personalwirtschaft: Frau Wöbken, können Sie sich zunächst einmal kurz vorstellen?
Tanja Wöbken: Ich bin 49 Jahre alt und lebe mit meiner Familie in Hamburg. Dort war ich zuvor bei einem börsennotierten Familienunternehmen tätig. Zum HR-Fach bin über Umwege gekommen. Nach Bankausbildung, BWL-Studium und Promotion bin ich beruflich zunächst einmal im Bereich Controlling und Finanzen eingestiegen. Anschließend habe ich knapp zwei Jahre in der Unternehmensentwicklung und -steuerung gearbeitet, bis ich dann Anfang 2010 in den Personalbereich gewechselt bin.

Die Stellenkampagne war ungewöhnlich. Wie hat das auf Sie gewirkt – und wuchs damit nicht auch der Erwartungsdruck?
Das hat auf mich sehr positiv gewirkt. Direkt, klar und authentisch. Der Erwartungsdruck hat sich dadurch nicht erhöht. Ich habe es eher als Vorteil empfunden, bereits vor dem ersten Schritt in den Bewerbungsprozess einen Eindruck von einigen zukünftigen Kolleginnen und Kollegen zu bekommen.

Welche Aufgaben stehen auf Ihrer Agenda?
Ursprünglich war die Einarbeitung in einer Aldi-Süd-Regionalgesellschaft vorgesehen. Das gehört dazu. Jeder, der neu anfängt, kann so einmal in die Arbeit in den Filialen und den Logistikzentren schnuppern. Das hilft, ein tieferes Verständnis für die Abläufe im Unternehmen zu bekommen. Aufgrund der aktuellen Situation mussten wir das jedoch verschieben. Stattdessen geht es jetzt darum, Chancen und Risiken zu bewerten, um die Zeit nach Corona optimal zu gestalten. Das Ganze ist eine echte Herausforderung, zumal ich im Homeoffice starten musste. Dank der technischen Möglichkeiten wie Videokonferenzen funktioniert das aber überraschend gut.

Einzelhandelsmitarbeiter spielen in der Corona-Pandemie eine systemrelevante Rolle. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Die Hauptaufgabe ist, die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen. Wir erfüllen einen wichtigen Versorgungsauftrag und benötigen dafür ausreichend Personal. Unsere Filialen haben punktuell einen erhöhten Personalbedarf. Deshalb entwickeln wir im HR-Team verschiedene Maßnahmen, um diesen bestmöglich zu decken, indem wir beispielsweise Einstellungsprozesse beschleunigen. Außerdem haben wir eine Corona-Hotline für Führungskräfte eingerichtet, damit wir sie jederzeit unterstützen können.

Portrait Katrin Otto.
Katrin Otto ist HR-Marketing-Managerin bei Aldi Süd. Foto: Aldi Süd

Personalwirtschaft: Frau Otto, die Kampagne zur CHRO-Suche hat in der Personalszene für Aufsehen gesorgt. Welche Idee steckte dahinter?
Katrin Otto: Wir haben eine vakante Stelle in der Geschäftsführung zum ersten Mal nicht aus den eigenen Reihen besetzt. Sie wurde ausgeschrieben und das Recruiting-Team war maßgeblich an der Anforderungsanalyse sowie dem Auswahlprozess beteiligt. Die Suche nach unserem zukünftigen Chef oder unserer zukünftigen Chefin lag uns ganz besonders am Herzen. Wir wollten die Chance nutzen, etwas Neues auszuprobieren.

Wie sind Sie vorgegangen?
Unser Ziel war, passende Kandidatinnen und Kandidaten direkt anzusprechen, unsere Erwartungen klar zu formulieren, authentische Einblicke in aktuelle Projekte zu geben und zu zeigen, wie wir als Team sind. Wir haben jemanden gesucht, der oder die gut vernetzt und innovativ ist und Projekte vorantreibt. Wir wussten, dass diese Personen sich bei Linkedin aufhalten, und haben uns auf diesen Kanal konzentriert. Statt auf Hochglanz haben wir bewusst auf Authentizität gesetzt. So haben wir unter anderem ein Video in Eigenregie mit einer Spiegelreflexkamera gedreht, in dem HR-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter erzählen, was sie sich von der neuen Geschäftsführung wünschen.

Wie war der Rücklauf?
Überraschend gut. Wir hatten in sechs Tagen knapp 80 Bewerber, von denen wir etwa ein Viertel zum Erstgespräch eingeladen haben. Die Qualität der ersten Bewerbungen war so gut, dass wir die Ausschreibung früher als geplant wieder offline genommen haben. Da wir vergleichbare Positionen bisher nicht extern ausgeschrieben haben, lässt sich nicht sagen, ob wir vergleichsweise mehr Bewerbungen erhalten haben. Die Bewerbungen waren außergewöhnlich deckungsgleich mit unseren Anforderungen.

Sind weitere vergleichbare Kampagnen geplant?
Aktuell nicht. Aber wir können uns gut vorstellen, wieder neue Wege zu beschreiten. Wir beobachten, dass die Bedeutung von Videos wächst. Wir sehen darin eine gute Möglichkeit, authentische Eindrücke von zukünftigen Kolleginnen und Kollegen sowie von einer Arbeitsumgebung zu vermitteln.

›› Dieser Beitrag ist zuerst in der Juni-Ausgabe der Personalwirtschaft erschienen.

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.