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„Kritzeln während der Arbeit kann die Konzentration fördern“

Studierende der Hochschule Ostwestfahlen-Lippe haben Kritzeleien auf den Tische  in den Hörsäälen hinterlassen. (Foto: Timo Schäferkordt)
Studierende der Hochschule Ostwestfahlen-Lippe haben Kritzeleien auf den Tische in den Hörsäälen hinterlassen. (Foto: Timo Schäferkordt)

Personalwirtschaft: Herr Minge, viele sehen Kritzeln als Ablenkung von der eigentlichen Arbeit an. Ist man beim Kritzeln wirklich unaufmerksamer?

Michael Minge: Wenn wir in einem Vortrag, Meeting oder beim Telefonieren kritzeln, kann das die Konzentration steigern. Denn dadurch aktivieren wir uns selbst, um Inhalte zu verarbeiten und nicht mit den Gedanken abzuschweifen. Studien belegen, dass die Gedächtnisleistung während des Kritzelns um bis zu 30 Prozent gesteigert werden kann. Was bedeutet, dass man die Gedächtnisinhalte, die während des Kritzelns entstehen, nach ein paar Tagen um 30 Prozent besser abrufen kann. Auch kann das Skizzieren dabei helfen, neue Sichtweisen aufkommen zu lassen.

Parallel zu kritzeln und zuzuhören ist Multitasking. Es gibt die These, dass Multitasking nicht funktioniert. Wie ist Ihre Meinung hierzu?

Bestimmte Aufgaben schließen sich grundsätzlich aus, zum Beispiel das “parallele” Zuhören zweier Gesprächspartner. Auch wenn Aufgaben unterschiedlich aussehen, wir sie aber kognitiv in einer vergleichbaren Weise bearbeiten, werden wir uns verschlechtern. Denn wir können nicht zwei Sachen mit der gleichen Aufmerksamkeit belegen. Multitasking ist zudem eine Übungssache: Je routinierter eine Aufgabe von der Hand geht, desto besser kann sie mit einer anderen kombiniert werden. Neuere Studien zeigen, dass persönliche Präferenzen eine wichtige Rolle beim Multitasking spielen. So gibt es Personen, die sich eher für einen seriellen Bearbeitungsstil entscheiden und Aufgaben gerne nacheinander abarbeiten. Andere arbeiten eher aufgabenintegrierend, quasi “parallel” mit recht vielen und schnellen Wechseln zwischen den Aufgaben. Letztere Gruppe kann besser multitasken.

Michael Minge, Professor für Innovationspsychologie betont die positive Auswirkung von Kritzeln während der Arbeit. (Foto: TH OWL)
Michael Minge, Professor für Innovationspsychologie betont die positive Auswirkung von Kritzeln während der Arbeit. (Foto: TH OWL)

Ist die positive Wirkung von Kritzeln auch situationsbedingt?

Ja, Kritzeln ist am hilfreichsten in Situationen, in denen man selbst eher passiv ist, wie beispielsweise beim reinen Zuhören über einen längeren Zeitraum. Es kann Zuhörenden helfen, beim Zuhören aktiv zu bleiben und das Gehörte besser aufzunehmen sowie länger zu behalten. Das Skizzieren muss allerdings beiläufig passieren. Es sollte möglichst nicht mit eigenen Gedanken kommentiert werden. Dies würde auf verbaler Ebene wiederum mit dem Gehörten konkurrieren und zu einem innerlichen Abschweifen führen.

Sagen die Kritzeleien auch etwas aus?

Es gibt bestimmte Forschungsrichtungen, die Kritzeleien deuten, wenn sie unbewusst nebenbei entstanden sind. Gitter werden oft mit dem Wunsch in Verbindung gebracht, Struktur in das Gehörte zu bekommen. Florale Muster werden mit einer positiven Stimmung, die Zuhörende erleben oder durch das Skizzieren gerne erleben wollen assoziiert und Gesichter mit dem Bedürfnis nach Interaktion und Austausch mit anderen Personen. Belegt sind solche Deutungsversuche nicht.

Abgesehen vom Kritzeln, welche Nebenbeschäftigungen können sonst noch gut für die Konzentration sein? Können Musik und Bewegung hilfreich sein?

Im Fall von Musik sind die Befunde sehr unterschiedlich und hängen von der jeweiligen Aufgabe, persönlichen Präferenzen und dem Musikstück ab. Rationale Entscheidungsaufgaben können durch Musik negativ beeinflusst werden. Kreative Aufgaben, die ein Ausprobieren beinhalten, lassen sich mit Musik, die eine positive Stimmung vermittelt, oft verbessern. Laufen ist ähnlich wie Skizzieren eine hoch automatisierte Handlung und kann konzentrationsfördernd sein, da dadurch das Aktivierungsniveau gesteigert wird. Es hilft auch, Gedanken im Raum zu verorten und mit einer bestimmten Perspektive des Raums in Verbindung zu bringen.

 

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.