UPDATE, 7. April: Das nächste Unternehmen beugt sich dem Ausruf Trumps, auf DEI-Programme zu verzichten. Der amerikanische Ableger der Telekom, T-Mobile, hat sich, wie die Welt berichtete, in einem Brief an die US-Regulierungsbehörde FCC zur weitgehenden Aufgabe von DEI-Initiativen verpflichtet. Laut dem Brief, der der Welt am Sonntag vorliegt, spricht das Unternehmen davon, dass man spezifische Ziele in dem Bereich aufgegeben und zwei Beiräte zu dem Thema aufgelöst habe. Ein Tag nach Eingang des Schreibens genehmigte die Aufsichtsbehörde die angestrebte Übernahme des Kabelnetzbetreibers Lumos. Zuvor war darüber berichtet worden, dass die FCC keine Übernahmen von Unternehmen genehmigen werde, die noch an DEI-Programmen festhalten würden. Darauf angesprochen sagte ein Sprecher des Mutterkonzerns in Deutschland, dass sich die Deutsche Telekom ihren Werten verpflichtet bleibe und gleichzeitig die vollständige Einhaltung aller rechtlichen Vorgaben in Europa und den USA sicherstellen wolle.
Cawa Younosi, Geschäftsführer der Charta der Vielfalt und ehemaliger SAP-Personaler, berichtet derweil via Linkedin, es habe 540 neue interessierte Unternehmen in nur drei Monaten gegeben, die die Charta unterzeichnen wollen. Seiner Ansicht nach ein Zeichen dafür, dass deutsche Unternehmen ein Zeichen setzen: „Für Haltung. Für Respekt. Für ein Miteinander ohne Vorurteile.”
UPDATE, 4. April: Wie unter anderem die Tagesschau berichtet, wurden nun auch mehrere deutsche Unternehmen seitens der US-Behörden dazu aufgefordert, sich von Diversitäts- und Gleichstellungsprogrammen zu distanzieren. „Inzwischen haben auch etwa zwei Dutzend in Deutschland ansässige Unternehmen solche Schreiben von der US-Botschaft in Berlin erhalten“, wird der DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier zitiert. Akute Sorgen machen müssen sich demnach allerdings momentan wohl nur Vertragspartner von US-Botschaften und Regierungsstellen. Eines dieser Unternehmen, nämlich SAP, kommt in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung zum Thema zu Wort. Man prüfe „derzeit sorgfältig die Anforderungen und Fristen in den Erlassen der US-Administration, um potenzielle Auswirkungen auf SAP einzuschätzen“, wird das Unternehmen dort zitiert.
Ursprünglicher Artikel vom 3. April 2025:
Programme zur Förderung von Diversity, Equity & Inclusion in Unternehmen sollen nach dem Willen von US-Präsident Donald Trump abgeschafft werden, und zwar weltweit. Zunächst schien diese Forderung noch weit von der deutschen Unternehmenslandschaft entfernt. Die HR-Szene hierzulande zeigte sich verunsichert, sah die Geschehnisse in den USA aber eher als Motivation für ein „Jetzt erst recht!“ beim Diversity Management. Nun wirkt sich Trumps Handeln immer mehr auch auf Unternehmen in Europa aus – und das Thema rückt damit näher an die hiesige HR-Szene. Die Schweizer Konzerne Roche, UBS und Novartis, die alle global agieren, haben ihre DEI-Programme entsprechend angepasst.
„Vor dem Hintergrund der neuen US-amerikanischen Exekutivverordnung zu DEI haben wir unsere Ziele und Programme sowohl auf globaler Ebene als auch auf US-amerikanischer Ebene überprüft und angepasst, um die gesetzlichen Vorschriften einzuhalten“, sagt eine Roche-Unternehmenssprecherin gegenüber unserer Redaktion.
Quoten gestrichen, Fokus auf Inclusion
Konkret heißt das: Die Frauenquote von 38 Prozent für Führungspositionen und die Quote für ethnische Minderheiten von 19 Prozent werden, die sich das Unternehmen global gesetzt hatte, werden nicht mehr als Ziel angestrebt. Zudem werden sich die bisherigen Chief Diversity Offices –so nennt Roche seine Diversity-Teams – nicht mehr wie bisher auf Diversität beziehen, sondern auf Inklusion und Zugehörigkeit. Sprich: Beispielsweise im Recruiting wird wohl nicht mehr gezielt Vielfalt angestrebt, Chancengleichheit und die Möglichkeit, sich im Unternehmen einzubringen, sollen aber offenbar weiterhin sichergestellt werden.
„Wir setzen uns weiterhin für ein inklusives Arbeitsumfeld ein, in dem die Vielfalt von Perspektiven und Erfahrungen gefördert wird und sich jeder zugehörig fühlen kann, um sein Bestes bei der Arbeit zu geben“, heißt es vonseiten Roche. Formuliert als Mission-Statement zeigt sich diese Änderung des DEI-Kurses folgendermaßen: Setzte sich Roche zuvor als Ziel „Diversity, Equity & Inclusion: Achieve an inclusive environment through diverse leadership that mirrors our workforce“ zu gestalten, heißt der Plan nun „Foster an inclusive environment that inspires people to perform at their very best“.
Dass Roche sich dem Druck beugt, den der US-Präsident ausübt, scheint zunächst überraschend. Galt das Pharmaunternehmen doch seit Jahren als Vorreiter bezüglich DEI. Ein Blick in das Wirtschaften von Roche hält allerdings eine Erklärung bereit: Medienberichten zufolge erzielte Roche zuletzt rund die Hälfte des Umsatzes in den USA und beschäftigte etwa ein Viertel seiner Belegschaft in den Vereinigten Staaten.
Bei Novartis lassen sich ähnliche Entwicklungen wie bei Roche beobachten. Das Pharmaunternehmen verwendet laut dem Schweizer Fernsehsender SRF zukünftig keine diversen Kandidatenlisten und Auswahlgremien im Einstellungsprozess mehr für Positionen in den USA. Zudem hat Novartis ebenfalls das Wording bezüglich DEI geändert. „Diese Entscheidung ändert nichts an unserem Ziel, die besten Talente einzustellen und mögliche Vorurteile im Prozess zu adressieren“, so das Unternehmen gegenüber uns. Auch Novartis galt als Vorreiter für DEI, hatte mit Negen Poovan-Münstermann eine Personalvorständin, für die das Thema eine Herzensangelegenheit war, wie sie gegenüber unserer Redaktion in der Vergangenheit gesagt hatte. Seit März 2025 ist Poovan-Münstermann nicht mehr in der Position der CHRO und hat das Unternehmen verlassen.
Widersprüchliche rechtliche Anordnungen
Die Großbank UBS hat derweil Medienberichten zufolge das Kapitel zu DEI in ihrem Geschäftsbericht gestrichen. In dem Bericht betont die UBS allerdings auch, dass es auf globaler Ebene für die Bank widersprüchliche Gleichstellungsvorschriften gibt. In bestimmten Ländern sei sie verpflichtet, Diversitätsziele zu setzen, die in anderen als illegal gelten oder den Erwartungen der Aufsichtsbehörden entgegenlaufen.
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Trumps Forderung lässt sich auch in Deutschland nicht mit bestehenden Gesetzen vereinen. Das wären etwa die zwei Führungspositionengesetze, welche eine Frauenquote in Vorständen und Aufsichtsräten vorsehen, sowie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.
Brief-Skandal in Frankreich
Politisch gab es jüngst Gegenwind für Trump, als er versuchte, französische Unternehmen mit US-Regierungsaufträgen dazu zu bringen, ihre DEI-Programme einzustellen. Laut der Nachrichtenagentur Reuters hatte die US-Botschaft in Paris Briefe an Firmen geschickt – so etwa an den Telekommunikationskonzern Orange. Sie sollten in einem Dokument unterschreiben, dass sie sich an das Verbot von Programmen zur Förderung von DEI halten. Falls sie dem nicht zustimmen, sollten sie ihre Gründe dafür detailliert darlegen. Das werde dann an die Rechtsabteilung der US-Behörde weitergeleitet. Laut Reuters reagierte die französische Regierung empört. „Die Einmischung in die Inklusionspolitik französischer Unternehmen unter Androhung ungerechtfertigter Zölle ist inakzeptabel“, wird das für Außenhandel zuständige französische Ministerium zitiert. „Frankreich und Europa werden ihre Unternehmen, ihre Verbraucher, aber auch ihre Werte verteidigen.“
Diese Reaktion hätten sich auch viele Menschen der deutschen HR- und DEI-Szene von Unternehmen gewünscht. Sie reagieren enttäuscht und verärgert auf den DEI-Backlash, der nun seinen Weg auch nach Europa gefunden hat. „Für queere Menschen, für Frauen, für BiPoc in Unternehmen ist das ein Schlag ins Gesicht“, schreibt Pavlo Stroblja, Gründer und CEO von Queermentor, auf Linkedin. „In dem Moment, in dem interne Diversity-Programme abgebaut werden, bleiben Diskriminierung, Ungleichheit und Unsichtbarkeit bestehen.“ Zudem betont Stroblja, was für ein verstörendes Signal besagte Unternehmen senden und welche Glaubwürdigkeitslücke nun für sie entstehe. „Wenn ein Unternehmen Diversity nur dann lebt, wenn es bequem ist, ist das dann überhaupt noch glaubwürdig?“
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Selma Kuyas, Personal Brand-Beraterin, bezeichnet das Verhalten von UBS, Novartis und Roche auf Linkedin als „Rückschritt ins gefühlte Mittelalter“. „Anstatt New Work und Diversität zu fördern, beugt man sich dem Faschismus der gespaltenen Staaten von Amerika.“ Der Head of HR von Instaffo, Pascal Herbold, kommentiert: „Für mich spricht es dafür, dass viele Unternehmen viele der DEI-Programme aufgesetzt haben, um dem Zeitgeist zu entsprechen und ihren ökonomischen Vorteil daraus zu ziehen.“
Wissenschaftliche Erklärung für das Zurückrudern
Genau das bestätigt eine aktuelle Studie eines Forschungsteams der University of Toronto. Die Wissenschaftler Brian Chung und Alessandro Piazza sowie die Wissenschaftlerin Kate Odziemkowska haben im März 2025 Forschungsergebnisse veröffentlicht, für die sie sich die Kommunikation der 500 umsatzstärksten US-Unternehmen bezüglich LGBTQIA+ über die vergangenen 20 Jahre angeschaut haben. Demnach verhalten sich Unternehmen nur als Aktivisten, wenn gesellschaftspolitische Themen auf wenig Gegenwind treffen. Corporate Aktivismus sei oft eine Reaktion auf gesellschaftspolitischen Wandel, darauf abgestimmt, Risiken zu minimieren, während man weiterhin die Glaubwürdigkeit gegenüber Hauptstakeholdern erhält, fasst Odziemkowska die Studienergebnisse auf Linkedin zusammen. So setzte sich ein Großteil der Unternehmen erst für Rechte von queeren Menschen ein, als die gleichgeschlechtliche Ehe in den USA legal wurde. Und jetzt, wo sich der Wind dreht, tun sie es nicht mehr.
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Lena Onderka ist redaktionell verantwortlich für den Bereich Employee Experience & Retention – wozu zum Beispiel auch die Themen BGM und Mitarbeiterbefragung gehören. Auch das Thema Diversity betreut sie. Zudem ist sie redaktionelle Ansprechpartnerin für den Deutschen Human Resources Summit und das HR Forum Banking.

