Ausbildung ist Teamarbeit – und zwar nicht nur zwischen Ausbildenden und Azubi. Wer heute Nachwuchs gewinnen und halten will, sollte über den eigenen (Werk-) Zaun hinausschauen. Denn viele Herausforderungen in der Ausbildung lassen sich im Alleingang kaum lösen: Berufsorientierung, Bewerbermangel, neue Ausbildungsinhalte, Integration internationaler Azubis, Prüfungsstress, Abbruchrisiken. Die gute Nachricht: Dafür gibt es Netzwerke. Und sie sind oft der unterschätzte Turbolader für gute Ausbildung.
Warum Netzwerke Gold wert sind
Netzwerke sind wie ein Mehrzweck-Werkzeugkasten: Man greift rein, wenn man etwas braucht – und merkt schnell, dass man nicht allein schrauben muss. Wer vernetzt ist, bekommt früher Infos über Trends, Fördermöglichkeiten oder neue Projekte. Man spart Zeit, weil Lösungen schon irgendwo erprobt wurden. Und man gewinnt Ideen, auf die man selbst nie gekommen wäre.
Außerdem: Netzwerke sind der Ort, an dem man merkt, dass andere Betriebe dieselben Probleme haben. Das ist nicht nur tröstlich, sondern produktiv. Denn gemeinsam entstehen oft pragmatische Lösungen, die im Alltag wirklich funktionieren.
Welche Netzwerke Ausbildende nutzen können – mit Beispielen
Netzwerke gibt es in allen Größen und Variationen. Drei Typen sind für Ausbildenden besonders nützlich:
1. Schule-Wirtschaft-Netzwerke (regional und bundesweit)
Hier treffen Betriebe, Schulen und oft auch Kommunen zusammen, um Berufsorientierung, Praktika, Betriebsbesuche oder Projektwochen zu organisieren. Bundesweit gibt es rund 400 regionale Arbeitskreise von Schulewirtschaft mit zehntausenden Aktiven – also fast überall eine Anlaufstelle. (Schulewirtschaft – Kooperation von Schulen & Wirtschaft).
Wofür besonders sinnvoll?
- Frühzeitige Ansprache potenzieller Azubis
- Praktikumsplätze, Schnuppertage, Projektwochen
- Austausch mit Lehrkräften über Anforderungen und Erwartungen
2. Kammer- und Branchen-Netzwerke
IHK und HWK bieten regionale Arbeitskreise, Erfahrungsaustausch und Ausbildungs-Events. In NRW ist zum Beispiel die landesweite Ausbildungsbörse Ausbildung.nrw – ein gemeinsames Instrument, um Jugendliche und Betriebe zu matchen. Wer dort sichtbar ist, wird gefunden.
Wofür besonders sinnvoll?
- Bewerbergewinnung und Azubi-Marketing
- Rechtliche/organisatorische Fragen rund um Ausbildung
- Qualitätsentwicklung, Prüfungsvorbereitung, neue Verordnungen
3. Verbund- und Kooperationsnetzwerke
Für KMU ein echter Game-Changer: Verbundausbildung heißt, mehrere Betriebe teilen sich die Ausbildungsbereiche, wenn ein Betrieb nicht alles abdecken kann. Kammern unterstützen das aktiv. Entsprechende Modelle zeigt eine Veröffentlichung des früheren Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF, heute: BMFTR).
Wofür besonders sinnvoll?
- Wenn zum Beispiel Spezialmaschinen fehlen oder Arbeitsbereiche wie die Logistik nicht da sind.
- Wenn ein Betrieb nur wenige Azubis hat.
- Um Ausbildungsqualität und Attraktivität zu steigern.
Wichtige Netzwerkpartner – wer gehört ins „Dream Team“?
Zentral sind Schulen und Berufskollegs, denn hier fällt oft die erste Entscheidung für oder gegen eine Ausbildung. Wer Schulleitung, Lehrkräfte, Studien- und Berufsorientierungs-Lehrerende (StuBos) und Berufsberatende kennt, kommt leichter an Praktika, Projekttage oder Betriebsbesuche – und damit früh an potenzielle Azubis.
Mehr zu Schulkooperationen lesen Sie beim KOFA (Schulkooperationen als Unternehmen erfolgreich umsetzen – KOFA).
Ebenso wichtig sind Kammern, Innungen und überbetriebliche Bildungsstätten. Sie liefern Orientierung bei rechtlichen Fragen, kennen neue Ausbildungsanforderungen und bringen Betriebe zusammen, die ähnliche Herausforderungen haben.
Dazu kommen andere Unternehmen als Austausch- oder Verbundpartner: Gerade KMU profitieren, wenn sie Ausbildungsteile gemeinsam abdecken oder sich beim Azubi-Marketing zusammentun.
Auch Arbeitsagentur, Job- und Welcome Center gehören ins Boot – sie öffnen Türen zu Bewerberpools und Programmen, etwa für internationale Azubis oder Jugendliche mit Unterstützungsbedarf.
Und schließlich lohnt der Draht zu Kommunen und Wirtschaftsförderungen, weil dort Standortthemen wie Mobilität, Wohnraum oder regionale Projekte gebündelt werden.
Nicht zu vergessen: Eltern und Azubis selbst. Als Botschafter/-innen wirken sie oft stärker als jede Kampagne.
Hier finden Sie ein Beispiel zur Zusammenarbeit zum Thema „Azubi-Wohnen“.
Wie man Netzwerke aktiv nutzt (statt nur Mitglied zu sein)
Netzwerken passiert nicht automatisch – der Wert entsteht durchs Mitmachen. Wer regelmäßig zu Treffen geht, sichtbar bleibt und nicht nach dem ersten Abend wieder abtaucht, baut Vertrauen auf. Das funktioniert am besten, wenn man konkrete Fragen oder Themen mitbringt: Was funktioniert bei Praktika? Wie läuft Onboarding gut? Wie verhindert ihr Abbrüche? Solche Anlässe machen Austausch schnell nutzbar.
Hilfreich sind kleine Kooperationen als Einstieg – etwa ein gemeinsamer Berufe-Tag mit Schule und zwei Betrieben oder ein Azubi-Projekt mit Partnerunternehmen. Wer zusätzlich digitale Kanäle wie Mailverteiler oder Online-Stammtische nutzt, bleibt im Gespräch und bekommt Infos oft schneller als über offizielle Wege.
Neue Netzwerke anstoßen – so geht’s ohne Großprojekt
Fehlt ein passendes Netzwerk, kann man selbst den ersten Funken setzen. Dafür reicht es, einen klaren Bedarf zu formulieren – zum Beispiel mehr Praktikantinnen und Praktikanten, Unterstützung für internationale Azubis oder Austausch zu Ausbildungsqualität. Dann zwei oder drei passende Partner anrufen: eine Schule, die Kammer, ein Nachbarbetrieb, vielleicht die Wirtschaftsförderung.
Das erste Treffen hält man bewusst klein: eine Stunde, ein Ziel, ein nächster Schritt. Wenn daraus etwas wächst, lässt sich die Koordination oft an Kammern oder regionale Partner übergeben – so bleibt das Netzwerk stabil, ohne an einer Person zu hängen.
Stolperfallen: Was Netzwerke stört (und was es braucht)
Netzwerke scheitern selten an bösem Willen, eher an fehlender Struktur. Ohne gemeinsames Ziel wird schnell Kaffeeklatsch daraus. Wenn Treffen unregelmäßig stattfinden, versanden Ideen. Wer nur kommt, wenn er gerade etwas braucht, verliert an Vertrauen. Und zu viele Themen auf einmal machen ein Netzwerk träge – ein Fokus pro Halbjahr wirkt meist besser.
Was hilft, ist simpel: ein klares Ziel, verlässliche (aber realistische) Termine, eine Rollenteilung – jemand koordiniert, andere liefern Inhalte – und ein paar schnelle Erfolge. Ein gemeinsamer Berufetag, ein Leitfaden, ein kleines Projekt: sichtbarer Nutzen ist der beste Klebstoff für gute Zusammenarbeit.
Fazit: Gemeinsam geht’s leichter – und besser
Netzwerke sind kein Extra für „die Großen“, sondern ein Werkzeug für alle, die ausbilden. Ob Schule-Wirtschaft-Arbeitskreis, Kammernetzwerk oder Verbundausbildung: Überall entstehen Kontakte, Ideen und Lösungen, die Ausbildung besser machen.
Wer sich vernetzt, hat mehr Bewerbende im Blick, mehr Unterstützung im Rücken und mehr Qualität im System. Und ganz ehrlich: Es macht sogar Spaß, wenn man merkt, dass Zusammenarbeit nicht nur nett klingt, sondern Ausbildungsplätze füllt.
Kurz gesagt: Ausbildung ist Mannschaftssport. Wer Netzwerke nutzt, spielt nicht allein – und gewinnt häufiger.
Info
Miriam Schöpp, die Autorin der Kolumne „Wie Ausbildung gelingt” ist Senior Referentin für Berufliche Bildung am KOFA Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e.V.
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