Der Ausbildungsstart 2024 ist für viele Betriebe bereits im Sommer erfolgt – August oder September sind die klassischen Monate für den Beginn des neuen Ausbildungsjahres. Wie ist es in Ihrem Unternehmen: Konnten Sie alle Ausbildungsplätze besetzen?
Wenn ja – herzlichen Glückwunsch! Sie scheinen einiges richtig gemacht zu haben. Doch der nächste Schritt ist entscheidend: Ihre neuen Azubis müssen gut „an Bord“ geholt und langfristig an das Unternehmen gebunden werden. Denn das Ziel ist nicht nur die Besetzung der Ausbildungsplätze, sondern auch die erfolgreiche Integration der Auszubildenden in das Unternehmen, sodass beide Seiten zufrieden sind.
Warum bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt?
Einer Untersuchung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zufolge konnten 49 Prozent der Ausbildungsbetriebe im Bereich der Industrie- und Handelskammern (IHKs) nicht alle Ausbildungsplätze für das Ausbildungsjahr 2023/2024 besetzen. Das ist eine Steigerung um zwei Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr und markiert einen neuen Rekord. Besonders alarmierend: Mehr als ein Drittel der betroffenen IHK-Betriebe (35 Prozent) gab an, keine einzige Bewerbung erhalten zu haben. Hochgerechnet sind etwa 30.000 IHK-Betriebe bei der Besetzung ihrer Ausbildungsplätze leer ausgegangen.
Wenn Sie also keinen vollen Erfolg bei der Azubi-Suche hatten, sind Sie nicht allein. Im Jahr 2023 blieben insgesamt rund 73.400 Ausbildungsstellen unbesetzt – ein Negativrekord, obwohl die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen im Vergleich zum Vorjahr gestiegen war. Gleichzeitig hatten etwa 63.700 junge Menschen bis Ende September noch keinen Ausbildungsplatz gefunden. Hier zeigt sich das Paradoxon: Es gibt auf der einen Seite freie Stellen und auf der anderen Seite Jugendliche, die händeringend nach einem Ausbildungsplatz suchen – und dennoch finden die beiden oft nicht zueinander. Woran liegt das?
Neue Zielgruppen jenseits von Stereotypen
Ob sich ein potenzieller Azubi und ein Ausbildungsbetrieb finden, hängt stark von der Region, der Branche und auch den Qualifikationen der Jugendlichen ab. Die Anforderungen von Betrieben und die Vorstellungen der jungen Menschen klaffen oft auseinander.
Möglicherweise haben Sie als Betrieb bisher bestimmte Gruppen junger Menschen noch gar nicht in den Blick genommen. Es gibt viele Jugendliche, die nicht den klassischen Schulabschluss vorweisen können oder einen Umweg in ihrer Bildungsbiografie genommen haben. Schulabbrecher, ältere Jugendliche, Geflüchtete, Mädchen in männerdominierten Berufen und Jungs in frauenstereotypen Berufen – sie alle können wertvolle Fachkräfte werden.
Überprüfen Sie daher Ihre Ansprüche an die formale Qualifikation. Ist ein mittlerer Schulabschluss oder gar Abitur wirklich notwendig? Oder sind andere Kompetenzen, wie Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und technisches Interesse, vielleicht sogar wichtiger? In vielen Berufen werden praktische Fertigkeiten und Motivation stark gewichtet – Fähigkeiten, die in Schulzeugnissen nicht immer ersichtlich sind.
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Auch in punkto Mobilität ist einiges machbar, um regionale Passungsprobleme aus dem Weg zu räumen. Azubi-Wohnen, ein Zuschuss zum Führerschein oder die Organisation von Fahrgemeinschaften. Werden Sie kreativ, um Azubis zu erreichen, die ihren Wohnort weiter entfernt haben.
Aktiv auf junge Menschen zugehen
Um neue Zielgruppen zu erschließen, sollten Betriebe proaktiv auf Jugendliche zugehen, die sich außerhalb des traditionellen Ausbildungsspektrums bewegen. Es gibt zahlreiche Ansätze, wie Sie diese Jugendlichen erreichen können:
- Kooperation mit öffentlichen Institutionen: Nutzen Sie Jugendwerkstätten, Jugendämter und Jugendzentren, um Jugendliche zu erreichen, die möglicherweise nicht mehr zur Schule gehen, aber dennoch großes Potenzial haben.
- Teilnahme an Projekten: Initiativen wie „Joblinge“ oder das Programm „Passgenaue Besetzung“ bieten gezielte Unterstützung für Unternehmen, die bei der Azubisuche Schwierigkeiten haben.
- Offenheit zeigen: Vermitteln Sie deutlich (zum Beispiel in Stellenanzeigen), dass Sie auch für Jugendliche mit „Umwegen“ oder einem nicht geradlinigen Bildungsweg offen sind. Diese jungen Menschen bringen oft besondere Lebenserfahrungen mit, die sie zu motivierten und anpassungsfähigen Auszubildenden machen.
Praktische Erfahrungen und langfristige Bindung fördern
Ein Schlüssel zum Erfolg in der Azubirekrutierung kann auch darin liegen, Jugendlichen mehr Zeit zu geben, ihre Stärken zu zeigen. Längere Praktika oder Einstiegsqualifikationen bieten hier eine gute Möglichkeit, potenzielle Azubis besser kennenzulernen und gleichzeitig dem Jugendlichen Einblick in den Berufsalltag zu geben. Das Vertrauen, das in dieser Phase aufgebaut wird, kann die Grundlage für eine langfristige Bindung legen.
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Warum lösen Azubis ihre Verträge?
Ein weiteres Problem, dem sich viele Betriebe gegenübersehen, ist die hohe Zahl an Vertragslösungen, oft schon kurz nach Ausbildungsbeginn. Eine kritische Frage, die sich dabei stellt: Wurde vorab ein realistisches Bild vom Betrieb vermittelt? Haben Erwartungen und Realität übereingestimmt? Oft entstehen Missverständnisse oder Fehlentscheidungen, weil beide Seiten – sowohl der Azubi als auch der Betrieb – nicht ausreichend über die gegenseitigen Erwartungen gesprochen haben.
Regelmäßiges Feedback während der Ausbildung kann hier helfen, Missverständnisse frühzeitig aus dem Weg zu räumen und die Bindung zu stärken. Besonders wirksam ist es, wenn dem Azubi bereits vor Ausbildungsbeginn die Möglichkeit gegeben wird, das Team kennenzulernen – etwa durch Probearbeiten, ein Praktikum oder ein Onboarding-Event.
Neue Herausforderung: „Ghosting“
Ein Phänomen, das sich zunehmend bemerkbar macht, ist das sogenannte „Ghosting“ – Auszubildende, die trotz eines unterschriebenen Ausbildungsvertrages am ersten Tag nicht erscheinen und für das Unternehmen schlicht „verschwunden“ sind. Dies ist nicht nur für die betroffenen Betriebe frustrierend, sondern stellt auch eine Herausforderung dar, da plötzlich wieder ein Ausbildungsplatz frei ist, oft ohne Zeit für eine Neuakquise.
Doch wie lässt sich dieses Problem vermeiden? Ein wichtiger Aspekt ist die Verbindlichkeit – und zwar von beiden Seiten. Schnelle und verbindliche Zusagen im Bewerbungsprozess erhöhen die Chance, dass der Azubi sich sicher und gut aufgehoben fühlt. Halten Sie nach Vertragsunterschrift den Kontakt aufrecht und bleiben Sie in regelmäßigem Austausch. Ein gutes Preboarding ist hier der Schlüssel.
Tipps für ein gelungenes Preboarding
Mit einem durchdachten Preboarding können Sie Azubis bereits vor dem offiziellen Start in den Betrieb integrieren und so frühzeitig die Bindung festigen:
- Regelmäßige Kommunikation: Verschicken Sie regelmäßig den Firmen-Newsletter oder aktuelle Neuigkeiten, um die Azubis auf dem Laufenden zu halten.
- Einladungen zu Firmenveranstaltungen: Laden Sie Ihre zukünftigen Azubis zu Events ein – ob Sommerfest, Tag der offenen Tür oder Azubi-Ausflug.
- Persönliche Gesten: Eine Postkarte zum Geburtstag oder eine Einladung zu einem informellen Kaffeetreffen sind kleine, aber effektive Mittel, um den Kontakt persönlich zu gestalten.
- Unterstützung bei organisatorischen Fragen: Bieten Sie Hilfestellungen bei der Wohnungssuche, Krankenkassen-Anmeldung oder der überbetrieblichen Ausbildung an.
- Onboarding-Event: Organisieren Sie ein Event vor dem Ausbildungsstart, bei dem sich die neuen Azubis und ihre Kollegen kennenlernen können – gerne auch mit den Eltern der Jugendlichen, um Vertrauen und Transparenz zu schaffen.
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Neue Chance: Nachvermittlung
Wenn nach dem offiziellen Ausbildungsstart noch Ausbildungsplätze unbesetzt sind, bedeutet das nicht, dass die Suche beendet sein muss. Viele Jugendliche finden erst später ihren Weg in die Ausbildung, sei es durch geänderte Lebensumstände, verspätete Entscheidungen oder weil sie zuvor keinen passenden Platz gefunden haben. Hier setzt die Nachvermittlung an. Die Agenturen für Arbeit, Industrie- und Handelskammern und die Handwerkskammern bieten speziell dafür Programme an, um Betriebe und potenzielle Auszubildende auch nach dem regulären Starttermin zusammenzubringen. Betriebe sollten diese Möglichkeit aktiv nutzen und ihre offenen Stellen bei den zuständigen Institutionen melden. Oft lassen sich in der Nachvermittlung motivierte Jugendliche finden, die bereit sind, kurzfristig in die Ausbildung oder Einstiegsqualifizierung einzusteigen.
Vorteile der Nachvermittlung:
- Betriebe können kurzfristig offene Stellen besetzen und den betrieblichen Ausbildungsbedarf noch abdecken.
- Jugendliche, die bislang leer ausgegangen sind, erhalten eine zweite Chance und können ihren Ausbildungsweg beginnen.
- Eine flexible Herangehensweise kann neue Talente anziehen, die möglicherweise auf den ersten Blick übersehen wurden.
Nutzen Sie diese Möglichkeit, um auch nachträglich Ihren Ausbildungsjahrgang 2024 zu vervollständigen und Fachkräfte für die Zukunft zu sichern.
Fazit: Die Ausbildung ist ein gemeinsamer Weg
Obwohl es derzeit viele Herausforderungen bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen gibt, können Unternehmen durch gezielte Maßnahmen die richtigen Azubis finden und langfristig binden. Der Schlüssel liegt darin, flexibel zu denken, neue Wege zu gehen und vor allem in den Dialog mit den jungen Menschen zu treten. Nur so kann die Ausbildung 2024 zu einem Erfolg für beide Seiten werden.
Info
Die Autorinnen der Kolumne „Wie Ausbildung gelingt“ sind Expertinnen des KOFA Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e.V.
Anna Schopen ist Senior Projektmanagerin mit Themenschwerpunkt Ausbildung.
Miriam Schöpp ist Referentin für Berufliche Bildung.
