2000: Die Chancen und Risiken des Internets 

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Im Jahr 1999 hatte man sich noch intensiv mit der anstehenden Jahrtausendwende beschäftigt. Die Unternehmen hatten förmlich Angst davor, dass die IT-Systeme zum Neujahr fälschlich ins Jahr 1900 umspringen und so flächendeckend Bugs produzieren oder ganz ausfallen könnten. Der Anbeginn eines neuen Jahrtausends war – jedenfalls in unserem Jahrgang 2000 – dann aber kaum noch Thema. Die prophezeiten IT-Ausfälle blieben aus. Vielmehr beschäftigte HR der rasante Anstieg des Internets mit all seinen Möglichkeiten. Immer mehr Unternehmen richteten beispielsweise Karriereseiten ein. Die besten „HR-Homepages“, wie sie damals genannt wurden, hatten einer Studie zufolge damals unter anderem DaimlerChrysler, die Deutsche Bank und BMW. 

Die Krux beim Internet-Hype: Im Jahr 2000 hatten erst 14 Prozent der deutschen Haushalte einen Internetzugang. Man musste sich also überlegen, wie man die digitalen Stellenangebote an die Leute bringen konnte. Die Konsumgenossenschaft co op Schleswig-Holstein eG mit damals 9.000 Beschäftigten kam auf die Idee, freie Arbeits- und Ausbildungsplätze aus der Region in ihren Verbrauchermärkten und Warenhäusern auszuhängen. Mit weiteren Projektpartnern entwickelte sich die Idee schlussendlich dahin, dass Terminals aufgestellt wurden, mit denen Supermarktbesucher im Internet nach Stellen suchen konnten. Die Arbeitslosigkeit lag in den Jahren der Projektentwicklung bei 10 bis 12 Prozent – unter den Arbeitslosen waren vor allem Ältere, denen bei der Bedienung der Terminals geholfen wurde. Der Vorteil an diesem Konzept: Die Öffnungszeiten der Supermärkte waren viel länger als die der Arbeitsämter.

Der Terminal, mit dem Supermarkt-Besucher auf Stellensuche gegangen sind. (Foto: Personalwirtschaft)

Das Projekt wurde als „voller Erfolg“ bezeichnet. Ein paar tausend Jobvermittlungen kamen so zustande. Eine kreative Lösung, auch wenn sie mit der Verbreitung von Internetzugängen schnell obsolet wurde. Die Menschen da erreichen, wo sie sind – das haben auch heute noch nicht alle HR-Abteilungen verstanden. Vielleicht blicken wir auf das Metaverse irgendwann genauso wie auf das Internet: Es gibt unfassbare Möglichkeiten, doch kaum jemand besitzt (und nutzt) eine VR-Brille. 

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„Das Internet ist ein stinkender Misthaufen“ 

Nicht jeder sah damals das Internet als Errungenschaft an. In einem Interview äußerte Joseph Weizenbaum, ehemaliger MIT-Professor und Kritiker der Computertechnologie, das Internet sei „nichts anderes als ein großer stinkender Misthaufen mit ein paar wertvollen Perlen.“ Der damals schon 77-Jährige bezeichnete den Traum vom papierlosen Büro als Fiktion und Arbeitsabläufe würden durch einen Computer auch nicht weniger zeitaufwendig: „Einen Brief schreibe ich mit einem Stift immer noch am schnellsten!“ Ehrlicherweise brauchte es bei vielen Unternehmen tatsächlich noch weitere 20 Jahre und eine Pandemie mit Lockdowns, bis sie einigermaßen papierlos arbeiteten. Eines muss man dem Internet-Skeptiker lassen: Er war sich schon damals sicher, dass der Computer den Menschen nicht ersetzen sollte, nur weil er Fehler macht. Vielmehr sollte die Technologie die Fehler „erkennen, tolerieren und verbessern“.  

Weizenbaum brachte weiterhin auf den Punkt: „Es ist ein Trugschluss, dass die Delete-Taste Daten wirklich endgültig löscht.“ Heute wissen wir, dass die Technologie die menschliche Komponente nicht vollständig ersetzen kann oder sollte. Und dass Informationen, die einmal im Netz gelandet sind, unwiderruflich dort bleiben werden, ist inzwischen auch ein no brainer. Oder wie Weizenbaum sagte: „Know what the hell you’re doing before you do it.“ 

Zitat des Jahres: „Wer zu sehr beschäftigt ist, dem stirbt das Herz“ 

In der Rubrik „USA exklusiv“ schrieb Berater Ian Walsh unter der Headline „Nickerchen am Arbeitsplatz“ über Fragen zum angemessenen Arbeitspensum und über das Phänomen, dass sich „arbeitssüchtige Jungmanager“ nur an ihrer Arbeitszeit messen lassen. Nur Schwächlinge schlafen morgens aus, nur Verlierer essen zu Mittag, so wurde die Einstellung dieser Manager umschrieben. Die asiatisch-amerikanische Beraterin Chin-Ning Chu wollte die Arbeitskultur dadurch revolutionieren, dass man immer weniger macht, dafür aber mehr erreicht. Das Wort „beschäftigt“ würde im Chinesischen durch das Zeichen für ein totes Herz dargestellt. Walsh fasste treffend zusammen: „Wer zu sehr beschäftigt ist, dem stirbt das Herz.“ Warum schlafen bei der Arbeit sinnvoll ist, lesen Sie in einem aktuellen Beitrag:

Déjà-vu des Jahres: Der Job ist nicht mehr alles 

So manche heute betitelte „Neuerung“ der Arbeitswelt entdecken wir auch beim Durchblätter der alten Jahrgänge. So neu ist das Ganze also meistens gar nicht. Dies gilt auch für so manche Zuschreibung der aktuellen jungen Generation: „Die wollen doch alle gar nicht mehr arbeiten.“ Eben diese ist aber nicht fauler geworden, sondern weiß womöglich einfach, was sie will und was ihr gut- beziehungsweise nicht guttut. Genau das zeigte auch eine Egon-Zehnder-Studie im Jahr 2000: „Die jungen Top-Manager sind ehrgeiziger, zielstrebiger und selbstbewusster denn je. Gerade darum sind sie nicht mehr ohne weiteres bereit, ihre gesamte Existenz allein unter das Vorzeichen einer beruflichen Aufgabe zu stellen.“ 

Zahl des Jahres: 115.000 

„Die Deutsche Post ist mit 115.000 weiblichen Mitarbeitern – das sind 48 Prozent der Belegschaft – der größte Arbeitgeber für Frauen in Deutschland.“ Und es waren nicht nur Stellen mit einfachen Tätigkeiten: Fast 21 Prozent der Frauen bei der Deutschen Post arbeiteten im oberen und mittleren Management. In der deutschen Wirtschaft insgesamt waren es im Jahr 2000 nur 9 Prozent. Grund dafür sei ein Gleichstellungskonzept aus dem Jahr 1996. Da sollten sie vielleicht noch einmal reinschauen, denn: 2023 erreichte die Deutsche Post DHL Group im mittleren und oberen Management einen Anteil von 27,2 Prozent Frauen – also nicht sehr viel mehr als bereits mehr als 20 Jahre zuvor.

Die Frauenquoten der Deutschen Post im Jahr 2000. (Foto: Personalwirtschaft)

Info

Gesine Wagner betreut als Chefin vom Dienst Online die digitalen Kanäle der Personalwirtschaft und ist als Redakteurin hauptverantwortlich für die Themen Arbeitsrecht, Politik und Regulatorik. Sie ist weiterhin Ansprechpartnerin für alles, was mit HR-Start-ups zu tun hat. Zudem verantwortet sie das CHRO Panel.