PISA-Schock 2.0: Das bedeuten die Ergebnisse für die Ausbildungspraxis

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Die Anfang der Woche veröffentlichte PISA-Studie liefert die bislang schlechtesten Ergebnisse für Deutschland seit dem Start des internationalen Bildungsvergleichs vor 25 Jahren. Jugendliche in Deutschland erreichen in Naturwissenschaften 486 Punkte, im Lesen 465 und in Mathematik 464 Punkte – das sind in allen drei Bereichen niedrigere Werte als in der vorherigen Studie von 2022 und schlechtere als beim ersten PISA-Test überhaupt. Deutschland liegt damit nur noch auf OECD-Durchschnittsniveau, in den Naturwissenschaften erstmals seit 2006 nicht mehr darüber. Vergleichbare Volkswirtschaften wie Estland, Kanada, die Schweiz und Österreich schneiden deutlich besser ab. 

„Die aktuellen Resultate zeigen, dass es sich bei den Ergebnissen der letzten Studien nicht um einen kurzfristigen Effekt gehandelt hat, sondern dass wir einen eindeutigen Abwärtstrend sehen“, sagt Professor Samuel Greiff, Bildungsforscher an der Technischen Universität München und Leiter des deutschen Teils der Studie. Seit rund zehn Jahren lassen die Schulleistungen kontinuierlich nach – was nach dem „PISA-Schock“ von 2001 und einer Phase der Verbesserung nun in einem neuen Tiefstand mündet. 

Wie viele Jugendliche verfügen nicht über ausreichende Basiskompetenzen?

Auch am oberen Ende des Leistungsspektrums geht es bergab, so hat sich der Anteil der Jugendlichen mit besonders hohen Kompetenzen in Mathematik seit 2015 von 13 auf 8 Prozent verringert, im Lesen von 12 auf 7 Prozent. Nur noch 3 Prozent erreichen in allen drei Bereichen die höchsten Stufen. „Die Kompetenzverluste beschränken sich nicht auf bestimmte Leistungsbereiche oder auf einzelne Gruppen von Schülerinnen und Schülern, sondern sind über das gesamte Leistungsspektrum zu beobachten“, betont Greiff. 

Was bedeuten die PISA-Ergebnisse für den Ausbildungsmarkt? 

Die Entwicklung überrascht Fachleute nicht. Bereits vor der Veröffentlichung der aktuellen PISA-Studie hatte Professor Friedrich Hubert Esser, der frühere Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), auf die wirtschaftlichen Folgen der Bildungsmisere hingewiesen. „Wir wissen, dass junge Menschen, die bald auf den Ausbildungsmarkt kommen, bestimmte Kompetenzgrundlagen nicht mehr haben“, sagte Esser in einem Interview mit der Personalwirtschaft im Frühsommer. „Dass das ein Wachstumshemmnis in dieser Quantität ist, das ist noch gar nicht so richtig begriffen.“ Esser wies zudem darauf hin, dass bereits heute zu viele Menschen nur schwer in das System der beruflichen Ausbildung hineinfinden. Schon jetzt hätten drei Millionen Menschen unter 35 Jahren keinen Berufsabschluss, rund 260.000 Jugendliche befänden sich jährlich im Übergangssystem – einem Auffangnetz vor der eigentlichen Ausbildung. 

Welche volkswirtschaftlichen Kosten verursacht der Bildungsrückgang?

Wie berechtigt Essers Zukunftssorgen sind, belegt eine aktuelle Studie des ifo Instituts und der Bertelsmann Stiftung zu den volkswirtschaftlichen Erträgen besserer Bildung. Der Bildungsökonom Ludger Wößmann zieht eine alarmierende Schlussfolgerung aus den Daten: „Unser Land würde jedes Jahr Milliarden an potenziellem, zusätzlichem Wohlstand generieren, wenn mehr junge Menschen besser lesen, schreiben und rechnen könnten.“ Auf die Lebensspanne eines heute geborenen Kindes gerechnet, summiere sich das auf 21 Billionen Euro – „eine Zahl, die zeigt, dass Bildung nicht nur individuelle Biografien prägt, sondern den Wohlstand einer ganzen Volkswirtschaft bestimmt“.  

Wie reagiert die Deutsche Bahn auf heterogene Azubi-Voraussetzungen?  

Die Zahlen der neuen PISA-Studie zeigen unmissverständlich, was Ausbildungsbetriebe schon seit Jahren erleben: Jugendliche, deren Kompetenzen und Leistungsvermögen tendenziell zurückgehen – und die noch dazu vielfältige psychische und soziale Probleme mitbringen, wie es sie in dem Umfang früher nicht gab.  

Großunternehmen wie die Deutsche Bahn beobachten die Entwicklung genau. Allein in diesem Herbst starten dort rund 5.200 Azubis und dual Studierende ins Berufsleben. „Die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie nehmen auch wir mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis“, heißt es auf Anfrage der Personalwirtschaft von einer DB-Sprecherin. Gleichzeitig betont das Unternehmen die Differenzierung: „Wir treffen keine pauschalen Aussagen über eine vermeintlich schlecht ausgebildete Generation und schauen weniger auf Defizite als auf Potenziale. Was wir allerdings beobachten, ist eine zunehmende Heterogenität der Voraussetzungen und Bedarfe – in Bereichen wie schulischer Vorbildung, Lernstrategien, digitalen Kompetenzen und auch sozialen Fähigkeiten.“ 

Diese Heterogenität hat für die DB keine Konsequenz in Richtung sinkender Anforderungen. Im Gegenteil: „Auch und gerade in technischen und sicherheitsrelevanten Berufen bleiben die fachlichen und persönlichen Eignungsanforderungen unverändert hoch.“  

Die Antwort auf die veränderte Ausgangslage liegt für den Konzern in gezielter Förderung statt in der Absenkung von Standards: feste Ansprechpersonen, Ausbilderinnen und Fachvermittler, Seminare, Prüfungsvorbereitungen, Lerngruppen. Hinzu kommt ein überarbeitetes Auswahlverfahren: Seit 2022 ersetzt die Bahn Online-Tests durch persönliche Gespräche, Praxiseinblicke und Fachaufgaben. „Schulnoten und Testergebnisse bleiben zwar wichtige Anhaltspunkte, reichen aber allein nicht aus“ so die Sprecherin. 

Gleichzeitig verlagert sich bei der DB der Blick auf Kompetenzen, die über klassische Schulinhalte hinausgehen: Selbstorganisation, eigenständiges Lernen, Teamfähigkeit und digitale Handlungskompetenz. „Für viele junge Menschen ist zwar der Umgang mit sozialen Medien selbstverständlich, sie profitieren aber oftmals von Unterstützung, digitale Werkzeuge optimal für Lernen und Arbeit einzusetzen.“ Diese Kompetenzen fördert die Bahn frühzeitig im Ausbildungsverlauf, unter anderem über ein mehrtägiges Einstiegsseminar und die begleitende DB Youngster Community. Das Programm „Chance plus“ unterstützt darüber hinaus junge Menschen im Übergang von Schule zu Beruf. 

Wie müssen Ausbildungsbetriebe ihre Förderkonzepte anpassen? 

Dass die Bahn bei der Azubi-Auswahl Schulnoten nur noch bedingt als Kriterium verwendet und sich verstärkt auf eine immer heterogenere Zielgruppe einstellt, ist nur folgerichtig. Der frühere BIBB-Präsident Esser sieht das ebenfalls so: „Das Ausbildungssystem muss sich anpassen – nicht die Jugendlichen. Wir müssen sie da abholen, wo sie sind.“ Esser stellt dieselben Fragen wie alle Akteure des Bildungswesens: „Was müssen Schulen, Kitas und Familien tun, damit junge Menschen überhaupt ausbildungsbereit ankommen?“ Die Berufsbildung, so seine Überzeugung, könne nicht allein korrigieren, was in früheren Bildungsphasen versäumt wurde.  

Auch für PISA-Bildungsforscher Greiff ist der PISA-Schock 2.0 kein Grund zum Aufgeben: „Als Gesellschaft sollten wir uns nicht damit abfinden, dass junge Menschen die Schule ohne die Kompetenzen verlassen, die sie für ihren weiteren Lebensweg brauchen“, sagt Greiff. „Die Ergebnisse geben Anlass zur Sorge, aber sie sind kein Schicksal. Bildungssysteme können sich verändern. Das zeigen viele andere Staaten – und das hat Deutschland nach dem PISA-Schock vor 25 Jahren selbst eindrucksvoll bewiesen.“ 

Für Ausbildungsbetriebe bedeutet der aktuelle Befund: Sie müssen sich auf absehbare Zeit auf immer heterogener werdende Auszubildende einstellen. Dabei wird die Phase der Vorauswahl, Einarbeitung und Begleitung von Auszubildenden anspruchsvoller und ressourcenintensiver. Wer individuelle Förderung als strategische Investition begreift, ist – nach den Erfahrungen der Deutschen Bahn – auf dem richtigen Weg. Und sichert sich damit langfristig qualifizierte Fachkräfte in einem demografisch zunehmend engen Markt.

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis. Foto: FBM

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.