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Mehr Freiheit – weniger Zusammenhalt?

Moderne Büroräume mit Glaswänden und einem Drehstuhl
Ganz allein auf weiter Flur oder nur gerade im Open Space unterwegs? Eine Untersuchung hat sich angeschaut, ob flexibles Arbeiten an den unterschiedlichsten Orten und in neuen Bürolandschaften den Teamzusammenhalt stärkt – oder eher nicht.

“Mich fasziniert das Zusammenwirken von Menschen in Unternehmen”, sagt Stefanie Schuster. Ein Interesse, das sie bereits in ihrem Bachelor-Studium in Kultur und Wirtschaft verfolgen konnte, wie auch als Praktikantin und Werkstudentin im Personalbereich von BASF und Heidelberg-Cement. Für ihre Abschlussarbeit im “Master in Management” an der Universität Mannheim nahm sich die 28-Jährige eines besonders aktuellen Themas an: “Does Flexible Working affect Teams? – The Influence of Flexible Work Arrangements on Team Cohesion and Team Communication”, so der Titel ihrer Untersuchung.
Zwar sind Teams und ihre Kommunikationsstrukturen bereits seit Längerem Gegenstand der Forschung. Wie sich allerdings flexible Arbeitsformen auf solche Gruppen auswirken, wurde bisher noch nicht tiefergehend analysiert. Mit ihrer Masterarbeit gelang ihr ein Treffer: Der Bundesverband der Personalmanager e. V. (BPM) zeichnete sie dafür 2018 mit seinem mit 2.000 Euro dotierten Nachwuchsförderpreis aus.

Flexibles Arbeiten muss Teams nicht schwächen

Porträt Stefanie Schuster
Stefanie Schuster, DST Consulting GmbH; Foto: privat

Ein Kernergebnis ihrer Arbeit dürfte Unternehmen beruhigen: Homeoffice, Teilzeit oder flexible Arbeitszeiten haben keine signifikanten Auswirkungen auf den Zusammenhalt oder die Kommunikation in Teams. “In der Theorie war ich davon ausgegangen, dass flexibles Arbeiten zu einer Verschlechterung in diesen Bereichen führt”, berichtet Stefanie Schuster. Allerdings hat sie auch festgestellt, dass der Zusammenhalt umso schlechter ist, je virtueller ein Team zusammenarbeitet, also je weniger direkt es miteinander kommuniziert.

Auf der anderen Seite kann aber auch ein zu großer Zusammenhalt kontraproduktiv sein: “Dann steht unter Umständen der Gruppengedanke über allem anderen, und es finden keinerlei kritische Diskussionen mehr statt.” Einzelne Mitglieder dürften sich in solchen Situationen meist sehr genau überlegen, ob eine Auflehnung gegen das Restteam lohnt – oder Bedenken lieber verschwiegen werden. “Teamzusammenhalt ist nicht gleichbedeutend mit Teamperformance”, hebt die Absolventin hervor.

Man muss nicht auf jede E-Mail mit einer E-Mail antworten.

Das Kommunikationsmittel bewusst wählen

Was folgt daraus für HR? Zunächst einmal mehr Gewissheit für Unternehmen, dass sich flexibles Arbeiten nicht unbedingt negativ auf die untersuchten Disziplinen auswirkt. “Zurückhaltenderen Unternehmen könnte das einen Impuls geben, solche Arbeitsmodelle anzubieten”, sagt Schuster. Allerdings schränkt sie ein, dass noch weiter geforscht werden müsse, um valide Schlüsse zu ziehen.
Was die negativen Folgen der Virtualität auf den Teamzusammenhalt betrifft, könnte mit teambasierten Anreizsystemen gegengesteuert werden. Darüber hinaus sei es essenziell, dass “der Führungskraft bewusst ist, dass sie auch in Bezug auf die virtuelle Arbeit eine Vorbildfunktion einnimmt”. Wann immer möglich, sollte sie eine direkte und persönliche Kommunikation vorziehen. “Außerdem könnte Arbeitnehmern stärker ins Bewusstsein gerufen werden, dass das Kommunikationsmittel tatsächlich eine Wahl darstellt und nicht auf jede E-Mail auch mit einer E-Mail geantwortet werden muss.”

Die Rahmenbedingungen bleiben im Fluss

Derzeit ist Stefanie Schuster bei DST Consulting (Engineering ITS) tätig und berät Organisationen im Gesundheitswesen in puncto Digitalisierung. HR hat sie aber nicht ganz losgelassen: “Ich kann mir vorstellen, in Zukunft wieder in den Personalbereich zu gehen und mein Thema weiter zu vertiefen, da die Forschung hier noch viele Möglichkeiten bietet und sich die Rahmenbedingungen im flexiblen Arbeiten immer wieder ändern.” Auch Schuster selbst bleibt also flexibel.

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.