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Global HR haben die Schweizer nicht erfunden

Seit knapp fünf Jahren ist Stefanie Lowey von Seckendorff für die Personalarbeit bei Ferring Pharmaceuticals in der Schweiz zuständig.
Seit knapp fünf Jahren ist Stefanie Lowey von Seckendorff für die Personalarbeit bei Ferring Pharmaceuticals in der Schweiz zuständig.

Stimmt es, dass die Schweizer keine Deutschen mögen? Die Personalchefin zögert, sie weiß: Jetzt ist Fingerspitzengefühl angesagt. Stefanie Lowey von Seckendorff arbeitet seit fast fünf Jahren im Headquarter des Familienunternehmens Ferring Pharmaceuticals in Saint-Prex, einem kleinen Ort zwischen Lausanne und Genf. Die 53-Jährige steuert als Vice President Corporate Human Resources die HR-Arbeit in der Zentrale (640 Mitarbeiter) und in den Niederlassungen rund um die Welt (6000 Mitarbeiter) und wundert sich sehr schweizerisch, das heißt sehr diplomatisch:

Die Deutschen nicht mögen? In der Romandie merken wir nichts davon.

Seit 1999 ist Lowey von Seckendorff in HR tätig. Ihre Stationen: Beraterin und Trainerin, Leiterin Personal- und Organisationsentwicklung, HR Director Westeuropa, Senior Vice President Corporate HR and Communications in einer internationalen Gruppe. Dort hat sie die HR-Funktion komplett neu ausgerichtet.
Nachdem sie dies parallel zu diversen Restrukturierungen erledigt hatte, lockte sie ein Consultant unschwer in die Schweiz. “Ich kann aufräumen”, sagt Lowey von Seckendorff, “aber ich bin auch ein Abenteurertyp. Man verkümmert, wenn man sich nicht mehr auf Neues einlässt.” Was genau war die Herausforderung? “Selbst ins Ausland zu gehen und nicht nur den Mitarbeitern Expat-Jobs schmackhaft zu machen.

Es ist etwas anderes, ob ich einer internationalen Tätigkeit von Deutschland aus nachgehe oder ob ich im Ausland lebe.

Wobei die Region rund um den Genfer See schon sehr erschlossenes und sehr exklusives Ausland ist. “In die Schweiz wollte ich nicht unbedingt”, sagt die HR-Chefin. “Aber Französisch lernen schon immer.” Das muss man dort auch. Nur Englisch reicht allenfalls für die UNO.

Nach fast fünf Jahren spricht die Freifrau fließend Französisch und weiß, worin sich das Personalwesen der Schweiz von dem deutschen unterscheidet. Vor allem im Arbeitsrecht – es ist viel liberaler als in Deutschland – und in der gesetzlich nur schwach regulierten betrieblichen Mitbestimmung. “Die Stellung des Betriebsrats ist hier nicht stark”, bestätigt Lowey von Seckendorff.

Strukturgeröll und eingewachsene Abläufe

Was sie noch entdeckte: In der Schweizer Zentrale spielt der Personalbereich keine große Rolle. Global HR war kein Thema, Personal lief nebenher. “Hier wurden Leute versetzt und Angebote gemacht, ohne dass HR etwas wusste”, wundert sie sich noch heute. Was der örtliche General Manager entschied, wurde ausgeführt. Dass HR etwas zum Unternehmenserfolg beitragen kann, war ein geradezu revolutionärer Ansatz. Vor ihr lag also ein überschaubares Spielfeld mit jeder Menge Torchancen. Begrüßt wurde sie herzlich, dafür sind die Schweizer berühmt: “Als sei ich der ersehnteste Mensch der Welt”, erinnert sie sich, “das ist für eine Personaler sehr angenehm, weil man sonst oft negativ beäugt wird.”

Bei näherem Hinschauen stieß sie allerdings auf Strukturgeröll, eingewachsene Abläufe und über allem wabernd die Furcht vor dem Neuen. Also hieß es: Tempo zurücknehmen, langsam vorgehen. “Ich startete mit der Einführung eines Prozesses und bekam immer erst notwendige Ressourcen, wenn Erfolge zu sehen waren.”
Heute führt Lowey von Seckendorff ein neunköpfiges globales Team, das in Centers of Expertise organisiert ist, sowie Business Partner für alle wichtigen Geschäftsbereiche. Die größte Herausforderung aber sei die Veränderung in den Köpfen gewesen. Traditionen spielen eine große Rolle. Lowey von Seckendorff ist fest davon überzeugt, dass HR auf die strategische Ebene gehört. Und sie kann stur sein. “Das erobern wir uns nach und nach.”

Typisch deutsch sein – wird hier nicht so gern gesehen

Wer in der Schweiz etwas erreichen will, muss das typisch deutsche Zackzack und das “Das machen wir jetzt so” unbedingt am Schlagbaum zurücklassen. Weiter kommt man mit einem charmanten Lächeln. “Die Schweizer sind extrem konsensorientiert und drücken sich sehr indirekt aus”, erklärt Lowey von Seckendorff. “Man achtet darauf, dass man sich nicht auf die Füße tritt. Die Leute erwarten auch viel mehr Lob, als ich das aus Deutschland gewohnt bin.” Der deutsche Weg verheiße hier unendlichen und letztlich oft erfolglosen Kampf. Dabei reibe man sich nur auf, warnt die Personalerin. Man brauche Ausdauer und viel Geduld. In der Schweiz sind nicht nur die Löcher im Käse größer als anderswo. Auch die Bretter sind erheblich dicker.

Autorin: Christine Demmer, Freie Journalistin, Värnamo/Schweden

Dieser Beitrag ist Teil II unserer Serie Personaler im Ausland. Lesen Sie hier die anderen Teile:

› Teil I: Immer auf Achse – Oliver Grohmann bei LG Electronics, Korea

› Teil III: Von Ulm nach Abuja: Aufbruch in eine neue Welt – Alexander Cornford bei Julius Berger, Nigeria

› Teil IV: “Eigentlich wollte ich nur zwölf Monate bleiben” – Anja Siedhoff bei CEPSA, Spanien