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Der Moment der Wahrheit

Employer Branding
Foto: © MohamadFaizal / stock.adobe.com

Machen wir uns nichts vor: Das Musketier-Motto “Einer für alle, alle für einen” wird nicht in allen Organisationen gelebt. So weit muss man aber auch gar nicht gehen. Unternehmen und Belegschaft profitieren bereits beide, wenn sie sich ihrer gegenseitigen Unterstützung gewiss sind.

Wer sich für “seine” Firma ins Zeug legt, erwartet dasselbe, wenn es mal nicht gut läuft. Allein, nicht alle Arbeitgeber hielten in der Krise, was sie in guten Zeiten versprochen haben: Da kam die Vertrauenskultur mitunter schon beim Gang ins Homeoffice an ihre Grenzen. Besser ist es, offen und transparent zu kommunizieren sowie den Mitarbeitern ehrliche Wertschätzung entgegenzubringen.
Die Lernkurve ist auf beiden Seiten steil gewesen, keine Frage. Auch manche Führungskraft musste erst lernen, Sicherheit in der Unsicherheit zu vermitteln. Dazu gehörte manchmal auch das Eingeständnis, selbst nicht zu wissen, wie die Situation in vier Wochen aussieht. Wer das zugab, stieß meist eher auf großes Verständnis als auf Ansehensverlust. Allerdings gerät der mittelfristige Ausblick durchwachsen. Einige der Teilnehmer der Gesprächsrunde rechnen mit einer Zunahme von Unternehmensinsolvenzen – trotz Kurzarbeit und staatlicher Hilfen.

Was von der Krise bleiben wird

So oder so: Genauso, wie es früher einmal war, wird es auf absehbare Zeit nicht mehr werden. Es gilt, das Positive der vergangenen Monate zu bewahren und vielleicht sogar auszubauen. Das Betriebliche Gesundheitsmanagement etwa wird vermutlich an Bedeutung gewinnen und zu einem noch wichtigeren Argument für Arbeitgeber. Technisch sind Webkonferenzen gekommen, um zu bleiben. Persönliche Kontakte sind zwar nach wie vor das Maß aller Dinge, aber damit verbundene Faktoren wie Reisekosten und Umweltschäden werden nicht länger beiseitegeschoben. Wer besonders optimistisch ist, kann sich auch vorstellen, dass die in den letzten Monaten vielerorts gelebte Solidarität und Verantwortung für die Gesellschaft auch künftig bestehen bleibt. Im schlimmsten Fall aber wird doch alles wieder so, wie es früher einmal war.

Was folgt aus all dem für die Arbeitgebermarke? Zum Beispiel, dass es noch wichtiger wird, Mitarbeiter in Entscheidungen einzubinden. Dass Unternehmen authentisch bleiben sollten und ihre Werte nicht leichtfertig über Bord werfen, wenn es einmal hart auf hart kommt. Und dass sie ihren Mitarbeitern Orientierung bieten sollten, auch wenn manche Dinge zunächst noch unklar sind.

Damit ist man bereits mittendrin im Thema Unternehmenskultur. Sie ist ohnehin in jeder Organisation vorhanden. Man kann also nur gewinnen, wenn man die Chance ergreift, sie positiv zu beeinflussen. Eine gemeinsame Wertebasis ist ein guter Anfang, Diversität ebenfalls. Sie auszutarieren ist nicht immer leicht, zumal der Begriff “Cultural Fit” teilweise nicht mit diagnostischen Methoden untermauert wird, sondern lediglich als Synonym für Bauchgefühl herhält. Geschulte Recruiter sollten im Blick behalten, welche Fähigkeiten und Kompetenzen im Unternehmen noch fehlen, aber benötigt werden. Manche Kandidaten könnten wie ein Puzzlestück ins Gesamtgefüge passen, auch wenn sie anders aussehen oder wirken, als man es gewohnt ist.

Erst die Pflicht, dann die Kür

Auffällig war im Expertengespräch, dass sich die Begeisterung beim Thema Digitalisierung in Grenzen hielt. Das lag keinesfalls daran, dass sie nicht hilfreich wäre. Im Gegenteil, in manchen HR-Bereichen bietet sie bereits heute große Vorteile. Der Fokus sollte aber zum einen darauf liegen, dass die jeweilige Technologe tatsächlich darin unterstützt, die eigenen Ziele zu erreichen. Zum anderen wird beim Fachsimpeln über KI und VR noch viel zu häufig vergessen, dass viele Bewerber nach wie vor abspringen, weil der Bewerbungsprozess zu kompliziert ist oder die Rückmeldung zu lange dauert.

Hier besteht dringender Nachholbedarf – erst dann können die nächsten Schritte angegangen werden.
Und HR? Konnte in der Pandemie punkten, da waren sich die Experten einig. Sein Stellenwert wurde deutlicher, in manchen Krisenstäben saßen Personaler wie selbstverständlich mit am Tisch. Gerade jetzt sollte die Arbeitgebermarke ob der vielen anderen Herausforderungen nicht aus dem Blickfeld geraten. Employer Branding richtet sich eben nicht nur an potenzielle Kandidaten, sondern auch an die eigene Belegschaft. Die Unternehmen stehen derzeit im Fokus: Das bietet ihnen eine gute Möglichkeit, aktiv Pluspunkte zu sammeln.


Die Langfassung dieses Round Tables ist im Sonderheft „Employer Branding“ 8/2020 erschienen. Das Heft können Sie › hier bestellen.

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.