Linkedin-Managerin verrät: Darum ist die Recruiter-Job-Apokalypse abgesagt

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Für Lena-Josefin Miller hieß es 2023: keine Einstellungen, also keine Recruiterin mehr notwendig. Das Unternehmen, für das sie in Hannover gearbeitet hat, entließ Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sogar, nachdem es in die Schieflage geraten war. Anders als Kolleginnen und Kollegen im “People & Culture”-Team, die die Umstrukturierungen begleitet haben, war für sie kein Platz mehr am sprichwörtlichen Tisch. Glück im Unglück: Miller wurde in die Muttergesellschaft übernommen, wo sie fortan das Employer-Branding begleitet hat.

Wie ihr ging es vielen Recruiterinnen und Recruitern in dem Jahr. Nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Teilen der Welt. Vor allem auch am US-amerikanischen Arbeitsmarkt. Auch Google kündigte laut US-Medien, einen erheblichen Teil des Recruiting-Teams: „Wir müssen die Größe der Abteilung leider deutlich reduzieren“, hat Vice President of Recruiting Brian Ong laut CNBC in einem internen Videomeeting gesagt. Angesichts der Einstellungszahlen für die nächsten Quartale sei es die richtige Entscheidung, erklärte er vor der versammelten Mannschaft.

Während es an Zahlen für den Berufsstand in Deutschland mangelt, ergab eine Analyse des Wall Street Journal für die Vereinigten Staaten ein ziemlich deutliches Bild: Firmen, die Stellen strichen, reduzierten ihr Personal in den Bereichen Recruiting und Talentakquise um durchschnittlich etwa 50 Prozent – eine unverhältnismäßig hohe Rate im Vergleich zu anderen Abteilungen wie Softwareentwicklung oder Produktdesign. Doch auch hierzulande hat die Personalwirtschaft bereits im Oktober 2023 getitelt: „Die rosigen Zeiten sind (vorerst) vorbei.“

Rolle des Recruiters hat sich verändert

Knapp drei Jahre später hat sich die Situation kaum verändert. Der Arbeitsmarkt sei seit Monaten „wie ein Brett“, so Bundesagentur-Chefin Andrea Nahles gegenüber Web.de im Dezember 2025. Es komme „kein Schwung“ hinein. Oder anders gesagt: Noch immer wird in deutschen Firmen verhalten eingestellt – und wenn, dann sehr gezielt. Denn wie bei Lena-Josefin Millers altem Arbeitgeber gilt für viele Firmen derzeit noch immer, die Kostenseite im Blick zu haben. Es wird weniger mit neuen Stellen experimentiert, sondern mehr mit bestehenden navigiert.

Eine aktuelle Erhebung von Linkedin bestätigt das. Laut dem „Jobs im Trend”-Ranking gehören Spezialistinnen und Spezialisten für Personalentwicklung aktuell zu den am stärksten nachgefragten Berufsbildern in Deutschland. Sie analysieren, welche Kompetenzen in einem Unternehmen benötigt werden, stärken diese Fähigkeiten in der Belegschaft und unterstützen Beschäftigte in ihrer beruflichen Entwicklung. Insbesondere in der Kreditvermittlung, Unternehmensberatung, IT-Dienstleistung und IT-Beratung legt der Beruf zu.

Barbara Wittmann ist Country Manager für Deutschland, die Schweiz und Österreich bei Linkedin. (Foto: Lisa Handtke)

„Das zeigt, wie stark der Fokus inzwischen auf interne Entwicklung gerichtet ist“, so Linkedins Deutschland-Chefin Barbara Wittmann im Gespräch mit der Personalwirtschaft. „In vielen Unternehmen hat sich die Rolle des Recruiters deshalb in den letzten Jahren verändert.“ Das wird auch an den Kompetenzen sichtbar. Zu den wachstumsstärksten Fähigkeiten im HR-Bereich zählen neben Künstliche Intelligenz und People Analytics auch Weiterbildung und Karriereentwicklung. Doch komplett neu erfinden müssen sie sich trotzdem nicht.

Eine der Top-Herausforderungen für Unternehmen bleibe der demografische Wandel und damit nicht zuletzt auch der Fachkräftemangel. Laut Barbara Wittmann sogar „ganz unabhängig von der aktuellen wirtschaftlichen Lage”. Die Kernkompetenzen sind entscheidend und rücken sogar wieder in den Vordergrund: Beziehungsmanagement mit Kandidaten. „Was sich lediglich ändert, ist der Fokus: weg von operativer Abwicklung, hin zu Einordnung, Beratung und Qualität.” Sie sieht Recruiterinnen und Recruiter insbesondere durch KI in ihrer Rolle gestärkt.

Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft treten rund 20 Millionen Berufstätige in Deutschland in den kommenden zehn Jahren aus dem Erwerbsleben aus. Der Bedarf an neuen Fach- und Führungskräften kann allein mit inländischem Potenzial kaum gedeckt werden. Im Vergleich zu anderen Industrienationen weltweit ist Deutschland jedoch gegenwärtig in der Anwerbung von ausländischen Fachkräften nur begrenzt konkurrenzfähig. Der Arbeitsmarkt wird für die meisten deutschen Firmen also globaler. Die Talentsuche wird somit auch deutlich komplexer.

Fachkräftemangel braucht fähige Recruiter

Lena-Josefin Miller blieb nicht lange im Employer-Branding beim Mutterkonzern. Nach einer Phase des Karriereübergangs nahm sie das sprichwörtliche Ruder in die Hand und hat sich als Recruiterin selbständig gemacht. „Auch wenn die Party-Jahre vorerst vorbei scheinen, ohne Neubesetzungen geht es nicht”, so die Hannoveranerin. Sie sieht zwei Trends in ihrer Branche: Einerseits bestätigt sie Barbara Wittmann, dass der Arbeitsmarkt viele Menschen verlieren wird, andererseits sieht sie aber auch, dass konkrete Berufe schon jetzt enorm nachgefragt sind.

Lena-Josefin Miller ist selbstständige Recruiterin. (Foto: privat)

Dazu zählt sie insbesondere KI-Expertinnen und -Experten. „Kaum eine Branche kommt derzeit ohne sie aus, da alle Unternehmen ihre Geschäftsmodelle transformieren.“ Vor allem die Tech-Branche, die 2023 viele Menschen entlassen hat und es bisweilen noch heute tut, stellt konkrete IT-Stellen mit Nachdruck ein. Aber auch in der Kommunikation sieht sie einen steigenden Bedarf, da sie die Transformation nach innen und außen begleiten. „Natürlich wird viel intern besetzt, aber es braucht auch Impulse von außen, damit das gelingt.“

Als freie Interim-Recruiterin profitiert sie von der Entlassungswelle, die sie zuvor benachteiligt hat. Unternehmen engagieren sie, weil bestehende Stellen nachbesetzt und neue Stellen entwickelt werden müssen, jedoch die internen Recruiting-Teams zu ausgedünnt sind, um die Herausforderungen aus eigener Kraft zu stemmen. „Ich glaube, ein Stück weit waren die Entlassungen kurzsichtig. Der Fachkräftemangel und der Personalumbau sind real und werden die nächsten zehn Jahre eines der übergeordneten Themen in den Unternehmen bleiben.“

Eine aktuelle Umfrage von Linkedin, die der Personalwirtschaft exklusiv vorliegt, zeigt, welche Herausforderungen im Recruiting trotz des Marktumfeldes bestehen: 53 Prozent erleben einen erheblichen Mangel an qualifiziertem Personal. 39 Prozent berichten davon, dass passende Fachkräfte angesichts der vielen Entlassungswellen zögern, ihre derzeitige Stelle aufzugeben. Das bringt Unternehmen in die Zwickmühle: 37 Prozent sprechen von Produktivitätseinbußen. 34 Prozent sogar von einer Verzögerung der Wachstums- und Expansionspläne.

KI und Skill-based Hiring: Was Recruiter können müssen

Doch wie sieht Recruiting heute aus? „Es muss strategischer und effizienter werden“, erklärt Barbara Wittmann. „Es geht weniger darum, möglichst viele Bewerbungen zu verwalten, sondern darum, Potenzial zu erkennen und stärker in Fähigkeiten, anstelle von Jobtiteln zu denken.“ Damit das gelingt, brauche es KI sehr gezielt im Recruiting-Prozess und ein Bekenntnis zum Skill-based-Hiring, das noch immer in vielen Unternehmen nicht angekommen ist. „Wer nur nach Lebenslauf rekrutiert, verpasst die echten Talente“, sagt auch Miller.

KI ist für sie ein Werkzeug im Prozess. Bei der Auswertung von Bewertungsmatrizen, der Gestaltung des Hiring-Prozesses, aber auch in der Optimierung von Stellenausschreibungen sieht sie besonders große Hebel. Darüber hinaus begründet sie ihren persönlichen Mehrwert aber in den Gesprächen mit den Bewerberinnen und Bewerbern. „Bei allem Verständnis für die Optimierung von repetitiven Aufgaben: Am wichtigsten ist mir der persönliche Kontakt.“ Der verrate schlichtweg mehr über den Typ und die Fähigkeiten als ein Lebenslauf.

Nicht zuletzt deshalb sieht sie für sich auch künftig noch rosige Zeiten, um beim eingangs erwähnten Titel von Personalwirtschaft zu bleiben. „Wir sehen einen hohen Bedarf an Fachkräften in den kommenden zehn Jahren und müssen den Blick wesentlich stärker als die Jahre zuvor auf Persönlichkeit richten. Wer, wenn nicht erfahrene Recruiterinnen und Recruiter, sollen das denn machen?“ Auch Barbara Wittmann sagt: „Recruiting-Fachkräfte von heute sind strategische Partner für das Gesamtgeschäft.“ Der Tenor: Ohne sie geht es nicht.