In Teams stehen drei Kanäle noch auf ungelesen, nach der Mittagspause wartet ein verpasster Anruf auf dem Diensthandy und nach Feierabend meldet sich der Kollege über WhatsApp: Digitaler Dauerstress bei der Arbeit ist ein reales Phänomen. Das zeigt die repräsentative IU-Studie „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland“, für die im Januar 2026 rund 2.000 Personen im Alter von 16 bis 65 Jahren befragt wurden.
Digitaler Stress wird von den Befragten als Dauerzustand empfunden: Vier von zehn geben an, das Gefühl zu haben, gedanklich ständig „auf Empfang“ zu sein. Mehr als die Hälfte der IU-Befragten erlebt den Erwartungsdruck, zeitnah auf digitale Nachrichten zu antworten; bei jedem Fünften gilt es im Umfeld sogar als inakzeptabel, nicht sofort zu reagieren. Auch auf der Arbeit empfinden die Befragten den Druck der Dauerreichbarkeit: Ein Drittel der befragten Beschäftigten fühlt sich verpflichtet, außerhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein. Vier von zehn Personen haben das Gefühl, in Beruf und Privatleben gleichermaßen dauerhaft erreichbar sein zu müssen. Die klare Grenze zwischen Alltag und Job verschwindet.
Wie wirkt sich Dauererreichbarkeit auf Gesundheit und Produktivität aus?
Die gesundheitlichen Konsequenzen der digitalen Dauerbeschallung sind erheblich: Jeder dritte Befragte berichtet, sich am Ende des Tages häufig oder täglich emotional oder mental erschöpft zu fühlen; fast ebenso viele nennen Schlafprobleme als häufige oder tägliche Begleiterscheinung. Frauen sind überproportional betroffen – von Erschöpfungssymptomen und Schlafproblemen berichten fast vier von zehn Frauen. Zum Dauerstress, der schließlich sogar zum Burnout führen kann, trägt auch die übermäßige Nutzung von KI-Tools bei. Besonders HR-Mitarbeitende sind laut einer Studie aus den USA davon betroffen.
Für Unternehmen ist Stress durch digitale Dauerbeschallung daher auch ein Produktivitätsthema. Dazu kommt: Gut die Hälfte der IU-Befragten gibt an, dass ihre Aufmerksamkeit ständig zwischen verschiedenen Dingen hin- und herspringt. Mehr als jede und jeder Vierte fühlt sich von der Menge digitaler Informationen überfordert, und ein gutes Drittel verliert schnell den Faden, wenn eingehende Nachrichten eine Unterbrechung verursachen. Dies kann auch Probleme auf der Arbeit verursachen.
„Mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich mehr Offline-Zeit, schafft es aber nicht, diesen Wunsch umzusetzen. Das spricht nicht für fehlendes Wissen, sondern für einen starken äußeren Erwartungsdruck: soziale Normen, berufliche Erreichbarkeit und die Angst, etwas zu verpassen“, erklärt Timo Kortsch, Professor für Wirtschaftspsychologie an der IU Internationalen Hochschule und Autor der Studie. Besonders junge Beschäftigte sind betroffen: Neun von zehn der 16- bis 30-Jährigen checken digitale Geräte mindestens stündlich, und fast die Hälfte dieser Altersgruppe gibt an, Angst zu haben, etwas Wichtiges zu verpassen, wenn sie offline sind.
Welche 5 HR-Maßnahmen helfen gegen digitalen Dauerstress?
Diese Ergebnisse ordnen sich in einen breiteren Trend der zunehmenden Belastung durch Stressfaktoren ein: Laut dem TK-Stressreport 2025, für den das Institut Forsa im Auftrag der Techniker Krankenkasse im Mai 2025 rund 1.400 Personen befragte, geben zwei Drittel der Menschen in Deutschland an, sich in Alltag oder Beruf häufig oder manchmal gestresst zu fühlen. Auch die wirtschaftliche Situation vieler Unternehmen mit Stellenabbau und Restrukturierungen erzeugt eine Menge Stress, wie unsere Kolumnistin, die Psychologin Dr. Katharina Koch von der Mental-Health-Plattform Nilo, schreibt.
Nun gibt es eine Reihe von Maßnahmen, die bei Einzelpersonen ansetzen – in der IU-Studie werden am häufigsten das Ausschalten von Push-Benachrichtigungen und der Nicht-Stören-Modus genannt. Solche Vorkehrungen können zwar persönliche Entlastung bieten, allerdings werden die strukturellen Ursachen damit nicht beseitigt. HR kann darüber hinaus eine ganze Reihe von Handlungsmöglichkeiten ableiten:
- Erreichbarkeitserwartungen transparent machen: In vielen Unternehmen existieren keine expliziten Regeln darüber, wann Mitarbeitende außerhalb der Kernarbeitszeit erreichbar sein müssen. Dieses Vakuum erzeugt impliziten Druck. Schriftlich fixierte Vereinbarungen – etwa auf Team- oder Unternehmensebene – geben Beschäftigten eine verlässliche Orientierung und schaffen Schutzräume.
- Führungskräfte einbeziehen: Wenn Vorgesetzte spätabends E-Mails schreiben und rasche Antworten erwarten, setzen sie einen Standard, den Mitarbeitende häufig als verpflichtend wahrnehmen – unabhängig davon, ob das explizit so gemeint war. HR kann hier über klare Kommunikationsnormen gegensteuern.
- Psychische Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung erfassen: Das Arbeitsschutzgesetz (§§ 5 und 4 ArbSchG) verpflichtet Arbeitgeber dazu, Belastungen systematisch zu erfassen und zu bewerten, dazu gehören auch psychische Belastungen. Dauererreichbarkeit und digitaler Stress sind dabei explizit zu berücksichtigende Faktoren – werden in der Praxis aber häufig vernachlässigt.
- Teamkulturen sichtbar machen: Implizite Normen – etwa die Erwartung, auf Nachrichten außerhalb der Arbeitszeit zu reagieren – entstehen oft durch beobachtetes Verhalten im Team, nicht durch explizite Vorgaben. Strukturierte Reflexion, etwa im Rahmen von Teambesprechungen oder Retrospektiven, kann dazu beitragen, solche Muster zu erkennen und bewusst zu verändern.
- Unterschiedliche Betroffenheit berücksichtigen. Die IU-Studie zeigt, dass Frauen und jüngere Beschäftigte stärker belastet sind. Gesundheitsangebote sollten diese Unterschiede berücksichtigen. Allerdings kann HR nicht überall gegensteuern: Die Studiendaten weisen darauf hin, dass bei Frauen der Erwartungsdruck aus dem familiären Umfeld besonders hoch ist.
Stress ist nicht nur ein Selbstmanagementproblem
Permanente Erreichbarkeit und digitaler Stress sind im Jahr 2026 Themen, die nahezu alle Beschäftigten betreffen. „Das ist nicht nur ein individuelles Selbstmanagementproblem, sondern ein gesellschaftliches Belastungsmuster mit gesundheitlichen und ökonomischen Folgen“, stellt Co-Autorin Stefanie André, Professorin für Gesundheitsmanagement an der IU Internationalen Hochschule, fest. Die Umsetzung von konkreten Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten vor digitalem Dauerstress ist jedenfalls (auch) Sache von HR.
Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.

