„Es gibt keine Grenzen mehr zwischen olympischem Sport und Parasport“

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Wäre der Leverkusener Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer ein Land, so hätte er bei der Schiffsparade zur Eröffnung der Olympischen Spiele zumindest eines der kleineren Boote mit „eigenen“ Athletinnen und Athleten besetzen können. 32 Frauen und Männer aus Bayer-Sportvereinen gehen zunächst bei den olympischen und vor allem auch bei den paralympischen Spielen an den Start. In dieser Größenordnung sind sonst eher Nationen unterwegs. Die Bayer-Athleten kämpfen vor allem in diversen Leichtathletik-Disziplinen, im Schwimmbecken und im Ruderboot um Medaillen.

Auch der mit seiner siebten (!) Teilnahme an paralympischen Spielen mutmaßlich dienstälteste Sportler im deutschen Trikot trainiert beim TSV Bayer Leverkusen. Jürgen Schrapp ist Kapitän der Sitzvolleyball-Mannschaft. Er war schon in Atlanta, Sydney und Athen, in London, Rio, und Tokio dabei. Nur die Spiele in Peking hat er ausgelassen – das war seine Babypause. Der 50-jährige Para-Spitzensportler ist doppelt mit dem Leverkusener Konzern verbunden: Er trainiert nicht nur unter dem Bayerkreuz, Jürgen Schrapp arbeitet auch dort seit rund 30 Jahren und ist Führungskraft mit Vollzeitjob.

Personalwirtschaft: Herr Schrapp, wie unterstützt das Unternehmen Sie und Ihre olympischen und paralympischen Teamkollegen?
Jürgen Schrapp: Das Unternehmen tritt nicht nur als Sponsor im Leistungssport auf, sondern fördert in verschiedenen Vereinen den Breitensport, Spitzensport in verschiedensten Disziplinen und ganz besonders den Parasport. Bei den Paralympics stellen wir mit 18 Aktiven einen großen Teil der Mannschaft. In der deutschen Wirtschaft hat Bayer mit dieser Art der Sportförderung ein Alleinstellungsmerkmal.

Wie sah und sieht die Förderung bei Ihnen konkret aus?
Ich bin 1994 aus Süddeutschland nach Leverkusen gekommen, Hauptgrund war der Sport – ich wollte das Umfeld für mein Sitzvolleyball optimieren und hatte daneben die Chance, bei der Bayer AG eine Ausbildung und dann einen Arbeitsplatz zu finden. Von unserer siebenköpfigen Sitzvolleyball-Mannschaft beim TSV Bayer 04 bin ich zwar der einzige Spieler, der auch bei Bayer arbeitet. Einige andere haben hier aber ebenfalls eine Ausbildung gemacht und sind dann zu anderen Unternehmen gewechselt.

Sie haben einen Vollzeitjob, arbeiten als Führungskraft im Einkauf. Gibt es Arrangements mit dem Unternehmen, die Ihnen helfen, Arbeit und Sport unter einen Hut bringen zu können?
Das war im Lauf meiner beruflichen Karriere ein bisschen unterschiedlich. Im Rahmen der Ausbildung und als Berufsanfänger gab es Regelungen, die es ermöglichten, beides miteinander zu vereinbaren. Von Seiten des Unternehmens wäre es wohl auch später möglich gewesen, solche Arrangements zu treffen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt habe ich das aber nicht mehr in Anspruch genommen, weil ich es nicht mit meiner Arbeit als Führungskraft in einer leitenden Position vereinbaren konnte. Für die Teilnahme an den Paralympics in Paris nutze ich meinen privaten Urlaub, infolge meiner Behinderung habe ich aber ohnehin schon 35 und nicht 30 Urlaubstage. Das passt für mich total. Wichtig sind auch flexible Arbeitszeiten, die es mir ermöglichen, rechtzeitig zum Training zu kommen. Dafür arbeite ich dann oft noch abends weiter.

Wie ist die Unterstützung im Kollegenkreis?
Es gibt eine riesengroße Akzeptanz für meinen Sport. Die Unterstützung der Bayer AG für den Sport und auch im Speziellen für Parasport ist zwar wichtig – aber noch entscheidender sind die Menschen im direkten Umfeld: Vorgesetzte, Kollegen und Kolleginnen, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die mich unterstützen und die sagen‚ wenn du weg bist, kriegen wir das irgendwie hin‘. Das hat nichts mit Konzernrichtlinien zu tun, sondern mit dem Umfeld, in dem man unterwegs ist. Und da habe ich 30 Jahre lang eigentlich immer nur positive Reaktionen erlebt.

Wie inklusiv ist aus Ihrer Sicht als Parasportler das Engagement des Unternehmens?
Große Banner mit Porträts aller Sportlerinnen und Sportler, die in Paris starten, hängen in der Konzernzentrale, gemischt, ohne Unterscheidung, ob es um olympischen oder paralympischen Sport geht. Es gab auch Anfang Juli eine sehr schöne Verabschiedung aller Athleten durch den Bayer-Vorstandschef Bill Anderson. Ich bin seit 30 Jahren im Konzern, 30 Jahre im Verein, aber das gab es so noch nie. Mich beeindruckt, dass es keine Grenzen mehr zwischen Paralympics und Olympia gibt, dass alle Athletinnen und Athleten auf diesen Bannern sind. Und dass Bayer ein so großes Team in Richtung Olympia und Paralympics schickt, ist schon einfach cool.

32 Sportlerinnen und Sportler aus den Bayer-Sportvereinen treten in Paris an. Am 1. Juli wurde das Team in der Firmenzentrale verabschiedet. (Foto: Bayer AG)


Ist dieser inklusive Gedanke auch für andere Aspekte relevant?
Viele Athleten mit und ohne Behinderung trainieren gemeinsam – gerade in der Leichtathletik. Auch in der Kommunikation nach außen durch das Unternehmen, die Vereine und die Stadt Leverkusen in den Sozialen Medien werden Parasportler genauso berücksichtigt wie die anderen Athletinnen und Athleten. In diesem Jahr liegt der Fokus zwar stark auf den Bayer-Fußballern, die gerade Deutscher Meister und Pokalsieger geworden sind – aber das haben sie ja auch verdient. Für mich als Bayer-Mitarbeiter gibt es noch eine Ebene: Ich habe die Chance, gleichberechtigt im Konzern Karriere zu machen und auch noch Leistungssport zu betreiben.

Und wie sieht die Förderung durch Bayer auf sportlicher Ebene aus?
Das Unternehmen unterstützt den Verein und dessen Parasport-Abteilung und stellt damit sicher, dass all unsere Reisen zu Turnieren finanziert werden, ebenso wie die Trainerteams. Dazu kommt die Infrastruktur: Wir haben Bälle und Netzanlagen und eine Halle mit einem Sitzvolleyballfeld, das auch farblich abgesetzt ist. Das gibt es sonst nirgendwo in Deutschland. Tatsächlich haben wir nicht nur für Sitzvolleyball, sondern auch besonders in der Leichtathletik, im Schwimmen und Rudern herausragende Trainingsmöglichkeiten in den Bayer-Sportvereinen.

Profitieren Sie im Berufsleben von ihrer langen Erfahrung im Leistungssport?
Ja, total. Führung im sportlichen Umfeld und Führung im professionellen Umfeld ist von den Grundzügen nicht so unterschiedlich. Wie gehe ich mit Menschen um? Wie kann ich ein Team auf ein Ziel einschwören? Wie komme ich in Krisensituationen mit dem Team klar? Das alles sind Fragen, die im Leistungssport sehr relevant sind. Wenn es beispielsweise in Rio im 5. Satz 13 zu 13 steht – dann ist das ein sehr spezieller Moment. Solche Momente, in denen es derartig Spitz auf Knopf steht, kann man im Berufsleben gar nicht immer kreieren. In diesen Situationen lernt man, Ruhe zu bewahren, sich gegenseitig zu unterstützen. Solche Erfahrungen lassen sich auch in das Berufsleben transportieren. Ein anderer Mehrwert ergibt sich durch die Jahrzehnte, in denen ich im internationalen Kontext Sport gemacht habe. Auch in der Firma habe ich sehr globale Aufgaben und mit Leuten aus unterschiedlichsten Regionen der Erde zu tun. Die Erfahrung aus dem internationalen Sport haben mir dabei extrem geholfen.

Das deutsche Sitzvolleyball-Team kämpft in Paris um eine Medaille. (Foto: privat)


Welche Soft Skills lernen Sportler?
Sportler mit und ohne Führungsverantwortung lernen Strebsamkeit, sie lernen Ziele zu definieren und zu verfolgen, dranzubleiben und Rückschläge zu verarbeiten. Diese Fähigkeiten, die im Sportleben aufgebaut werden, können sie natürlich ins Berufsleben mitnehmen.

Sie betreiben seit drei Jahrzehnten als Sitzvolleyballer Leistungssport. Wie können Sie mit jungen Sportlern mithalten?
Es gibt wenige Sportarten, wo man mit 50 noch auf dem Level Leistungssport machen kann, das ist im Parasport nur wenig anders. Sitzvolleyball ist zwar extrem schnell, aber man kann mit Spielerfahrung und Antizipation vieles kompensieren. Die vielen tausend Spielmomente, die ich schon erlebt habe, helfen mir, im Spiel auch Entscheidungen zu treffen und Situationen vorwegzunehmen.

Haben Sie eigentlich unter den sechs paralympischen Spielen, an denen Sie schon teilgenommen haben, einen Liebling?
Die Spiele waren alle auf ihre Art toll. Trotzdem stechen für mich die Spiele in London 2012 heraus, als wir die Bronzemedaille gewonnen haben: Wir hatten eine besondere Mannschaft mit einer speziellen Kultur. Da hat vieles zusammengepasst, um am Ende diesen Erfolg zu haben. Außerdem war die Stimmung in London herausragend, die Spiele waren ausverkauft. Wir haben da immer vor 8.000 Leuten gespielt. Viele Londoner wollten, nachdem Olympia für sie nicht finanzierbar war, dann unbedingt die Paralympics erleben. Das kann ich auch jetzt für Paris nur empfehlen. Setzt Euch in den Zug nach Paris und seht Euch die Paralympics an!

Info

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.