Revolution in Syrien, ein versuchter Staatsstreich in Südkorea, Krieg in der Ukraine, Luftangriffe im Libanon, Wirbelstürme in der Karibik – etliche Regionen in der Welt sind unruhig. Trotzdem ist die Entsendung von Mitarbeitenden ins Ausland für viele Unternehmen in der Exportnation Deutschland gängige Praxis – sei es für längere Aufenthalte, kürzere Geschäftsreisen oder etwa Montagetätigkeiten.
Dabei gibt es – neben formalen Aspekten wie Versicherungs-, Steuer- und Aufenthaltsrecht – verschiedene Bereiche, die die HR-Abteilungen in den Entsendeunternehmen im Blick behalten müssen. Gerade bei Einsätzen in Krisengebieten Informationen zu liefern und für die physische und mentale Sicherheit und Gesundheit zu sorgen, gebietet die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers.
Einen Risikoausblick für das kommende Jahr hat gerade International SOS veröffentlicht. Das Unternehmen, das Dienstleistungen rund um Sicherheit und Gesundheit bei weltweiten Auslandseinsätzen anbietet, gibt darin Einblicke in die zunehmenden Herausforderungen für die Belastbarkeit von Organisationen und Mitarbeitenden sowie Risikoprognosen für das kommende Jahr. Wie es um Sicherheit und Gesundheit bei Auslandseinsätzen bestellt ist und was HR tun sollte, erläutern Wolfgang Hofmann, Regional Security Manager Deutschland und Österreich, und Dr. Stefan Eßer, medizinischer Leiter Zentraleuropa bei International SOS.
Personalwirtschaft: Viele Menschen haben angesichts von Kriegen, Konflikten, Klimawandel sowie politischen und wirtschaftlichen Krisen das Gefühl von zunehmender Unsicherheit und Bedrohung. Teilen Sie bei International SOS den Eindruck?
Wolfgang Hofmann: Dieser Eindruck ist in der aktuellen Zeit nicht von der Hand zu weisen. Die Entwicklungen der vergangenen zwölf Monate haben in vielen Teilen der Welt zu Verwerfungen geführt, darunter auch in stabilen Ländern wie etwa Südkorea, Deutschland oder Frankreich, die – aus verschiedenen Gründen – innenpolitische Probleme haben und aktuell keine stabilen Regierungen vorweisen können.

Sind dies alles Anzeichen dafür, dass sich die (zumindest aus westdeutscher Sicht) verhältnismäßig stabile Weltordnung der Post-Sowjet-Jahre auflöst und eine neue Ordnung noch nicht in Sicht ist?
Wolfgang Hofmann: Dass sich die Weltordnung der Post-Sowjet Jahre aufzulösen scheint, ist eine Entwicklung, die seit längerem zu beobachten ist. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass eine neue Ordnung noch nicht klar und deutlich erkennbar ist, sondern sich nach und nach herausbilden wird. Während Deutschland von der bisherigen Weltordnung profitiert hat, sind Staaten in anderen Regionen potenzielle Gewinner, wenn sich diese Ordnung verschiebt und gegebenenfalls durch eine andere ersetzt wird. Für Europa ist diese Entwicklung der nächste Beweis dafür, dass eine europäische Zusammenarbeit dringend notwendig ist, um Stabilität und Verlässlichkeit zu garantieren.
Seit 40 Jahren beobachtet und bewertet International SOS die internationale Entwicklung mit Hinblick auf den Einfluss auf Unternehmen und deren Beschäftigte. Worin sehen Sie für 2025 die größten Risiken für deutsche Unternehmen?
Wolfgang Hofmann: In den anhaltenden geopolitischen Verschiebungen. In unserer jährlich durchgeführten Umfrage Risk Outlook 2025 haben wir Unternehmen gefragt, welche Risiken sie für 2025 wahrnehmen. Neben den Klassikern wie Cyberangriffen stehen geopolitische Verschiebungen weit oben auf der Liste der wahrgenommenen Risiken – und im Gegensatz zu den genannten Cyberbedrohungen weit unten auf der Liste mit Risiken, denen man sich gegenüber gut vorbereitet fühlt.
Inwieweit betreffen diese Risiken auch die Beschäftigten?
Wolfgang Hofmann: All diese Entwicklungen können Beschäftigte direkt oder indirekt betreffen. Direkt dann, wenn man viel in der Welt unterwegs ist und sich zwischen all den Krisen und Entwicklungen in seiner Tätigkeit beeinträchtigt fühlt. Indirekt aber können beispielsweise die angekündigten Zölle, welche der designierte US-Präsident Donald Trump erheben will, Einfluss auf Beschäftigte nehmen und sei es nur durch eine negative Prognose für die eigene Beschäftigung.
Schauen wir zunächst auf die Sicherheit von Beschäftigten deutscher Unternehmen im Ausland. Gab es dort in den vergangenen Wochen und Monaten vermehrten Handlungsbedarf durch eskalierende Krisen?
Wolfgang Hofmann: Allerdings. Die Eskalation im Libanon hat einen solchen Handlungsbedarf deutlich aufgezeigt. Auch andere Ereignisse wie die Hurricanes in den USA und Mexiko, der vermeintliche Putsch in Südkorea sowie viele niedrigschwellige Vorkommnisse haben den Bedarf nach Informationen und Assistance vor und während einer Reise oder Entsendung deutlich gemacht. Einerseits, um sich durch die Einholung von Informationen besser auf bevorstehende Ereignisse vorbereiten zu können, andererseits bestand auch immer wieder der Bedarf, kurzfristig Assistance anzufragen.
Können Sie Beispiele nennen, bei denen International SOS aktiv wurde?
Wolfgang Hofmann: International SOS hat über mehrere Tage aus dem Libanon evakuiert. Dabei haben wir etwa ein Dutzend Charterflüge organisiert, um Menschen aus dem Libanon in umliegende Länder oder in ihr Heimatland zu bringen. Dies war im zweiten Halbjahr 2024 sicherlich die größte Eskalation. Gleichzeitig monitoren wir natürlich weiterhin die Lage weltweit, um jederzeit reagieren zu können oder und proaktiv aufzustellen, sollte ein Ereignis eine sofortige Reaktion erfordern.
Unternehmen haben ja eine Fürsorgepflicht für ihre Beschäftigten.Was können sie also präventiv tun, um Mitarbeitende in potenziell gefährlichen Ländern zu schützen?
Wolfgang Hofmann: Das Stichwort lautet hierbei Prävention. Eine umfassende Vorbereitung einer Reise ist die Grundlage, um Risiken bestmöglich zu verringern. Ein individuelles Risk Assessment, welches die Risiken und Gefahren, die ein Land mit sich bringt, vereint mit dem Profil der reisenden Personen und des entsendenden Unternehmens sowie dem Zweck der Reise sollte die Grundlage bilden. Dies kann weitere Maßnahmen im Land selbst nach sich ziehen, wie die Organisation von sicherem Transport über einen Transport- oder Sicherheitsdienstleister sowie die Auswahl einer für das Risikoumfeld adäquaten Unterkunft.
Auf welche Länder oder Regionen schauen Sie besonders intensiv?
Wolfgang Hofmann: Wir schauen intensiv auf jene Länder, in denen wir ein erhöhtes Risikopotenzial bewerten, also Länder mit einem Risikorating von „hoch“ bis „extrem“, allerdings verbergen sich auch im mittleren Risikobereich einige Länder, die partiell nicht einfach zu bereisen sind. Und wir orientieren uns natürlich auch an den Anfragen unserer Kunden – so achtet der deutschsprachige Sicherheitsdesk in unserem Frankfurter Assistance Center besonders auf Mexiko, Südafrika, Indien und Pakistan, da diese Länder von unseren Kunden im Vergleich recht oft angefragt werden.
Kommen wir zur medizinischen Seite. Wie ist da die Situation bei internationalen Einsätzen?
Dr. Stefan Eßer: Immer noch ist der größte Teil der medizinischen Fälle, die International SOS bei den beruflich Reisenden seiner Kunden und deren Expats betreut, auf allgemeine medizinische Probleme zurückzuführen. Durchfall- und andere Infektionskrankheiten spielen genauso eine Rolle wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei den Evakuierungen, die aus medizinischen Gründen durchgeführt werden müssen, sind Unfälle die häufigste Ursache, vor allem Verkehrsunfälle, aber auch Arbeits- und Freizeitunfälle. Verwundungen durch kriminelle oder militärische Ereignisse sind selten, haben aber große Auswirkungen – nicht nur auf die Betroffenen selbst, sondern auch auf die Kolleginnen und Kollegen in der Umgebung und manchmal auf das ganze Unternehmen.

Was können und sollten Personal- und Reiseabteilungen tun, um solche Risiken abzuwenden oder zumindest die Auswirkungen zu verringern?
Stefan Eßer: Hier sind vor allem umfangreiche fundierte Informationen vorab und Vorbereitung sowie Schulungen zu nennen. Unternehmen sollen ihren Reisenden und Expats fachlich fundierte medizinische Versorgung für gesundheitliche Probleme zur Verfügung stellen. Dies kann zum einen durch versierte assistance- und telemedizinische Betreuung erfolgen und zum anderen durch die Kenntnis der Versorgungsmöglichkeiten vor Ort. Dazu gehört außerdem gute Kenntnis über das lokale Gesundheitssystem, das Rettungswesen und die Möglichkeiten psychologischer Betreuung. Schon die Fürsorgepflicht und das Arbeitsschutzgesetz gebieten hier entsprechende vorsorgende Maßnahmen begleitet durch die arbeitsmedizinische Vorsorgeverordnung. Die ISO-Richtlinie 31030 setzt den internationalen Maßstab hierzu.
Die wachsende Unsicherheit in der Welt empfinden viele Beschäftigte als psychisch belastend. Haben Sie dazu nähere Erkenntnisse durch den Report?
Stefan Eßer: Wir sehen eine zunehmende Zahl von Patientinnen und Patienten, die sich aufgrund psychischer Anliegen an uns wenden. Dies spiegelt international damit auch die zunehmende Bedeutung psychischer Erkrankungen bei den Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen in Deutschland wider. Hierbei sind sowohl Angsterkrankungen im Zusammenhang mit politischen und militärischen Krisen als auch Überlastungserkrankungen durch hohe Erwartungen bei Auslandsreisen zu beobachten. International SOS hat dazu einen Leitfaden für die Beurteilung psychischer Belastungen im internationalen Umfeld herausgegeben, den sich Unternehmen kostenfrei auf der Website herunterladen können.
Welche Aufgaben haben Personalabteilungen dabei?
Stefan Eßer: Die Personalabteilungen haben die wichtige Aufgabe, dem Unternehmen die Notwendigkeit von Fürsorge einerseits und Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften des Arbeitsschutzes und der arbeitsmedizinischen Vorsorge anderseits klarzumachen und auf diese zu drängen. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erwarten, dass solche Vorgaben unternehmensseitig eingehalten werden und sehen oft die Zuständigkeit dafür bei den Personalabteilungen. Viele kleine und mittelständische Unternehmen können die Auflagen nicht intern erfüllen, sondern benötigen externe Spezialisten. Moderne assistancemedizinische Betreuung kann hier viel bewirken.
Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.

