HR kümmert sich um alle – aber wer kümmert sich um HR?

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„Kannst du das noch schnell übernehmen?“ – diesen Satz hören HR-Teams ständig. Sie begleiten Bewerbende durch den Recruiting-Prozess, gestalten Weiterbildungen, lösen Konflikte und kümmern sich um das mentale Wohl der Mitarbeitenden. HR-Teams sind für alle da – und bleiben dabei oft selbst auf der Strecke. 

Und trotzdem: 87 Prozent der HR-Profis in Deutschland würden sich wieder für ihren Beruf entscheiden. Das zeigt ihre Leidenschaft für den Job, aber auch ihren Durchhaltewillen. Doch Leidenschaft allein reicht nicht, um im oftmals stressigen Arbeitsalltag eines Personalers oder einer Personalerin gesund zu bleiben – es muss sich etwas ändern. 

Typische Stressfaktoren im HR-Alltag

Der Druck, unter dem HR-Teams stehen, hat viele Gründe: Eine Vielzahl an Verantwortlichkeiten, unklare Strukturen, widersprüchliche Erwartungen, häufig zu wenig Ressourcen. HR-Teams agieren an vielen Fronten zugleich – und stoßen dabei häufig an ihre Belastungsgrenzen.

Typische Stressfaktoren sind:

  • Verantwortung für das mentale Wohlbefinden anderer: Bei Sorgen, Konflikten und Krisen führt der erste Weg meist ins HR-Büro. Das erfordert Empathie und Fingerspitzengefühl – dabei sind HR-Manager keine ausgebildeten Psychologen.
  • Unklare Rollen und Zuständigkeiten: HR sitzt oft zwischen den Stühlen: Personalerinnen und Personaler müssen die Interessen des Managements vertreten und gleichzeitig für das Wohl der Mitarbeitenden sorgen. Entscheidungen müssen umgesetzt werden, auch wenn HR im Vorfeld nicht eingebunden war und sie eventuell nicht mitträgt. 
  • Emotionale Belastung durch Konflikte und Krisen: Ob Kündigungen, Konfliktgespräche oder Krisenmanagement – HR ist oft die erste Anlaufstelle. Supervision oder Unterstützung im Unternehmen? In der Regel Fehlanzeige. Gleichzeitig wird von HR erwartet, stets empathisch, lösungsorientiert und professionell zu agieren.
  • Fehlende Wertschätzung: Gute HR-Arbeit bleibt oft unsichtbar. Erst wenn etwas schiefläuft, rückt HR in den Fokus, meist als Krisenmanager. Anerkennung für langfristige, deeskalierende Arbeit bleibt häufig aus.
  • Budgetrestriktionen: HR muss oft mit knappen Ressourcen arbeiten, und das bei zentralen Themen wie Personalentwicklung oder Gesundheitsmanagement. Investitionen in HR werden häufig hinterfragt, weil ihr direkter Beitrag zum Umsatz oder Unternehmenserfolg schwerer messbar ist. Dabei bilden gerade diese Ressourcen die Grundlage für langfristigen Erfolg bei der Personalarbeit. Strategische HR-Projekte scheitern nicht selten am fehlenden Budget.

Burnout-Risiko von HR und die Folgen für das Unternehmen

Dieser Dauerstress führt nicht zu besserer Leistung – sondern oftmals zu Überforderung, innerer Kündigung und, im schlimmsten Fall, zum Burnout. Wenn HR-Teams ausfallen, ist das kritisch: Keine neuen Talente, keine Entwicklungsinitiativen, keine Begleitung für Mitarbeitende durch schwierige Phasen – all das bleibt auf der Strecke. Burnout in HR ist kein individuelles Problem, sondern gefährdet das gesamte Unternehmen.

Wird das mentale Wohlbefinden der HR-Teams nicht geschützt, steht langfristig nicht nur die Gesundheit einzelner Mitarbeitender auf dem Spiel, sondern die Leistungsfähigkeit des gesamten Unternehmens.

Fünf + fünf Impulse für Veränderung: Selbstfürsorge und strukturelles Stressmanagement

HR muss nicht im Dauerstress arbeiten, Arbeitgeber können gegenwirken. Es gibt viele Stellschrauben, an denen Unternehmen und HR-Verantwortliche ansetzen können, um Belastungen zu reduzieren und Resilienz zu stärken.

Wie Unternehmen ihre HR-Teams unterstützen können:

  • HR als systemrelevantes Team stärken: 

Die Rolle von HR als systemrelevantes Team muss sich auch in den verfügbaren Ressourcen widerspiegeln: durch klare Budgets, ausreichend Zeit für strategische Arbeit und Zugang zu externen Partnern und Tools, die entlasten. 

Neben Ressourcen braucht es auch Entscheidungsbefugnisse. HR sollte frühzeitig in strategische Entscheidungen eingebunden werden. Regelmäßige Feedbackschleifen mit der Geschäftsführung sorgen dafür, dass die Bedürfnisse des Teams sichtbar bleiben.

Tipp: Ein monatliches HR-Leadership-Meeting, um aktuelle Herausforderungen und Ressourcenbedarfe offen zu besprechen.

  • Rollen und Zuständigkeiten klar definieren

Klare Zuständigkeiten – sowohl innerhalb des Teams als auch im Unternehmen – sind unerlässlich: Welche Aufgaben liegen im Verantwortungsbereich, welche nicht? Ebenso wichtig ist eine Trennung von operativen Aufgaben und strategischen Projekten, um die Arbeit der HR-Manager und Managerinnen zu erleichtern.

Tipp: Ein Organigramm und schriftlich fixierte Rollenprofile helfen, Zuständigkeiten sichtbar zu machen. Regelmäßige Team-Reviews verhindern, dass Aufgaben unbemerkt „driften“ oder Überlastungen entstehen. 

  • Prioritäten setzen und Prozesse vereinfachen

Nicht alles muss gleichzeitig und sofort erledigt werden. Um wirksam zu bleiben, muss HR die Freiheit haben, Aufgaben zu priorisieren, Prozesse zu vereinfachen und operative Anfragen zu bündeln. Prozesse lassen sich oft mit digitalen Tools optimieren – zum Beispiel durch Automatisierung von Routineaufgaben wie Onboarding oder Zeiterfassung. Ein regelmäßiges „HR-Prozess-Review“ hilft, unnötige Schritte zu identifizieren und zu streichen.

Tipp: Aufgaben nach dem Eisenhower-Prinzip sortieren und regelmäßig reflektieren, was delegiert oder gestrichen werden kann. Dabei werden Aufgaben in vier Felder eingeteilt: sofort erledigen (wichtig und dringend), planen (wichtig, aber nicht dringend), delegieren (dringend, aber nicht wichtig) oder streichen (weder wichtig noch dringend).

  • Die mentale Gesundheit der HR-Teams fördern

Angebote wie Coachings, Supervisionen oder Peer-Support-Formate sollten explizit auch für HR-Teams zugänglich sein. Besonders hilfreich sind externe Ansprechpersonen, um offen über Belastungen sprechen zu können und emotionale Entlastung zu erfahren. Außerdem können digitale Angebote HR-Verantwortlichen dabei helfen, auch im hektischen HR-Alltag Zeit für Selbstfürsorge zu finden.

Tipp: Interne Business-Cases oder externe Referenzen, die den Nutzen von Mental Health Angeboten klarmachen – etwa durch Verweise auf geringere Fehlzeiten, niedrigere Fluktuation oder höhere Resilienz im HR-Team – können helfen, die Geschäftsführung zu überzeugen.

  • Stressmanagement als Kompetenz etablieren

Resilienz und der gesunde Umgang mit Druck lassen sich gezielt fördern. Workshops, Trainings oder Micro-Learnings helfen, den eigenen Umgang mit Druck zu reflektieren und Strategien für den Ernstfall zu entwickeln. Peer-Learning-Formate, wie interne Stressmanagement-Gruppen oder „Lunch & Learn“-Sessions, fördern den Austausch über bewährte Strategien.

Tipp: Ein anonymes „Stress-Barometer“ hilft, Belastungen im Team sichtbar zu machen und gezielt gegenzusteuern.

Wie HR-Verantwortliche ihr mentales Wohlbefinden stärken können

  • Resilienz stärken – den Fokus auf das Beeinflussbare richten

Resilienz lässt sich lernen. Was liegt in meinem Einflussbereich? Wo kann ich bewusst „Nein“ sagen? Das „Circle of Control“-Modell hilft, zwischen beeinflussbaren und unveränderlichen Faktoren zu unterscheiden. Auf Basis dessen Grenzen zu setzen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein aktiver Beitrag zur eigenen Widerstandsfähigkeit.

Tipp: Am Ende der Woche notieren: Was konnte ich steuern? Was lasse ich los?

  • Mikropausen und Achtsamkeit in den Tag einbauen

Kurze Unterbrechungen – ein bewusster Atemzug, ein kurzer Spaziergang oder ein Check-in: „Wie geht es mir gerade?“ – helfen, den Autopiloten zu unterbrechen und den Kopf wieder freizubekommen. Diese kleinen Pausen sind keine Zeitverschwendung, sondern eine Investition in langfristige Belastbarkeit.

Tipp: Achtsamkeitsrituale etablieren, wie etwa der bewusste Start in den Tag mit einer Tasse Tee oder ein kurzes Stretching nach jedem Meeting.

  • Austausch suchen und Peer-Support nutzen

Ein offenes Gespräch mit einer Kollegin, ein kurzer Austausch in der HR-Community oder regelmäßige HR-Tandems wirken oft wie ein Ventil. Gemeinsam zu reflektieren, was gut läuft und wo es hakt, entlastet.

Tipp: Ein monatlicher „HR-Community-Lunch“ – online oder vor Ort – fördert den Austausch und baut Netzwerke auf.

  • Selbstreflexion in den Alltag integrieren

Selbstfürsorge beginnt mit einem ehrlichen Blick nach innen: Wo liegen meine Grenzen? Welche Aufgaben geben Kraft, welche nehmen sie? Reflexion fällt leichter mit Hilfsmitteln wie einem Reflexionstagebuch oder Leitfragen für den Tagesabschluss: Was hat mir heute Energie gegeben? Was hat mich belastet?

Tipp: Einen festen Termin pro Woche im Kalender blockieren – 30 Minuten Zeit für Selbstreflexion.

  • Business-Cases für HR-Budgets entwickeln

HR bekommt mehr Budget, wenn klar gezeigt wird, wie sich Investitionen auszahlen. Mit Zahlen, Beispielen und Erfolgsgeschichten lässt sich die Wirkung von HR-Arbeit belegen und so Entscheiderinnen und Entscheider überzeugen. 

Tipp: Eine „HR-Impact-Map“ visualisiert, wie HR-Maßnahmen konkret zum Unternehmenserfolg beitragen.

Nachhaltiger Erfolg funktioniert nur mit gesunden HR-Teams

Wenn es dem HR-Team schlecht geht, wackelt in der Regel das gesamte System. Sie sind das Rückgrat des Unternehmens. Deshalb braucht es einen Perspektivwechsel: Selbstfürsorge ist kein Egoismus, sondern Teil gesunder Führung und Selbstverantwortung. Wer zukunftsfähig bleiben will, muss in die Gesundheit und Resilienz seiner HR-Teams investieren.

Alles zum Thema

HR – Mental stark!

Wie kann HR die mentale Gesundheit von Mitarbeitenden, aber auch sich selbst stärken? Kimberly Breuer, nilo -Geschäftsführerin, gibt in ihrer monatlichen Kolumne Tipps und Inspiration für den Arbeitsalltag.