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Vorsicht bei digitalen Krankschreibungen

Ärztin zeigt Smartphone mit aufgerufener AU-Bescheinigung
Bildquelle: au-schein.de / istock

Wie funktioniert die digitale Krankschreibung?

Die Idee des Startups AU-Schein ist simpel: Fühlt sich ein Arbeitnehmer erkältet, kann er auf der Homepage von AU-Schein gegen eine Gebühr eine Krankschreibung beantragen. Dazu wählt er aus einer Reihe von Symptomen die eigenen Beschwerden aus, gibt an, für wie lange er voraussichtlich nicht arbeitsfähig ist – maximal fünf Tage – und übersendet anschließend seine persönlichen Informationen über den Messenger-Dienst Whatsapp. Ein Arzt prüft die Angaben und stellt, sofern sie schlüssig sind, einen gelben Schein aus. Dieser wird dem Patienten zunächst per Whatsapp zugeschickt; das Original erhält er per Post. Die Krankschreibung wird zum Selfservice ohne Arztbesuch.

Problem 1: Ist eine Krankschreibung ohne Untersuchung beweiskräftig?

Eine AU-Bescheinigung soll die Arbeitsunfähigkeit bestätigen und als Nachweis dienen. Die Rechtsprechung spricht den Bescheinigungen einen besonderen Beweiswert zu, weil Ärzte verpflichtet sind, sich – unabhängig von den Angaben des Patienten – selbst ein Bild von der Arbeitsfähigkeit zu machen. Ist ein Krankenschein, der ohne persönliche Untersuchung ausgestellt wurde, noch beweiskräftig?

Tatsächlich ist diese Problematik keineswegs neu. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat sich damit bereits vor über 40 Jahren beschäftigt. Das Gericht urteilte in einem Fall, in dem ein Krankenschein ausgestellt wurde, obwohl der Arzt den Arbeitnehmer nicht persönlich untersucht hat, sondern lediglich dessen Frau telefonisch mitgeteilt hatte, dass ihr Mann erkrankt sei. In einem solchen Fall, so das BAG, sei der Beweiswert der Bescheinigung beeinträchtigt. Die Bescheinigung alleine könne die Arbeitsunfähigkeit nicht nachweisen. Stattdessen müsse der Arbeitnehmer diese mit anderen Beweismitteln belegen.

Wichtig für HR: Erfahren Arbeitgeber von der fehlenden Untersuchung, können sie das Bestehen der Arbeitsunfähigkeit anzweifeln. Sie können dann etwa die Entgeltfortzahlung verweigern oder arbeitsrechtliche Sanktionen treffen. Im Streitfall muss der Arbeitnehmer nachweisen, dass er tatsächlich arbeitsunfähig erkrankt war.

Problem 2: Reicht eine digitale Version des Krankenscheins?

Nach dem gesetzlichen Regelfall muss ein erkrankter Mitarbeiter erst nach drei Kalendertagen einen Nachweis über seine Arbeitsunfähigkeit erbringen. Erhält er den Krankenschein per Post, kann er die Original-Bescheinigung in der Regel fristgerecht vorlegen. Aber: Der Arbeitgeber kann die Vorlage der Bescheinigung früher verlangen – schon ab dem ersten Tag der Erkrankung seines Mitarbeiters. Muss der Erkrankte erst warten, bis er seinen Krankenschein per Post erhalten hat, kann er diese Frist nicht einhalten. Auch bei Krankschreibungen mit Arztbesuch kann der Mitarbeiter seinem Arbeitgeber häufig aus rein praktischen Gründen den Krankenschein nicht schon am ersten Tag vorlegen. In solchen Situationen muss eine Ausnahme gemacht werden.

Wichtig für HR: Es reicht, wenn der Mitarbeiter dem Arbeitgeber zunächst eine digitale Version schickt und das Original nachträglich vorlegt. Dem berechtigten Interesse des Arbeitgebers, die Echtheit der Bescheinigung zu prüfen, wird dadurch Rechnung getragen.

Problem 3: Achtung, Datenschutzfalle!

Insgesamt müssen Arbeitgeber jedoch darauf achten, dass sie digitale AU-Bescheinigung von ihrem Mitarbeiter nicht per Whatsapp erhalten. Die Nutzung von Whatsapp auf Firmenhandys birgt datenschutzrechtliche Risiken. Denn die App übermittelt Daten über die Kontakte im Telefonbuch des Empfängers auf Server in den USA. Das kann einen Verstoß gegen das Datenschutzrecht darstellen, wenn dem Arbeitgebers kein Einverständnis seiner Kontakte für diese Übermittlung vorliegt. Unternehmen setzen sich so dem Risiko von Bußgeldern und anderen Sanktionen aus.

Wichtig für HR: Um Datenschutzrisiken zu vermeiden, sollten Arbeitgeber darauf bestehen, dass die digitale Version des Krankenscheins per E-Mail oder Fax eingereicht wird.