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Precire: KI-Pionier ist pleite

Zwei Profile
Trotz Neuausrichtung blieb der wirtschaftliche Erfolg bei Precire Technologies aus. Foto: © peshkov/AdobeStock

Precire Technologies wird liquidiert. Das Unternehmen wurde 2012 als KI-Startup und mit der Idee gegründet, ein eignungsdiagnostisches Verfahrens zu schaffen,
das auf Sprachanalyse basiert und Unternehmen in Bewerbungsprozessen unterstützt. Die Gründer hatten sich zuvor im Umfeld der Sportpsychologie
mit der Frage beschäftigt, wie durch die Ansprache des
Trainers die Motivation und Leistung von Sportlern verbessert werden
können. Mit dem neuen
Verfahren zur Eignungsanalyse wollten Sie nun den Markt der Eignungsdiagnostik revolutionieren und bauten dabei auf
künstliche Intelligenz.

Bereits in der Vergangenheit berichtete personalwirtschaft.de über Lösungen und Tools des Unternehmens und auch von der Kritik an Precire, die zumeist ethische Aspekte, wie die Analyse von Menschen durch Maschinen, betraf.

2019: Gründer werden entmachtet

Neben der damit einhergehende Debatte hatten die Gründer des Unternehmens bereits in der Aufbauphase mit heftigem Gegenwind zu kämpfen. Das angesehene
Diagnostik- und Testkuratorium der Föderation Deutscher
Psychologenvereinigungen untersuchte das Verfahren von Precire und kam zu dem
Urteil, dass die Aussagen wissenschaftlich nicht ausreichend evaluiert wären. Ein vernichtendes Urteil zu einem Verfahren, das den Anspruch hat,
zuverlässige Aussagen zur Persönlichkeit von Führungskräften zu machen.

2018 stieg die
Talanx-Gruppe als Hauptaktionär in das gebeutelte Unternehmen ein, berief zum 1. Mai 2019 mit dem renommierten HR-Experten Thomas Belker, zuvor
Personalvorstand von Talanx, einen neuen CEO und entmachtete damit die
Gründer. Belkers Auftrag war es, die
Unternehmenskultur zu verändern, am Markt für Vertrauen zu werben, und außerdem ein neues Produkt zu schaffen. Was er mit “Precire Impact”, einem digitalen Kommunikationsmanager, der Menschen helfen sollte, ihr
Sprachverhalten mit Blick auf den Empfänger zu analysieren und zu
verbessern, auch tat. Die Lösung wurde als Addin für Microsoft Office und als App
angeboten.

Bestandskunden ziehen sich zurück

Doch schlussendlich wurde die fehlende
Skalierbarkeit der KI-Anwendung in Unternehmensprojekten für Belker zum
Problem. Die KI musste ständig mit neuen Daten gefüttert werden, unter Berücksichtigung der strengen Anforderungen des Datenschutzes. Das war grundsätzlich möglich, wie Belker selbst betont, aber in Zeiten von Corona fehlte
die Bereitschaft der Kunden dafür.

Als
sich schließlich Bestandskunden zurückzogen, verlor die
Talanx-Gruppe den Glauben an das Geschäftsmodell und stieg, unter Berufung auf den deutlichen Einbruch bei Nachfrage
und Zahlungsbereitschaft der Kunden, als Investor aus. Thomas Belker, der sich nun beruflich neuorientieren will, hat seine Position als Liquidator an einen der
Gründer, Christian Greb, übergeben. Dieser wickelt derzeit bestehende Verträge ab und
hat versucht, trotz allem, eine zukunfts- und tragfähige
Lösung für den Erhalt der Technologie zu finden. Letzteres scheint geglückt, denn die 4 Technology Group, ein Zusammenschluss von vier Unternehmen aus den Bereichen KI und Kommunikation, möchte die bestehenden Partnerschaften und Kundenbeziehungen von Precire erhalten und ausbauen, wie die F.A.Z. schreibt.