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Immer noch dieselben Sorgen

Beim Augenhöhecamp in Düsseldorf brachten die Teilnehmer ihre Themen selbst mit und diskutierten je nach Interesse - ob im großen Plenum...
Beim Augenhöhecamp in Düsseldorf brachten die Teilnehmer ihre Themen selbst mit und diskutierten je nach Interesse – ob im großen Plenum…

Samstag und sommerliches Wetter: nicht die besten Voraussetzungen für eine arbeitsintensive Veranstaltung, könnte man vermuten. Aber das Thema, die unkonventionelle Umgebung eines Coworking-Space und das interaktive Format haben die 70 Teilnehmer des ersten Augenhöhecamp in Düsseldorf bis zum Abend bei der Stange gehalten. HR-Verantwortliche aus mittelständischen Unternehmen und Organisationen, Projektmanager und Mitarbeiter diskutierten leidenschaftlich und ideenreich, was notwendig ist, damit sich Menschen im Berufsleben auf Augenhöhe begegnen. Es war das seit 2015 bundesweit siebte Augenhöhecamp, das bislang stattgefunden hat und das erste in der nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt. 

Teilnehmer bringen Themen mit

Und weil es am besten ist, bei sich selbst mit dem zu beginnen, wozu man andere bewegen will, folgen die Augenhöhecamps einer ganz eigenen Regie: Anstelle von Experten, die über ein Thema referieren, benennen die Teilnehmer selbst, worüber sie diskutieren wollen. “Alle Teilnehmer sind Experten”, lautet das Credo der Initiatoren.

..oder in unterschiedlichen kleineren Sessions.
..oder in unterschiedlichen kleineren Sessions.

“Das Augenhöhecamp ist ein Lernraum”, sagt Silke Luinstra, Geschäftsführende Gesellschafterin der Augenhöheworks GmbH. Ziel ist, dass sich Unternehmer, Geschäftsführer, Organisationsentwickler, Personaler sowie engagierte Mitarbeiter gegenseitig unterstützen, bei der Lösung konkreter Probleme helfen, einander Feedback anbieten und Vorgehensweisen hinterfragen – und manche liebgewonnene Gewohnheit gleich mit. Das habe bei allen bisherigen Augenhöhecamps in Berlin, München, Frankfurt und Hamburg gut funktioniert.

Auch in Düsseldorf hatten die Teilnehmer ihre Themen zügig formuliert. Bewerbungsverfahren auf Augenhöhe, Emotionen am Arbeitsplatz, Unternehmen bewegen – darum kreisten die Debatten.

Hidden Recruitment

Rollenspiele und Assessmentcenter seien kein geeigneter Rahmen, um respektvoll mit Bewerbern umzugehen, waren sich die Diskutanten einig. Die Alternative: Kennenlerntage zum Beispiel, zu denen ein Unternehmen via Homepage und Facebook einlädt, gemeinsame Frühstücke oder Partys mit Bewerbern. Der eher informelle Rahmen schien Teilnehmern ein geeignetes Mittel, um den Stresspegel zu senken und herauszufinden, ob Unternehmen und Kandidat zueinander passen. “Wir versuchen, bei der Mitarbeitersuche neue Wege zu gehen”, erklärt etwa Thomas Suppes, der in einer Digitalagentur das Projektmanagement leitet.

“Wir nutzen zum Beispiel eigene Veranstaltungen bei uns im Haus, um mit unseren Gästen und potentiellen Mitarbeitern über konkrete Themen ins Gespräch zu kommen. Dabei gewinnen die Gäste einen ersten Eindruck von uns. Sie sehen, womit wir uns befassen und wie wir diskutieren.” Welche Jobs in der Agentur aktuell vakant sind, erfahren die Gäste quasi nebenbei. “Auf Überschriften-Ebene finden sich Aushänge der Jobs”, so Suppes. Will heißen: Nur die gesuchten Job-Titel werden ausgehängt (etwa: “Wir suchen einen Software-Entwickler”), ohne weitere Informationen. Die gibt es entweder in den klassischen Stellenausschreibungen, die die Agentur parallel beibehält. Oder der interessierte Gast der Veranstaltung fragt nach.

Gute Ideen zu entwickeln, sei das eine. Kollegen zu ermuntern, sie im Unternehmen zumindest probeweise umzusetzen, sei das andere, resümiert eine Teilnehmerin stellvertretend für viele die Nöte kreativer Personalarbeit. Wie also bewegt man ein 250 Jahre altes Familienunternehmen oder einen internationalen Großkonzern dazu, Prozesse und Strukturen im Recruitment zu verändern und neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln?

Eine Kernfrage, die auch die Initiatoren des Augenhöhecamp umtreibt. “Wir wollen nicht missionieren”, sagt Silke Luinstra. “Mit unseren Aktionen unterstützen wir die Pioniere, die in Unternehmen neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln und umsetzen.”  Beraterin Claudia Schleicher findet, dass das zu wenig ist. “Wir müssen Menschen in Veranstaltungen wie diesem Barcamp dazu verhelfen, erste Erfahrungen zu machen, wie viel Energie bei ko-kreativer und selbstorganisierter Zusammenarbeit entsteht und sie neugierig auf mehr machen.”

Die Praxis überzeugt

Überzeugend sind allemal gelungene Beispiele aus der Praxis. Das hatten die Initiatoren des Projekts “Augenhöhe” selbst erlebt, als sie vor drei Jahren ihren ersten gleichnamigen Film über die Werte der Arbeitswelt im 21. Jahrhundert drehten. Zunächst war es nur eine spontane Idee, beobachtbares Verhalten in drei Minuten filmisch darzustellen. Doch der Trailer stieß auf so viel Resonanz, dass das Team weitermachte. Es entstand das Konzept “Film und Dialog”, die Zahl der Unternehmen, die mitdiskutieren wollten, wuchs. Ein Crowdfunding brachte in kurzer Zeit über 50.000 Euro ein – die größte Crowdfundingaktion im Jahr 2014. Damit war nicht nur der Grundstein für weitere Aktionen gelegt. Vor allem war sie das Signal, dass das Thema “Augenhöhe” auf immenses Interesse stößt. “Die Zeit ist offenbar reif für Veränderungen”, so das selbstbewusste Resümee der Augenhöhe Initiatoren. Das Barcamp in Düsseldorf hat es ein weiteres Mal gezeigt.

Allerdings machten sich die Teilnehmer keine Illusion über die Dicke des Brettes, das sie da bohren. “Ich bin am Ende meines Berufslebens angekommen”, wandte sich ein ehemaliger HR- Verantwortlicher an das Auditorium, “und ich stelle fest, dass es immer noch dieselben Sorgen sind, die uns umtreiben.” Aber: Es werden immer mehr Menschen, die sich in Unternehmen mit den Fragen von Haltung, Kultur und guter Führung befassen. Auch die kommenden > Augenhöhecamps dürften gut besucht sein.

Autorin: Barbara Sommerhoff, freie Journalistin, Düsseldorf

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