Seelische Erkrankungen sind zunehmend ein Männerthema: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres lag ihr Anteil bei 35,5 Prozent derjenigen Berufstätigen, die sich wegen mentaler Leiden wie Depressionen, Burn-out, Angst- und Anpassungsstörungen und Co krankschreiben lassen mussten. Dieser Anteil geht kontinuierlich nach oben –2023 waren es 34,7 Prozent, im Vor-Corona-Jahr 2019 noch 32,4 Prozent. Diese Zahlen hat die KKH Kaufmännische Krankenkasse kürzlich veröffentlicht. Besonders stark gestiegen ist demnach der Anteil der Fehlzeiten bei Männern, die wegen depressiver Episoden im Job ausfallen.
Wie sehr seelische Erkrankungen sich – neben der individuellen Belastung der Betroffenen – auch auf die Arbeitswelt auswirken, zeigt eine Hochrechnung der Krankenkasse: Von Januar bis Ende Juni dieses Jahres entfielen demnach auf 100 Berufstätige gerechnet 388 Fehltage auf seelische Erkrankungen, und eben mehr als ein Drittel davon betrafen Männer.
Mentale Gesundheit ist ein Thema, das am heutigen World Mental Health Day der Weltgesundheitsorganisation viel Aufmerksamkeit bekommt. Die Tabus, die sich trotz aller Fortschritte noch immer um diesen komplexen Bereich ranken, schienen lange vor allem Männer zu betreffen. Die steigenden Zahlen der Krankschreibungen männlicher Beschäftigter deuten auf einen Wandel hin. Grund genug, genauer hinzusehen: Woran liegt es, dass seelische Belastungen Männern heute mehr denn je zuvor zuzusetzen scheinen? Nehmen tatsächlich die Erkrankungen zu – oder wächst eher die Sensibilität für mentale Leiden und die Offenheit, dies auch zu kommunizieren?
Steigende Offenheit im Umgang mit mentalen Problemen
„Ich nehme definitiv eine höhere Offenheit bei Männern wahr, über mentale Gesundheit zu sprechen“ sagt Benjamin Rolff, Trainer und Coach mit Fokus auf gesunde Führung. Dieser Trend verstärke sich mit der zunehmenden gesellschaftlichen und medialen Präsenz des Themas. Rolff beobachtet, dass mit die „Normalisierung von Gesprächen über psychische Belastungen, Stress und persönliche Herausforderungen“ dazu beiträgt, dass auch in Unternehmen mehr Raum für diese Themen entsteht.

Diese Einschätzung teilt auch Stephanie Engelmann, Vorständin der Kaufmännischen Krankenkasse. „Unsere Daten zeigen, dass Männer zunehmend belastet sind, mittlerweile aber auch offener als noch vor ein paar Jahren über psychische Probleme sprechen können und sich professionelle Hilfe suchen. Auch das führt zu vermehrten Diagnosen und Krankschreibungen.“ Diese Enttabuisierung sei ein wichtiges Signal, denn der Anstieg psychischer Belastungen ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das keinen Platz für Stigmatisierungen und Rollenklischees biete. „Jeder sollte sich trauen können, seelische Probleme offen anzusprechen, unabhängig vom Geschlecht“, betont Engelmann.
Benjamin Rolff hat eine weitere Erklärung für die wachsende Offenheit im Umgang mit mentalen Problemen: „Interessanterweise zeigt sich bei jüngeren Generationen eine stärkere Bereitschaft, sich frühzeitig mit diesen Themen auseinanderzusetzen.“ Dieser Wandel, so prophezeit der Experte, werde langfristig nicht nur die Arbeitskultur, sondern auch die Führungslandschaft verändern.
Mehr Stress, mehr Erreichbarkeit, mehr Care-Arbeit
Die stärkere Sensibilisierung und offenere Kommunikation über psychische Erkrankungen sind jedoch keine ausreichenden Erklärungsansätze für die wachsende Zahl von psychischen Erkrankungen von Männern. Die tieferen Ursachen liegen laut der KKH unter anderem im Druck durch die Leistungsgesellschaft. Stress gelte besonders bei Männern vielfach noch immer als Statussymbol und als ein Zeichen von Leistungsfähigkeit. Problematisch seien auch die ständige Erreichbarkeit über Smartphone und digitale Kanäle. Ein weiterer Faktor sind demnach die verschwimmenden Grenzen zwischen Beruf und Privatleben, denn auch wenn Frauen nach wie vor den Großteil der Care-Arbeit erledigen, werden Männer stärker in die Familienpflichten eingebunden als früher. Laut einer forsa-Umfrage im Auftrag der KKH stand Anfang dieses Jahres gut die Hälfte der Väter mit Kindern unter 18 Jahren oft unter hohem Druck und Belastungen; 2019 war es nur rund ein Drittel. Häufiger Ursache für Stress als noch vor fünf Jahren sind bei Vätern mittlerweile die Erziehung und Betreuung der Kinder (45 Prozent zu 33 Prozent) sowie die Arbeitsbelastung im Haushalt (30 zu 16 Prozent).
Coach Benjamin Rolff beobachtet gerade in der mittleren Generation ein Spannungsfeld: „Viele Männer haben weiterhin ein starkes Karrierebewusstsein und spüren den externen Druck, beruflich erfolgreich zu sein. Gleichzeitig wollen sie aber auch eine gleichberechtigte Rolle in der Familie einnehmen und mehr Zeit mit ihren Kindern und Partnerinnen beziehungsweise Partnern verbringen. Dieses Spannungsfeld führt besonders im Alter zwischen 30 und 40 oft zu einer ‚Rushhour des Lebens‘, in der der Stress enorm ansteigt.“
Wie können Führungskräfte und HR gegensteuern?
Die Auswirkungen dieser kritischen Gemengelage für immer mehr Männer ziehen sich bis ins Arbeitsleben durch – und Unternehmen müssen überlegen, wie sie damit umgehen können.
Gerade Führungskräften komme dabei eine wichtige Rolle zu, meint Benjamin Rolff: „Sie haben einen enormen Einfluss darauf, wie Mitarbeitende mit Stress und mentalen Herausforderungen umgehen. Als Führungskraft kann ich einen Rahmen schaffen, in dem gesunde Entscheidungen für die Mitarbeitenden nicht nur möglich, sondern gefördert werden.“ Ein wichtiger Hebel sei dabei die Flexibilität, erklärt der Experte. „Indem ich Autonomie biete, gebe ich meinen Mitarbeitenden die Möglichkeit, ihren Arbeitstag so zu gestalten, dass er ihren persönlichen Bedürfnissen besser entspricht. Das bedeutet, dass sie selbst entscheiden können, wann sie Ruhe- oder Fokuszeiten brauchen oder wie sie ihre familiären und beruflichen Verpflichtungen in Einklang bringen. Diese Flexibilität fördert nicht nur die mentale Gesundheit, sondern steigert auch die Eigenverantwortung.“
Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Mitarbeitenden – Männern wie Frauen – Flexibilität und damit ein gesundes Arbeitsleben ermöglichen, ist eine Aufgabe, die nicht zuletzt HR angeht. Auch eine weitere Maßnahme kann von HR angestoßen und organisiert werden: Die Einführung von Ersthelfern für mentale Gesundheit. „Diese speziell ausgebildeten Vertrauenspersonen können als Ansprechpartner fungieren und helfen, Offenheit und Zugänglichkeit in der Unternehmenskultur zu verankern“, erklärt Benjamin Rolff. Ersthelfer für mentale Gesundheit würden eine wichtige Rolle dabei spielen, das Bewusstsein für mentale Gesundheit zu stärken und die Unterstützung im Arbeitsalltag zu fördern.
Vorbild Führungskraft
Wie die Chefin oder der Chef selbst ihre Arbeit gestalten und auf stressige Situationen reagieren, kann für Mitarbeitende eine wichtige Rolle bei der Bewältigung der eigenen Workload spielen: „Indem man offen darüber spricht, dass Gesundheit, Work-Life-Balance und Familie Prioritäten sind, und dass es nicht immer einfach ist, alles unter einen Hut zu bekommen, gibt man anderen Männern – insbesondere jungen Vätern – das Signal, dass es in Ordnung ist, diese Themen ernst zu nehmen“, rät Benjamin Rolff. Das Vorleben von gesundem Prioritätenmanagement und der Mut, auch mal die Familie vor die Arbeit zu stellen, könne den Umgang mit diesen Spannungsfeldern für Männer in der Arbeitswelt zu erleichtern. Sein Rat: „Es ist wichtig, sich bewusst gegen das Bild der unfehlbaren, stets erfolgreichen Führungskraft zu stellen und dadurch Raum für ehrliche Gespräche und gesunde Entscheidungen zu schaffen.“
Offene Kommunikation ja, aber …
Dass Führungskräften eine Schlüsselrolle für ein gutes Arbeitsklima zukommt, ist eine Binsenweisheit. Die Frage, wie sie konkret agieren und reagieren sollten, wenn bei ihren Mitarbeitenden seelische Probleme auftauchen, hat noch einmal ein anderes Level, das viele überfordert. Um Führungskräfte dabei zu unterstützen, hat beispielsweise das Kompetenzzentrum für Fachkräftesicherung KOFA gerade einen Gesprächsleitfaden veröffentlicht, mit praktischen Ratschlägen von der Vorbereitung eines Gesprächs über sinnvolle Fragestellungen und Gesprächsschritte bis zur Nachbereitung. Die wichtigsten Prinzipien klingen ganz einfach – sind aber in der Umsetzung eher schwierig: „Zeigen Sie echtes Interesse und Verständnis. Vermeiden Sie, den Mitarbeitenden zu drängen oder zu beurteilen.”
Ganz wichtig ist der Hinweise auf die Limitierungen eines solchen Gesprächs: „Nicht diagnostizieren: Sie sind keine medizinische Fachkraft. Vermeiden Sie es, Diagnosen zu stellen oder Ratschläge zur Behandlung zu geben.“
Netzwerke nutzen
Auch wenn mentale Erkrankungen und Probleme heute grundsätzlich offener kommuniziert werden als noch vor wenigen Jahren, ist diese Entwicklung noch längst nicht bei allen Männern angekommen. In einer britischen Studie etwa kam heraus, dass 40 Prozent aller Männer noch nie mit irgendjemandem über ihre mentale Gesundheit gesprochen haben. Ein niedrigschwelliges Angebot, das Betroffene abholt, die im realen Leben vielleicht Gesprächspartner dazu finden, ist beispielsweise das Mental-Health-Portal ‚reality bites‘, eine Plattform, auf der sich Betroffene informieren, miteinander austauschen oder mit Experten vernetzen können. Benjamin Rolff empfiehlt dazu auch Männer- oder Väternetzwerke. Sie böten die Möglichkeit, sich in einem geschützten Raum über diese Herausforderungen auszutauschen und zu erkennen, dass man nicht allein ist.“ Solche Räume helfen Männern, über ihre Gefühle und Bedenken zu sprechen, ohne das Gefühl zu haben, dabei Schwäche zu zeigen.“
Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.

