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Nur jeder Dritte hält seinen Arbeitgeber für integer

Mitarbeiterin schaut Kollegen oder Vorgesetzt zweifeln oder misstrauisch an
Nur jeder sechste Mitarbeiter denkt, dass Kollegen das Richtige für die Kunden des Unternehmens tun.
Foto (CCO): pexels.com

Das Fehlverhalten von Top-Managern, Führungskräften und Mitarbeitern in der Automobil- industrie, bei Banken und in den Medien hat eine Debatte über einwandfreies Verhalten am Arbeitsplatz ausgelöst. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Arbeitnehmer ihren Unternehmen in Sachen Ethik und Moral derzeit kein gutes Zeugnis ausstellen.

Lediglich gut jeder dritte Beschäftigte in Deutschland (37 Prozent) stimmt uneingeschränkt der Aussage zu, dass Unternehmen ihre Kunden niemals belügen oder ihnen relevante Informationen vorenthalten. Im europäischen Schnitt sind es mit 34 Prozent sogar noch weniger. Die meisten Berufstätigen hierzulande sind unsicher, ob ihr Arbeitgeber Kunden immer integer behandelt. Lediglich rund jeder Fünfte (22 Prozent gegenüber 25 Prozent in Europa) glaubt ohne Wenn und Aber, dass sein Unternehmen nicht nur egoistisch nach Profit strebt und den eigenen Vorteil im Blick hat. Das sind Ergebnisse der Studie “The Real Future of Work” von Galllup. Dafür wurden jeweils 1000 Beschäftige ab 18 Jahren in Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien befragt. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die Arbeitnehmerschaft in den jeweiligen Ländern.

Mitarbeiter zweifeln korrektes Verhalten der Kollegen gegenüber Kunden an

Auch das Vertrauen in andere Mitarbeiter ist unter den befragten Arbeitnehmern gering: Nur 17 Prozent der Studienteilnehmer aus Deutschland sind der Meinung, dass ihre Arbeitskollegen das tun, was für die Kunden richtig ist. Vor fünf Jahren war das Vertrauen in die eigenen Kollegen mit 23 Prozent noch größer. Im Durchschnitt der vier befragten Länder ist das Vertrauen in andere Mitarbeiter mit 29 Prozent
etwas stärker ausgeprägt als in deutschen Unternehmen.

Gespräche mit Vorgesetzten über ethische Fragen schaffen Vertrauen

Die Studie zeigt, dass es in hohem Maße von der Kommunikation mit den Führungskräften abhängt, ob Mitarbeiter das Verhalten des Arbeitgebers als integer einstufen. Von jenen Beschäftigten, die sich regelmäßig mit ihrem Vorgesetzten über ethische Fragen austauschen, stimmen in Deutschland 43 Prozent (insgesamt 49 Prozent) der Aussage zu, dass ihr Arbeitgeber Kunden niemals belügen oder Informationen vorenthalten würde, die für sie relevant sind. Ein guter Vorgesetzter muss nach Ansicht der Mitarbeiter auch Fehlverhalten ahnen. Von den Arbeitnehmern, die mit ihrer Führungskraft äußerst zufrieden sind, sind 41 Prozent (in Europa 61 Prozent) der Auffassung, dass der Arbeitgeber auch Fehlverhalten von Kollegen ahndet und das richtige tut. Wird der eigene Chef als schlecht empfunden, sind in Deutschland nur 22 Prozent (in allen Ländern 20 Prozent) dieser Meinung.

Mitarbeiter müssen sensibilisiert und angehalten werden, ihren eigenen moralischen Kompass bei der Arbeit zu nutzen. Hier ist der direkte Vorgesetze das A und O – auch in modernen Unternehmen, die auf Eigenverantwortung und nicht hierarchiebezogene Denkweisen setzen,

sagt Marco Nink, Lead Research & Analytics EMEA bei Gallup und Mitautor der Studie. Dabei sei wichtig, dass Teammitglieder jederzeit gegenüber ihrem direkten Vorgesetzten Bedenken äußern dürfen. Eine Gallup-Studie von 2016 hatte ergeben, dass jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland dem eigenen Vorgesetzten schwere Bedenken zur Unternehmensentwicklung mindestens einmal in den vergangenen zwölf Monaten verschwiegen hatte. Jeder Fünfte gab sogar an, regelmäßig zu schweigen. Diese Mitarbeiter lebten, so Nink, in einer Angstkultur und machten Probleme und Fehler deshalb nicht transparent.

Compliance-Schulungen allein helfen nicht

Es kommt also vor allem auf offene Kommunikation an. Was dagegen bislang nicht zum gewünschen Erfolg geführt hat, sind Compliance-Programme, wie die Studie feststellt: Um Einstellung und ethisches Verhalten der Mitarbeiter zu verbessern, bieten Unternehmen häufig Schulungen an. 28 Prozent der deutschen Beschäftigten haben im letzten Jahr an einer Compliance- oder Ethikschulung teilgenommen (in Europa 39 Prozent). Doch offenbar wirken sich diese Schulungen nicht auf die Einschätzung der Mitarbeiter hinsichtlich des ethischen Verhaltens des Arbeitgebers aus. Von den Mitarbeitern in Europa, die an solchen Programmen teilnahmen, stimmen 35 Prozent uneingeschränkt zu, dass das eigene Unternehmen seine Kunden niemals belügen oder Informationen vorenthalten würde, während es bei Mitarbeitern ohne Schulungen kaum weniger sind (33 Prozent).Werte und richtiges Verhalten erprobten sich im Alltag, so Marco Nink. Menschen bräuchten Offenheit und Dialog, um sich gegenseitig zu vertrauen.

Mehr Informationen sind > hier auf Englisch abrufbar.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.

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