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Was Personaler und Führungskräfte aus dem „Ruhetage“-Rückzieher lernen können

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin und Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz
Diskussionen bis tief in die Nacht: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin und Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz. (Foto: Bundesregierung/Jesco Denzel)

Manch eine Personalabteilung wird am Mittwochvormittag aufgeatmet haben, als Bundeskanzlerin Angela Merkel die geplanten “Ruhetage” über Ostern wieder kassierte. Schließlich wusste auch zu diesem Zeitpunkt, mehr als 24 Stunden nach der ursprünglichen Entscheidung – und nur 8 Tage vor dem betroffenen Gründonnerstag – kaum jemand, was der arbeitsrechtlich nicht definierte Begriff “Ruhetag” eigentlich bedeutet. Für den Rückzieher und die Entschuldigung für den (von Merkel in beklemmender Deutlichkeit als solchen bezeichneten) “Fehler” hat die Bundeskanzlerin viel Lob aus der Wirtschaft bekommen. Auch im Bundestag zollte man ihr bei aller Kritik quer durch die Fraktionen Respekt für das Eingeständnis.

Jetzt wird zurecht von ihr (und den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten) gefordert, aus diesem Fehler zu lernen. Aber auch außenstehende Personalerinnen und Personaler sowie Führungskräfte ganz allgemein können aus den Fehlern und dem Umgang mit ihnen etwas lernen – völlig unabhängig davon, wie sie die Corona-Politik in Deutschland bewerten.

Meetingkultur: Halb drei morgens ist keine gute Zeit für Entscheidungen!

Nach allem, was man weiß, kam der Vorschlag, an Gründonnerstag einen “Ruhetag” einzuführen, erst um halb drei am Dienstagmorgen. Da hatte die Ministerpräsidenten-Konferenz (MPK) schon seit Stunden getagt und noch länger pausiert, um in kleineren Gruppen zu diskutieren. Dass um diese Uhrzeit nicht mehr die besten Ideen auf den Tisch kommen, ist eigentlich wenig überraschend – und gilt genauso für den Geschäftsalltag. Klar, manchmal muss dringlich eine Entscheidung gefällt und zügig verkündet werden. In  aller Regel ist es aber besser, diese zu vertagen und eine Nacht drüber zu schlafen.

Vorbereitungskultur: Immer einen Plan B haben!

Wäre der Wunsch der Kanzlerin nach Ausgangssperren durchsetzbar gewesen, wäre es vermutlich niemals zu dem Vorschlag “Ruhetage” gekommen. Schon Tage vor der MPK-Runde am Montag war durchgesickert, dass die Bundeskanzlerin sich wünschte, dass schon ab einer Inzidenz von 100 die Menschen nachts zu Hause bleiben müssen. Es war aber auch klar, dass zu viele Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten gegen diesen Vorschlag waren. Eigentlich hätte es also einen ausgereiften Plan B geben müssen, während das “Ruhetag”-Konzept wie ein unausgegorener Schnellschuss wirkte. Nicht nur, weil er erst mitten in der Nacht auf den Tisch kam. Sondern auch und vor allem, weil Vorschläge, die in solchen Runden zur Sprache kommen, normalerweise im Vorfeld in den beteiligten Ministerien beziehungsweise dem Kanzleramt durch viele Hände gehen – damit zum Beispiel keine nicht definierten juristischen Begriffe und Konzepte verwendet werden. Und auch die – unvergleichbar schnelle – Entscheidung, den Plan zurückzunehmen, deutet in diese Richtung. Ein wirklich durchsetzbarer und vernünftiger Plan B, schon vor der Runde zumindest in Grundzügen ausgearbeitet, hätte hier Not getan, und ist auch im Geschäftsleben immer eine gute Idee. Denn sonst steht man da wie die Politik jetzt: ohne Alternative. Und ziemlich belämmert.

Kommunikationskultur: Entscheidungen müssen verständlich sein!

Der vielleicht größte Kritikpunkt an den Ruhetags-Plänen war, dass wie erwähnt nicht definiert war, was mit dem Begriff eigentlich gemeint ist: Feiertage, an denen die Belegschaft frei hat oder Freizeitausgleich und Feiertagszuschlag bekommt? Oder nur Tage, an denen Unternehmen dringend gebeten werden, Betriebsferien auszurufen? Selbst erfahrene Arbeitsrechtler konnten diese Fragen nicht beantworten, weshalb es Unternehmen sehr schwergefallen wäre, so unklar formulierte Vorgaben umzusetzen. Während es bei Gesetzen und Verordnungen eigentlich sogar verfassungsrechtlich geboten ist, dass sie klar und deutlich sein müssen, ist das bei Weisungen und Entscheidungen in Unternehmen ebenfalls dringend geboten. Denn nur so können sie auch umgesetzt werden.

Fehlerkultur: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung!

Nach der Kritik am Dienstag folgte am Mittwoch auch Lob. Lob dafür, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht nur die unausgegorenen Pläne zurücknahm, sondern sich auch dafür ausdrücklich entschuldigte und sogar alle Schuld an der Fehlentscheidung auf sich nahm – auch wenn mindestens 16 Männer und Frauen genauso verantwortlich sind. Die Bitte um Verzeihung wurde ihr als “wahre Größe” ausgelegt und könnte den (mittlerweile vielerorts angeschlagenen) Respekt vor der Bundeskanzlerin nachhaltig verbessern. Denn dass niemand unfehlbar ist, wissen eigentlich alle. Jetzt hat es die Politik in Person der Bundeskanzlerin öffentlich eingesehen – und den Fehler noch korrigiert, bevor er nicht mehr korrigierbar war. Natürlich muss jetzt der zweite Schritt folgen, nämlich, dass die Bundes- und Landesregierungen aus dem Fehler lernen. Wenn das passiert, hat Angela Merkel demonstriert, was in der Wirtschaftswelt unter dem Stichwort “Fehlerkultur” seit Jahren gefordert wird – und bis heute nur selten in der Realität zu finden ist.

 

Ist Chef vom Dienst der Personalwirtschaft Online und kümmert sich unter anderem um die Themenplanung der Webseite. Texte schreibt er vor allem über Themen aus den Bereichen Arbeitsrecht, Digitalisierung und dem Mittelstand.

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