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Employer Branding: So meistert HR Algorithmus und Empathie

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Maria sitzt im monatlichen Teammeeting. Auf dem Bildschirm prangt der Schriftzug: „SAIRA – unser neuer AI-Accounting Assistant“. Ihr Vorgesetzter spricht begeistert: „SAIRA wird künftig die Kreditoren- und Debitorenbuchhaltung automatisieren. Sie erkennt Anomalien, gleicht Zahlungen ab und erstellt Monatsabschlüsse – schneller und präziser, als wir es je könnten.“ Maria hört zu. Sie denkt an die Nächte, in denen sie manuell Excel-Fehler gesucht hat. An die Zeit, die sie mit Routinetätigkeiten verbracht hat. Eigentlich klingt das großartig.

Doch dann meldet sich ein anderer Gedanke: Was, wenn SAIRA all das tatsächlich völlig eigenständig übernimmt? Was bleibt dann noch von meiner Arbeit? Die Gedanken drehen sich weiter. Was passiert, wenn ich kurzfristig Zeit für meine pflegebedürftige Mutter brauche? SAIRA arbeitet nach Vorschrift. Menschen hätten Verständnis. Hat eine Maschine das auch? Und dann wieder die andere Seite: Vielleicht ist es gerade eine Chance. Vielleicht habe ich dann mehr Zeit für meine Mama.

Zwei Seiten derselben Medaille: Effizienz und Empathie

Marias Gedanken sind ambivalent – und genau darin liegt ihr Kern. Denn es gibt gute Gründe für diese Entwicklung. Automatisierung beseitigt monotone, fehleranfällige Aufgaben. Sie reduziert Wartezeiten, schafft Transparenz und kann Fairness fördern.

Bei der Deutschen Bahn hat die Automatisierung im Recruiting die Bearbeitungszeit eingehender Bewerbungen um ein Drittel verkürzt – ein klarer Mehrwert für Bewerbende und HR. Ähnliche Effizienzgewinne zeigen sich im Gesundheitswesen bei der Diagnostik-Unterstützung, in der Logistik bei der Routenoptimierung oder im Customer Service bei der Bearbeitung von Standardanfragen.

Die technisch-prozessuale Seite ist gut dokumentiert: messbar, nachweisbar, effizient. Doch wo Effizienz Einzug hält, entsteht häufig eine Lücke auf der menschlich-emotionalen Ebene. Während Unternehmen in Hochglanzkampagnen von Empathie, Vertrauen und Menschlichkeit sprechen, werden parallel Prozesse digitalisiert, die früher menschliche Begegnung, Einschätzung und Ermessensspielräume ermöglichten.

Ein Algorithmus bewertet nach Regeln. Ein Mensch nach Kontext. Ein System arbeitet nach Vorschrift. Ein Mensch mit Verständnis. Die Frage ist daher nicht, ob wir Automatisierung brauchen, sondern wie wir verhindern, dass sie das Menschliche verdrängt.

Was auf dem Spiel steht: Vertrauen

Wenn Buchhalterinnen, Recruiter oder HR-Business-Partner erleben, dass ein Algorithmus ihre Aufgaben schneller erledigt, stellt sich unweigerlich eine Frage: Bin ich als Mensch bald verzichtbar?

Seit ChatGPT Ende 2022 einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wurde, ist diese Frage omnipräsent. Sie wird oft gestellt – vielleicht zu oft. Aber sie ist berechtigt. Denn sie ist kein technologischer Widerstand, sondern ein zutiefst menschlicher Reflex. Es geht um Vertrauen. Und um die Frage: Sieht mich dieses Unternehmen noch als Mensch? Oder nur noch als Kostenfaktor?

Vertrauen entsteht nicht aus Effizienz, sondern aus Verständnis. Und genau darauf basiert Employer Branding. Wenn Mitarbeitende das Gefühl haben, dass ihre individuellen Lebensumstände, ihre Erfahrung und ihr Urteilsvermögen keine Rolle mehr spielen, weil ein System schneller ist, verliert die Arbeitgebermarke an Glaubwürdigkeit. Dann wird aus einem Versprechen eine Marketinghülle. Und für eine leere Hülle arbeitet niemand gern – geschweige denn engagiert.

Was Employer Branding jetzt leisten muss

Automatisierung verlangt von Arbeitgebern mehr als Prozessoptimierung. Sie erfordert Haltung. Vier Dimensionen sind dabei entscheidend:

Transparenz: Offenlegen, wo KI eingesetzt wird – und warum. Nicht als Drohung, sondern als Einladung zum Dialog.

Wertschätzung: Kommunikation, die deutlich macht, dass Technologie unterstützt, nicht ersetzt. Dass menschliches Urteilsvermögen, Erfahrung und Empathie unverzichtbar bleiben.

Weiterentwicklung: Angebote, die Mitarbeitende befähigen, mit KI zu wachsen, statt ihr zu weichen. Lernen als gemeinsamer Prozess, nicht als individuelles Risiko.

Vertrauen: Führung, die Verantwortung nicht an Algorithmen delegiert. Die in Situationen wie Krankheit, Pflege oder persönlichen Krisen menschlich entscheidet – nicht nach starrem Regelwerk.

Diese Dimensionen sind keine abstrakte HR-Theorie, sondern das neue Fundament von Employer Branding. Arbeitgeber, die sie sichtbar leben, gewinnen Vertrauen. Die anderen verlieren Talente. Denn eine Arbeitgebermarke, die technologische Effizienz mit menschlicher Verantwortung verbindet, wirkt glaubwürdig – nach innen wie nach außen.

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Marias Erkenntnis

Am Abend schließt Maria ihre letzte manuelle Buchung ab. SAIRA hat den nächsten Monatsabschluss bereits vorbereitet. Auf dem Bildschirm erscheint die Nachricht:
„Transaktion erfolgreich abgeschlossen. Effizienzsteigerung: 32 Prozent.“

Maria lächelt. Sie weiß, dass sie morgen mehr Zeit haben wird – für Analysen, Gespräche, Entscheidungen, die Kontext erfordern. Für Aufgaben, die keine Maschine leisten kann. Und die Zeit für ihre Mutter? Die hat sie sich genommen. Nicht, weil SAIRA es erlaubt hätte, sondern weil ihre Führungskraft verstanden hat, dass nicht alles, was zählt, eine Kennzahl ist.

Maria schreibt in ihr Notizbuch: „32 Prozent effizienter. Aber zu 100 Prozent Mensch geblieben. SAIRA rechnet. Ich entscheide. Das kann funktionieren – aber nur mit Führung, die versteht, dass Menschen keine Algorithmen sind.“

Menschliche Dimension bleibt konstant

Marias Zweifel sind kein Einzelfall. Tausende Mitarbeitende stellen sich diese Frage gerade jetzt: Werde ich noch gebraucht? Während KI-Systeme schneller, klüger und leistungsfähiger werden, bleibt eines konstant: die menschliche Dimension. Sie skaliert nicht exponentiell. Sie muss gepflegt, geschützt und sichtbar gemacht werden.

Für Employer Branding heißt das: Arbeitgeber müssen zeigen, dass Menschen mehr sind als Effizienzfaktoren. Wer das versäumt, verliert sie an Unternehmen, die das verstanden haben. Technik entwickelt sich von selbst weiter. Menschlichkeit nicht. Sie ist keine Kennzahl – aber sie ist das, was am Ende zählt.

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Employer Branding für KMU

Marcus Merheim ist Gründer und Geschäftsführer von hooman Employer Marketing. In den vergangenen Monaten hat er an dieser Stelle erklärt, wie Mittelständler mit limitierten Ressourcen eine erfolgreiche Arbeitgeberidentität schaffen und eine entsprechende Strategie implementieren können.