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Abschlüsse und Zertifikate sind bei IT-Fachkräften nicht das Wichtigste

Die Experten beim Round Table sind sich einig: Die IT-Welt sollte so vielen Menschen wie möglich als Arbeitsstätte zugänglich gemacht werden. (Foto: Adobe Stock)
Die Experten beim Round Table sind sich einig: Die IT-Welt sollte so vielen Menschen wie möglich als Arbeitsstätte zugänglich gemacht werden. (Foto: Adobe Stock)

Die Suche nach ausgebildeten IT-Spezialisten ist schwierig – so sehr, dass der hinsichtlich des Lebenslaufs “perfekte” IT-Mitarbeitende kaum zu bekommen ist. Deshalb muss man das Feld für jede und jeden öffnen, die oder der in der IT-Welt arbeiten möchte, so die Erkenntnis aus dem Personalwirtschaft-Round-Table zum Thema Recruiting von IT-Fachkräften.

“Wir brauchen eine Demokratisierung in der Branche und müssen jedem, der in die IT-Branche will, eine Chance geben”, sagt Philipp Leipold, Geschäftsführer der AW Academy. Genauer genommen müsse sich am Motto “Hire for Attitude” orientiert und auch Leute eingestellt werden, die nicht über den optimalen Lebenslauf verfügen oder die spezielle Erfahrung für den betreffenden Bereich gesammelt haben. Es gelte jetzt vor allem auch Generalisten zu finden, die Basics des jeweiligen Aufgabenfelds kennen und bereit sind, sich alles andere Nötige beizubringen. “Generalisten werden von den Unternehmen langfristig am meisten geschätzt werden”, ist sich Leipold sicher. Sie seien es, die die Digitalisierung auf allen Ebenen ermöglichen werden und je nach Umständen von einer Position zur nächsten mit wenig Aufwand und einer großen Lernbereitschaft wechseln können.

Gewisse Qualifikationen sollten sie dennoch mitbringen. “Obwohl die Nachfrage und der Wunsch nach einem schnellen Projektstart aktuell sehr groß sind, vernachlässigen wir nicht die Qualitätssicherung der von uns vorgestellten Berater-Profile”, sagt Alexander Raschke, Vorstand beim IT-Personaldienstleister Etengo. “Wir stellen stets mehrere und zunehmend auch vielfältige Profile vor.

Alternative Lebensläufe akzeptieren

Auch Jürgen Heidenreich, Fachreferent und Ausbildungsexperte bei der Techniker Krankenkasse, sieht wenig Sinn darin, ITlerinnen und ITler abhängig von ihren Abschlüssen und Zertifikaten einzustellen. Das sei in der IT-Welt schon recht gut angekommen. “In allen anderen Branchen brauchen sie Nachweise für ihre Qualifikationen – beispielsweise in Form von Abschlüssen. Der ITler braucht dies nicht”, sagt Heidenreich. Auch Fachkräfte aus dem Ausland sollten Zugang zur deutschen IT-Branche erhalten. 

Die Kultur der IT-Welt ist international.

Dabei sollte es auch keine Rolle spielen, ob die IT-Kraft perfektes Deutsch beherrscht. “Die IT spricht Englisch, auf der anderen Seite wollen Unternehmen ein C1-Zertifikat für Deutsch von den Mitarbeitenden sehen – das ist ein Paradox”, sagt Philipp Leipold. Jürgen Heidenreich ergänzt: “Außerdem gibt es Vermittler in Unternehmen, die beide Sprachen beherrschen.” Frank Eckes, Geschäftsführer bei Allgeier Experts fügt hinzu: “Ich sehe in der IT-Branche überhaupt kein Problem mit der Einstellung von Kolleginnen und Kollegen, die aus dem Ausland kommen. Die Kultur der IT-Welt ist international.”

Ganz so leicht sei die Integration von ausländischen Fachkräften aber doch nicht, sagt Jan Kirchner, Geschäftsführer der Wollmilchsau. Denn neben sprachlichen Barrieren gebe es auch kulturelle Hindernisse und die beträfen neben kleinen und mittelständische Unternehmen (KMU) teilweise auch Konzerne. “Je nach Markt-Ausrichtung des Unternehmens sprechen nicht alle Mitarbeitenden Englisch oder Führungskräfte erwarten Reportings in Landessprache. Das macht es dann schwer, ausländische Fachkräfte zu integrieren.”

Zeit und Verständnis kann viel bewirken

Ein richtiger Change Prozess und die Bereitschaft zu einem Mentalitätswandel könnten hier Abhilfe schaffen. “Alle Grenzen, die wir hier besprechen, sind psychologisch”, so Leipold. Sei ein Unternehmen bereit, etwas Zeit zu investieren und Verständnis für den einzelnen Mitarbeitenden aufzubringen, dann sei ziemlich viel möglich.

Für ein komplettes Umdenken spricht sich Wolfgang Achilles, Geschäftsführer von Jobware, aus. Er ist überzeugt: “Wenn die ITler teurer und rarer werden, dann muss man reagieren und sich andere Lösungen schaffen.” Konkret zähle dazu eine Umverteilung der Aufgaben der IT-Fachkräfte. “Es laufen derzeit IT-Administratoren kilometerlang zu Schreibtischen, weil der Stecker nicht in der Steckdose ist oder weil die Reinigungskraft aus Versehen den Drucker ausgeschaltet hat. Dieses Basiswissen von elektronischen Endgeräten und Software muss in den Kopf jedes Mitarbeiters”, beschreibt Achilles das Problem, das derzeit in vielen Unternehmen vorhanden sei. Wenn jeder Mitarbeitende sich ein IT-Basiswissen aneignen würde, bräuchte man auch nicht so viele ITlerinnen und ITler. Und man könnte vorhandene Fachkräfte effizienter einsetzen.  

Hier geht es zurück zum Special Recruiting von IT-Fachkräften.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.

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