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Stellenanzeigen: Kandidaten doppelt so häufig geduzt wie vor drei Jahren

Duzen in Stellenanzeigen
Heute werden Kandidaten in Jobinseraten wesentlich öfter informell angesprochen als vor drei Jahren.
Foto: © gguy-stock.adobe.com

Die formelle Ansprache von Mitarbeitern befindet sich in vielen Unternehmen auf dem Rückzug. Seit 2018 zeichnet sich auch im Recruiting der Trend ab, dass Jobsuchende nicht gesiezt, sondern geduzt werden. Das gilt nicht etwa nur für die ganz jungen Zielgruppen.

Die Jobseite Indeed hat zwischen August 2018 und August 2021 untersucht,
wie hoch hierzulande der Anteil der Jobinserate ist, die in der
Stellenbeschreibung die Ansprache “Du” enthalten. Außerdem wurden die
Berufe ermittelt, in denen dies am häufigsten der Fall ist.

Duzen in Jobanzeigen seit 2018 auf fast ein Viertel gestiegen

Die Auswertung zeigt, dass potenzielle Bewerber vor drei Jahren erst in 13 Prozent der Stellenanzeigen geduzt wurden. Seitdem ist der Anteil auf fast ein Viertel (24,2 Prozent) gestiegen – das ist fast eine Verdoppelung. Insofern kann man hier von einem echten Trend sprechen. Dieser ist beispielsweise auch in unserem Nachbarland Schweiz zu beobachten. Zwar erfolgt die Erstansprache dort deutlich weniger oft per Du, aber der Anteil ist bei deutschsprachigen Jobinseraten im gleichen Zeitraum von 8,7 auf 16,9 Prozent gestiegen und hat sich damit ebenfalls fast verdoppelt.

Informelle Ansprache nicht nur bei Berufsanfängern

In Deutschland werden in erster Linie Schüler für entsprechende Jobs in Filialen geduzt und zwar in hundert Prozent aller Inserate. An zweiter Stelle stehen Stellenangebote im Rahmen des Abiturientenprogramms zur Führungskraft mit 99,8 Prozent. Knapp dahinter rangieren Inserate für Azubis in den Bereichen Drogerie (99,7 Prozent) und im Einzelhandel (99,4 Prozent), aber auch Junior-Finanzberater werden – ebenso in 99,4 Prozent der Jobangebote – geduzt. Zu den am häufigsten informell angesprochenen Zielgruppen gehören außerdem unter anderem kaufmännische Assistenten (98,2 Prozent), Be- und Entladehelfer (97,8 Prozent) und Mitarbeiter im kaufmännischen Verkehrsservice (97,2 Prozent) oder – nicht überraschend – Schülerpraktikanten (93,1 Prozent). Aber selbst Growth Manager (92,6 Prozent) sowie Berater für Informations- und Datenstrategie (90,1 Prozent) werden informell angesprochen. Insgesamt werden Berufseinsteiger erwartungsgemäß besonders häufig geduzt. Bei Stellenangeboten für Azubis trifft das auf insgesamt knapp zwei Drittel (64 Prozent) der Inserate zu, bei Anwärtern für Praktikumsplätze zu 51 Prozent und bei Hochschulabsolventen liegt der Anteil informeller Ansprache bei 43 Prozent.

Der Umgang zwischen Berufstätigen und Arbeitgebern hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Eine Ansprache per Du wurde in der Vergangenheit oft als unhöflich oder gar respektlos interpretiert. Heute ist das anders: Je nach Branche, Zielgruppe und Position ist die informelle Ansprache ein Teil der Unternehmenskultur,

kommentiert Frank Hensgens, Geschäftsführer Indeed DACH, die Ergebnisse der Analyse. Das Duzen könne sogar dabei helfen, Barrieren abzubauen und das Wir-Gefühl zu stärken, was vorwiegend bei Berufseinsteigern und jüngeren Mitarbeitern sehr gut ankomme.

Die Frage ist, ob vielleicht auch die Corona-Krise dazu beigetragen haben könnte, dass sich das Duzen in der letzten Zeit so stark verbreitet hat, dafür müsste man jedoch den Anstieg seit 2020 kennen. Denkbar wäre, dass Unternehmen in der oft unpersönlichen und distanzierten Bewerbungswelt der letzten Zeit vielleicht versuchen, dem durch eine vertraulich klingende Ansprache entgegenzuwirken.

Bewerberansprache muss zur Unternehmenskultur passen

Unabhängig davon gibt Hensgens zu bedenken, dass die Form der Ansprache auch zur Unternehmenskultur passten muss. Es ergebe keinen Sinn, Kandidaten zu duzen, wenn ansonsten das Sie der verbreitete Standard sei, denn damit würden bei Bewerbern nur falsche Erwartungen geschürt, die gegebenenfalls zu Enttäuschungen führen könnten.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.