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„Das Ausmaß des Fachkräftemangels wird zum Teil unterschätzt“

Dr. Stefan Döring
“Es ist doch wichtig, zu wissen, mit wenn man 8 Stunden am Tag zusammenarbeiten soll”: Dr. Stefan Döring ist Experte für die Personalarbeit im öffentlichen Dienst. (Foto: Döring)

Personalwirtschaft: Der Fachkräftemangel ist endgültig auch im öffentlichen Dienst angekommen. Haben die Arbeitgeber das erkannt und arbeiten dagegen?
Dr. Stefan Döring: Ja, der Fachkräftemangel ist fast überall Thema. Aber das Ausmaß wird zum Teil unterschätzt. Daher wird noch nicht so aktiv gegen gesteuert, wie man es tun müsste. Da passiert zu wenig und zu spät. Es gibt sie außerdem immer noch: Die Arbeitgeber, die meinen, das sie attraktiv genug sind, dass sie das Problem nicht betrifft.

Besonders schwierig ist die Rekrutierung in “umkämpften” Bereichen wie der IT. Haben öffentliche Arbeitgeber, die ja unter anderem an Tarifverträge gebunden sind, hier überhaupt eine Chance?
Auch bei und außerhalb von Tarifverträgen gibt es Spielräume. Dennoch ist es richtig, dass der Public Sector bestimmte Gehaltsentwicklungen nach oben nicht mitmachen kann. Aber für viele Menschen ist Geld auch nicht alles. Sinn, Spaß, Herausforderung, Heimat und Familie sind ebenfalls gute Argumente, die viele Kandidaten auch auf deutliche Anteile am Gehalt verzichten lassen. Umso wichtiger ist es in der Personalwerbung klar zu machen, was man bietet und wen man sucht. IT-Fachkräfte zu gewinnen, ist nicht einfach. Aber es geht durchaus!

Meistens wird in Jobanzeigen und Kampagnen vor allem auf die Familienfreundlichkeit und die Jobsicherheit eingegangen. Welche Aspekte kommen dabei gerne zu kurz?
Kultur, Führungsverhalten und Wir-Gefühl sind häufig zu wenig geschärft. Das ist alles zu sehr Einheitsbrei. Auch fehlt es mir oft an strategischer Ausrichtung. Worauf zielt das Arbeiten bei dem Arbeitgeber ab? Wo geht die Reise hin und was kann der individuelle Beitrag dazu sein? Ich finde es regelmäßig schade, dass Führungskraft und das Team, in dem die Vakanz besteht, so wenig sichtbar werden. Es ist doch wichtig, zu wissen, mit wenn man 8 Stunden am Tag zusammenarbeiten soll.

Können sich einzelne öffentliche Arbeitgeber so auch voneinander abheben? Schließlich konkurrieren zum Beispiel verschiedene Kommunen oft um die gleichen Fachkräfte …
Unbedingt! Die eine Behörde bietet Homeoffice mit viel Vertrauensvorschuss, die direkte Konkurrenz verlangt Büroanwesenheit mit engmaschiger Dienstaufsicht. Unternehmens- und Führungskultur unterscheiden sich überall und in vielfältiger Weise. Hinzu kommt das Wir-Gefühl, der Zusammenhalt und die Stimmung im Team. Auch die Arbeitgeberleistungen sind jeweils andere. Da können manchmal Kleinigkeiten den Ausschlag geben. Diese Unterschiede sichtbar zu machen, ist die Herausforderung im Employer Branding. Wer abkürzt und nur die üblichen Plattitüden wie “Sinn” und “Sicherheit” kommuniziert, dem gelingt die Differenzierung natürlich nicht.

Welche Rolle spielen hier von den Personalabteilungen nicht zu kontrollierende Aspekte, wie zum Beispiel die geografische Lage oder die Größe einer Kommune?
Heimat ist individuell verschieden und Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Eine Großstadt kann zu hohe Lebenshaltungskosten haben und die ländliche Kommune günstiges Bauland. Man kann also nicht objektiv sagen, dass die eine Region attraktiver ist, als die andere. Es geht auch hier darum, die Vorteile sichtbar zu machen und vor allem die Zielgruppen zu definieren.

Und wie sieht es mit politischen Veränderungen an der Spitze einer Verwaltung zum Beispiel nach einer Bürgermeisterwahl aus?
Gestern noch Gewerbegebiet, heute Naturschutzzone. So krass ist es nicht, aber wenn sich durch Wahl die Politik neu zusammensetzt, hat das Auswirkungen auf die Arbeit der Verwaltung. Das betrifft aber auch die Wirtschaft im gleichen Maße, wenn die Geschäftsführung wechselt. Die Herausforderungen sind da ähnlich. Das deswegen die Leute massenhaft hinschmeißen, ist eher selten.

Was können öffentliche Arbeitgeber im Kampf gegen den Fachkräftemangel noch tun?
Letztlich vermisse ich die Ansprache des Bestandspersonals. Der Fokus wird leider oft einseitig auf die externe Personalgewinnung gelegt. Personalmarketing nach innen, um Fluktuation zu verhindern, zahlt sich in Zeiten des Fachkräftemangels aus und sollte mehr Bedeutung beigemessen werden.

Zur Person

Dr. Stefan Döring ist Beamter und daneben einer der führenden Experten für die Personalarbeit bei der öffentlichen Hand. Auf seiner Webseite schreibt er unter anderem darüber, wie Kommunen und andere öffentliche Arbeitgeber ihr Recruiting und ihre Arbeitgebermarke verbessern können.


Titel Personalwirtschaft 06/2021

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Ist Chef vom Dienst der Personalwirtschaft Online und kümmert sich unter anderem um die Themenplanung der Webseite. Texte schreibt er vor allem über Themen aus den Bereichen Arbeitsrecht, Digitalisierung und dem Mittelstand.