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Round Table Employer Branding 2021

Menschen arbeiten gemeinsam
Foto: © VectorMine /stock.adobe.com

Und davon gibt es eine Menge. So wurde schnell deutlich, dass klassische Prozesse und Strukturen vielfach nicht mehr flexibel genug für eine sich stetig verändernde Welt sind – auch ohne Corona. Ob agile Arbeitsweisen oder ein Wechsel zwischen eher hierarchischen und teamorientierten Führungsstilen – hilfreich ist, was die Situation erfordert und zum jeweiligen Unternehmen passt. Wer das bereits vor der Krise erkannt hatte und auf Vertrauen statt auf Misstrauen setzte, kam besser durch sie durch. Eine Erkenntnis lobten alle Teilnehmenden: Wenn man will, geht vieles. Das gilt für Freigabeprozesse, die plötzlich enorm an Geschwindigkeit gewannen, ebenso wie beispielsweise für das Arbeiten von zu Hause aus. Dass sich dieses Rad komplett zurückdrehen lässt, glaubt niemand mehr.

Das Neue muss nicht gleich als positiv oder negativ bewertet werden, aber es ist nun einmal anders. Das macht neue Führungsansätze und Instrumente, bei manchen Menschen auch ein neues Mindset nötig. Nicht jede freie Minute mit Videokonferenzen belegen, für sozialen Austausch abseits der Arbeit sorgen – das sind nur zwei Learnings aus einer überwiegend virtuell geführten Teamkommunikation. Zudem haben die Expertin und die Experten beobachtet, dass die Inhalte wichtiger werden. Das Meeting-Geplänkel fällt vielfach weg, und auch Bewerbende wollen mittlerweile schon vorher sehr genau wissen, auf welchen Arbeitgeber sie sich gegebenenfalls einlassen – wofür er steht, was er bietet, wie er sich engagiert.

Culture eats strategy for breakfast

Eine Aufgabe, wie maßgeschneidert für das Recruiting. Aber auch eine arbeitsreiche. Zudem rückt die Unternehmenskultur noch stärker in den Mittelpunkt. Sie wird noch erfolgsrelevanter, als sie es ohnehin schon ist. Sie ist ein starkes verbindendes Element, wenn die Mitarbeitenden räumlich getrennt voneinander tätig sind. Diese Kräfte sollte man keinesfalls unterschätzen: So hat sich in vielen Betrieben vor allem im ersten Lockdown gezeigt, wie viel Empathie und Hilfsbereitschaft in den meisten Menschen steckt, es entstand ein neues “Wir”-Gefühl.

Nicht alles Neue ist aber auch sinnvoll. Die Verlockung ist beispielsweise groß, Software dort zu nutzen, wo man es kann. Sie umweht der Nimbus von Modernität. Unter dem Strich kommt es aber nach wie vor darauf an, was im konkreten Fall hilft. Ein Blick auf die Arbeits- und Teamorganisation hilft weiter. Sich selbst organisierende Teams dürften auch mit virtueller Kommunikation wenig Schwierigkeiten haben, während man von Mitarbeitenden, die 2020 zum ersten Mal überhaupt eine Homeoffice-Erfahrung gemacht haben, noch keine Virtuosität in diesem Bereich erwarten darf. Abgesehen davon gibt es grundsätzlich auch Menschen, die mit digitalen Tools nicht viel anfangen können. Das kann sich ändern, aber nicht von heute auf morgen und selten, ohne sie zu coachen und zu schulen. Hinzu kommt, dass manche Themen, kreative oder sensible zum Beispiel, besser persönlich diskutiert werden sollten, auch wenn es anders ginge. Zu groß ist ansonsten der Verlust von Körpersprache, der Gestik und Mimik für das Gegenüber, wenn es nur einen Bildschirmausschnitt sieht.

Fachkräfte als Stütze der Gesellschaft

Der Blick der Teilnehmenden am Round Table richtete sich zeitweise auch auf nichtakademische Fachkräfte, und das aus gutem Grund. Sie werden bei Gesprächen über die Zukunft der Arbeit bislang meist etwas zu wenig beachtet, obwohl sie die Mehrheit der Erwerbstätigen stellen. Zudem haben sie in vielen Branchen das System während der Pandemie am Laufen gehalten. An vorderster Front waren das unter anderem die Pflegekräfte. Für sie muss New Work anders definiert werden, weil viele Flexibilisierungsmaßnahmen wie Homeoffice für sie oftmals gar nicht machbar sind. Trotzdem erwarten auch sie mehr Flexibilität, etwa bei der Kinderbetreuung.

Darüber hinaus zeigen Umfragen, dass Sinnstiftung, Systemrelevanz und ein sicherer Arbeitsplatz für sie eine besonders große Rolle spielt, meist eine größere als klassisches “Karriere machen”. Das bedeutet wohlgemerkt nicht, dass ihnen die Höhe ihres Gehalts unwichtig ist. Arbeitgeber versuchten noch zu häufig, mit einer Kampagne alle Zielgruppen zu erreichen. Das kann auf Dauer nicht funktionieren, zumal auch die nichtakademischen Fachkräfte um ihren aktuellen Marktwert wissen. Mehr Individualität ist auch hier ein guter Weg aus der Krise.

Mehr Sein als Schein

Die Anforderungen an Arbeitgeber sind also zahlreich, und es kommt abschließend noch eine weitere hinzu, die alle anderen miteinander verbindet. Das Schlagwort Authentizität mag abgedroschen klingen. Es bleibt aber so lange aktuell, wie Unternehmen immer noch versuchen, etwas vorzugaukeln, was nicht da ist – vom Green-Washing bis zum Purpose-Washing. Damit schaden sie sich nicht nur selbst, sondern ziehen auch den zugrundeliegenden guten Ansatz, etwa sinnstiftende Arbeit zu kreieren, in den Schmutz. Es bringt nichts, viel Marketing-Geld für Scheinkulissen zu verbrennen. Es ist besser investiert, wenn man es in die Unverwechselbarkeit des eigenen Unternehmens steckt.

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.