Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Auskunftsanspruch: Nur jeder Achte will nachfragen

zwei Frauen und zwei Männer in Businesskleidung nebeneinander haben ihre Münder mit roten Tüchern verbundenier
Über das Gehalt spricht man unter Kollegen nicht gern. Ob das Entgelttransparenzgesetz für mehr Offenheit sorgen wird?
Foto: © Andrey Popov/Fotolia.de

Am 18. März wurde der diesjährige Equal Pay Day in Deutschland begangen, der auf den noch bestehenden Gender Pay Gap aufmerksam macht. Das Entgelttransparenzgesetz (EntgTranspG), das seit Januar in Kraft ist, will für mehr Lohngleichheit sorgen. Doch weniger als jedem zweiten Mitarbeiter ist das Gesetz überhaupt bekannt. Und von denen, die darüber informiert sind, will nur eine Minderheit die Möglichkeiten nutzen.

Ein Schwerpunkt des Entgelttransparenzgesetzes ist der individuelle Auskunftsanspruch: In Unternehmen ab 200 Beschäftigten hat jeder Mitarbeiter das Recht zu erfragen, nach welchen Kriterien sein Gehalt bestimmt wird. Zudem muss er auf Anfrage Auskunft darüber erhalten, wie hoch die Durchschnittsvergütung einer Vergleichsgruppe des anderen Geschlechts ist. Laut statistischen Erhebungen verdienen Frauen hierzulande sieben Prozent weniger als Männer in der gleichen Position. Doch aktuell kennen lediglich 45 Prozent der Mitarbeiter das Gesetz und die damit einhergehenden Ansprüche. Erstaunlich ist, dass von den Frauen mit 40 Prozent noch weniger informiert sind als Männer, von denen 52 Prozent das Gesetz kennen. Das zeigt die aktuelle Studie “Entgelttransparenzgesetz im Realitätscheck: Wie Mitarbeiter das neue Gesetz nutzen wollen” von > EY, für die im Februar 979 angestellte Fach- und Führungskräfte aus Unternehmen ab 200 Mitarbeitern befragt wurden.

Viele Unternehmen halten mit Informationen zum EntgTranspG hinter dem Berg

Von jenen Berufstätigen, die die neuen Regelungen kennen, haben sich die meisten (70 Prozent) in den Medien darüber informiert. Nur 18 Prozent wurden per E-Mail oder über das Intranet ihrer Firma informiert. 14 Prozent haben die Informationen vom Betriebsrat bekommen und drei Prozent vom Gleichstellungsbeauftragten des Unternehmens. Entsprechend sagen auch nur 20 Prozent der Befragten, in ihrer Firma werde offen mit dem Thema Entgeltgleichheit umgegangen. 62 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, dass sie sich von ihrem Arbeitgeber mehr Informationen zum Gesetz wünschen. Laut Studie ist allerdings die gesamte Vergütungsstruktur in vielen Unternehmen intransparent. So kennt nur etwas mehr als jeder vierte Befragte die für ihn relevanten Vergütungsrichtlinien sowie die Kriterien und Verfahren, die zur Bestimmung seines Gehalts verwendet werden.

Jeder dritte Mitarbeiter befürchtet Nachteile, wenn er das Auskunftsrecht nutzt

Nicht nur die Informationspolitik der Unternehmen ist zurückhaltend, sondern auch die Mitarbeiter halten sich bisher zurück, was die Nutzung der neuen Regelungen betrifft. Nur jeder achte Befragte will seinen individuellen Auskunftsanspruch geltend machen. Jüngere Berufstätige wollen eher davon Gebrauch machen als ihre älteren Kollegen. Insgesamt ist das Motiv, die Möglichkeiten zu nutzen, vor allem Neugier, so die Studie. Die Vermutung, schlechter bezahlt zu werden als Kollegen des anderen Geschlechts, äußerten mit 51 Prozent vor allem Frauen. Von den Mitarbeitern, die nicht aktiv werden wollen, denkt jeder Dritte, dass sonst Nachteile für ihn entstehen könnten. Konkret befürchten fast zwei Drittel (63 Prozent) verstärkten Druck seitens des Vorgesetzten, aber auch geringere zukünftige Entwicklungschancen gehören zu den Ängsten.

Merken die Mitarbeiter mit der Zeit, dass sie nicht mit Sanktionen rechnen müssen, wird die Zahl der Anfragen steigen,

vermutet Jörg Wenzel, Senior Manager und Vergütungsspezialist bei EY.

Das Thema Gehalt ist hierzulande immer noch ein Tabu

Dass die Unternehmen derzeit noch wenige Anfragen von ihren Mitarbeitern bekommen, hängt auch damit zusammen, dass die Höhe des Gehalts bei Deutschen immer noch ein Tabuthema ist. Zwar gaben 36 Prozent der befragten Arbeitnehmer an, den Verdienst ihrer direkten Kollegen zu kennen, doch die meisten sprechen nicht darüber. Eine vollständige Gehaltstransparenz im Unternehmen würde mehr als die Hälfte (56 Prozent) auch gar nicht für sinnvoll halten. 40 Prozent gaben an, dass Transparenz zu Neid und Unruhe führen würde. 16 Prozent sagten, sie würde die Entlohnung nach Leistung erschweren. Immerhin ein Drittel (34 Prozent) glaubt jedoch, dass eine Offenlegung der Gehälter für mehr Gerechtigkeit und Zufriedenheit sorgen würde. Zehn Prozent sind der Ansicht, dass damit mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern erzielt werden könnte. Dass Frauen bisher schlechter bezahlt werden als Männer, denken 62 der weiblichen Befragten und 45 Prozent der männlichen Studienteilnehmer.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.