Jahrzehntelang hat die Weltbevölkerung, trotz stetig mahnender Stimmen aus der Wissenschaft, kollektiv ignoriert, dass unser Lebenswandel den Planeten in eine irreversible Krise stürzen wird. Immerhin: Diese Botschaft ist mittlerweile auch in den Chefetagen der meisten Unternehmen angekommen. Grün, grüner, am grünsten glänzt es seitdem in Imagevideos, schallt es aus Keynotes, erstrahlen Werbekampagnen und Unternehmenswebseites.
Hat sich etwa die Erkenntnis durchgesetzt, dass exponentielles Wirtschaftswachstum und Verbrauch fossiler Rohstoffe maßgebend für Artensterben, vermehrte Naturkatastrophen und steigende Temperaturen verantwortlich sind? Nicht doch. Sich als Umweltsau zu präsentieren kann sich in Zeiten des Fachkräftemangels und der kritischen nachrückenden jungen Generationen schlicht kein Unternehmen mehr leisten. Möchte man die raren, anspruchsvollen Nachwuchstalente finden und binden, muss man sich, zumindest nach außen hin, pro Nachhaltigkeit positionieren.

Und so werben selbst Ölkonzerne mit Null-Emissionszielen, betonen Autohersteller und Fast-Fashion-Produzenten mit Fotos von blauen Himmeln, saftigen Wiesen und klaren Seen, wie sehr sie sich der Erhaltung der Natur verschrieben haben. Dieses Greenwashing macht auch vor der HR-Abteilung nicht halt. Und so ist Green Recruiting das Wort der Stunde. Denn natürlich muss jetzt auch die Talentsuche möglichst nachhaltig gestaltet werden.
Wie nun, möge man sich fragen, soll dies genau aussehen? Die Definition unterscheidet sich hier, wie bei einer klangvollen Phrase üblich, je nach Antwortgeber oder Antwortgeberin. Im Idealfall endet der rein digitale Bewerbungsprozess mit dem CO2-sparenden Remoteinterview, und zum ersten Arbeitstag am Shared Desk im energieeffizient gedämmten und mit Solarenergie betriebenen Bürogebäude wird der neue Kollege im E-Bus geshuttlet. Ein schöner grüner Traum, der an der tristen Realität zerplatzt. Viele Personalverantwortliche sind schon froh, nach zähem Ringen mit den Vorgesetzten und einem langwierigen IT-Rollout überhaupt ein digitales Bewerbermanagementsystem einführen zu können. Bemühungen hin zu Nachhaltigkeit in Unternehmen, die wirklich einen Unterschied machen, erhalten erfahrungsgemäß eher Gegenwind.
Wie man es macht, macht man es falsch
Aktuelles Beispiel: die Currywurst in der Werkskantine von Volkswagen. Wollte man der Empörung, die durch Medien und soziale Netzwerke schwappte, glauben, tauchte der VW-Vorstand persönlich bei allen Mitarbeitenden in Deutschland auf, um ihnen den „Kraftriegel der Facharbeiter“, wie Altkanzler Gerhard Schröder die Wurst medienwirksam nannte, höchstpersönlich vom Teller zu nehmen. Die Wahrheit: In einer (!) von mehr als dreißig Kantinen, die der Autohersteller betreibt, wurde das Angebot auf vegetarisches und veganes Essen umgestellt. Wenig überraschend: Mittlerweile ist der Konzern zurückgerudert. Currywurst wird wieder überall serviert – immerhin auch mit einer veganen Alternative. An liebgewonnenen Gewohnheiten etwas zu ändern, ist immer schwierig, und HR hat hier einmal mehr die undankbare Rolle zwischen allen Stühlen.
Info
Sie sind auf der Suche nach einem Dienstleister im Bereich Recruiting? Dann schauen Sie gerne in unseren Recruiting Guide, den Sie hier kostenlos herunterladen können. Das Anbieterverzeichnis finden Sie auch online.
Und manchmal werden noch so gute Konzepte auch von außen torpediert. Möchte man als Unternehmen beispielsweise den Mitarbeitenden klimafreundlich ein Jobticket mit Sharebike anbieten, muss bei manchen Verkehrsverbünden dafür zwingend eine Chipkarte bestellt werden, da die Fahrradnutzung per Ticketapp nicht möglich ist. Die Rechnung dafür gibt es ausschließlich per Post – auf Papier.
Wundert es da, dass so manche HR-Abteilung einfach kapituliert und schon froh ist, dass der Vorgesetzte im Winter nicht mehr seinen dieselbetankten Dienstwagen vor dem Firmengelände warmlaufen lässt? Vielleicht spendet den trotzdem Änderungswilligen unter Ihnen ein Zitat des amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson Trost: „Lerne von der Geschwindigkeit der Natur: Ihr Geheimnis ist die Geduld.“
Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.

